Zum Tod von Johann Kresnik Der Mann, der alles in die Luft sprengen wollte

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Der österreichische Choreograf und Regisseur Johann Kresnik ist am 27. Juli im Alter von 79 Jahren in Klagenfurt gestorben. Lesen Sie hier einen Text, der im Jahr 2005 entstand, als der Pionier des modernen Tanztheaters mit Stuttgarter Schauspielschülern und Bühnenbildstudenten das Stück „Gudrun Ensslin“ probte.

Krieg der Symbole: Gudrun Ensslin in den Armen ihrer Eltern in einer Szene aus Johann Kresniks Stück „Gudrun Ensslin“ aus dem Jahr 2005 Foto: Thilo Beu
Krieg der Symbole: Gudrun Ensslin in den Armen ihrer Eltern in einer Szene aus Johann Kresniks Stück „Gudrun Ensslin“ aus dem Jahr 2005 Foto: Thilo Beu

Stuttgart - Johann Kresnik wartet auf den Knall. Doch dann klopft doch nur irgendwer mit dem Besen schnell eine Styroporplatte fest, hinter der sich die Konfettikanone versteckt. Schauspieler stehen sich die Beine in den Bauch, ein Tonmann kramt in seinen Aufschrieben, das Licht verrückt ein paar Scheinwerfer, und Kresnik fordert trotzig schon zum vierten Mal: „Bitte lasst mich jetzt die Explosion sehen!“

Eben noch hat der Regisseur und Choreograf Richard Strauß’ „Rosenkavalier“ am größten Opernhaus von Los Angeles inszeniert. Jetzt tobt er sich auf der kleinen Bühne der Stuttgarter Kunstakademie in der Heusteigstraße aus – mit Anfängern, wenig Zeit und ohne Budget. Mit Studenten der Bühnenbildklasse an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste und Schauspielschülern bereitet Johann Kresnik die Uraufführung von „Gudrun Ensslin“ vor.

Das Stück arbeitet als Text-Montage die RAF-Zeit auf: Neben Baader, Meinhof und Ensslin kommen weitere reale, aber auch fiktive Figuren zu Wort, die dokumentarische und poetische Texte zitieren – „eine wüste Mischung“, gibt Christoph Klimke zu, der für die Textfassung verantwortlich ist.

„Darf ich die Wand auch noch kaputtmachen?“

Verwegen gibt sich auch die Bühne, die einem auf die Straße folgt – in Form weißer Kügelchen, die an den Schuhsohlen kleben: Andrea Hachmann und Elisa Limberg, die sich das Bühnenbild ausgedacht haben und gerade zunehmend hektisch an der nicht funktionierenden Nebelmaschine rumdrücken, haben das gesamte Theaterspielfeld nämlich mit Styropor ausgekleidet. „Der Raum wird absolut“, sagt Limberg. „Die weißen Wände symbolisieren die Enge, aus der die Akteure ausbrechen wollen“, ergänzt Hachmann.

„Als ich das Modell der Bühne im Januar zum ersten Mal gesehen habe, war ich total fasziniert“, sagt Johann Kresnik. Warum, wird bei den Proben schnell klar. Mit Leuchtstäben in der Hand lässt er die Schauspielschüler gerade im Dunkeln als knirschendes Knäuel durch die Styroporwelt wälzen. Aber ganz ist er noch nicht zufrieden. „Darf ich die Wand auch noch kaputtmachen?“, fragt er daraufhin. „Natürlich!“, antworten die Studenten. Kurz darauf bricht das Menschenknäuel die Wand ein. Der Regisseur ist zufrieden.

In der Styroporwelt wird ein Ei zum Gummiball

„Für Johann Kresnik ist das Bühnenbild nicht nur Dekoration“, sagt die Studentin Janina Thiel, die als Regieassistentin im Einsatz ist, „unsere Bühne kommt ihm deshalb sehr entgegen.“ Und das ungewöhnliche Material hat auch für Kresnik noch einige Überraschungen parat. So scheitern alle seine Versuche, ein rohes Ei an den Wänden kaputtzuschlagen. Immer wieder prallt das Ei wie ein Gummiball am Styropor ab. „Da müssen wir uns noch was einfallen lassen“, sagt er frustriert ins allgemeine Gelächter.

Seit Martin Zehetgruber im Jahr 2001 die Leitung der Bühnenbildklasse übernommen hat, gab es jedes Jahr ein Sommerprojekt mit einem renommierten Regisseur. Den Anfang hatte damals auch Kresnik mit „Baudelaire“ gemacht. Dass er wieder gekommen ist, ist kein Zufall: „Es ist fantastisch, mit Schauspielern und Bühnenbildnern zu arbeiten, die noch nicht fertig sind“, sagt er. Am liebsten würde er nur solche Projekte machen. „Aber ich muss ja von irgendetwas leben“, erklärt er die Tatsache, dass er immer wieder an großen Häusern inszeniert, „obwohl man die eigentlich alle in die Luft sprengen müsste“, wie Johann Kresnik provokativ feststellt.

Es knallt und Kresnik ist glücklich

Womit er wieder beim wichtigsten Probenthema des Tages ist: der Explosion. Und tatsächlich, endlich klappt alles: Auf die Stichworte „Die wollen wohl was stehlen“ rennt ein Schauspieler los, schießt mit einer Pistole in die Luft, es gibt einen lauten Knall, ein Stück Styropor wird weggerissen, Konfetti rieselt durch den Raum, und Johann Kresnik ist glücklich.