Zum Tod von Joseph Vilsmaier Ein besonderer Blick

Wie in vielen seiner Filme spielte Vilsmaiers Frau Dana Vavrova auch in „Rama Dama“ (1991) die Hauptrolle Foto: imago/United Archives

Joseph Vilsmaier, der Regisseur, der jetzt in München im Alter von 81 Jahren gestorben ist, war lange Kameramann, bevor er das Regieführen übernahm. In dieser Zeit hatte er eine Sicht auf Menschen entwickelt, die vor allem die am Rand des Lebens berücksichtigte.

Stuttgart - Fortuna III, eine alte Zeche in Essen, war wirklich nicht Joseph Vilsmaiers Revier. Aber wenn man auf Youtube den gleichnamigen „Tatort“ von 1976 mit Hansjörg Felmy als Kommissar Heinz Haferkamp noch einmal kurz abruft, um eine besondere Kunst des gelernten Kameramanns Vilsmaier zu überprüfen, springt eines sofort ins Auge: Vilsmaier wusste schon früh, wie sich sogenannte kleine Leute bewegen; Leute, die in großen Filmen, in denen auch Heimat eine Rolle spielt, normalerweise nicht vorkommen.

 

Zusammen mit dem Regisseur Wolfgang Becker inszenierte er im „Tatort: Fortuna III“ eine Art Treibjagd von Jugendlichen auf dem verrotteten Gelände. Die Kamera folgt Jungen mit Jeansschlaghosen und Selbstgedrehten im Mund, die erst nachlassen, als Vilsmaier nach einem Gegenschnitt spektakulär und unspektakulär zugleich und mit Schwenk in die Totale die Klinge eines Stiletts aufblitzen lässt, das ein rothaariger Halbwüchsiger in der Hand hält, später die Hauptperson, Opfer und Mittäter zugleich: Einer gegen alle.

Was soziale Rohheit ist und wie sie sich anfühlt, wusste der 1939 geborene Münchner Joseph Vilsmaier vom Land in Niederbayern. Da kam er in jungen Jahren in der Nähe von Eggenfelden oft bei der Verwandtschaft auf Höfen unter, wo es „schon hart zuging“, wie Vilsmaier im Alter erzählte: Die Männer kehrten aus dem Krieg zurück – oder eben nicht, und die Frauen mussten, so oder so, das kärgliche Leben meistern. Schließlich besuchte Vilsmaier ein Internat bei Augsburg – und suchte nach einem Gegenentwurf. Der war erst mal die Musik. Er lernte Klavier spielen, sogar sehr gut, studierte auch am Konservatorium in München, und wenn Ende der fünfziger Jahre Ella Fitzgerald, Count Basie, Louis Armstrong und Duke Ellington nach ihren Konzerten im Deutschen Museum ins Birdland am Max-Weber-Platz wechselten, um weiter zu swingen, war Vilsmaier laut eigener Auskunft immer dabei, Hansdampf schon damals.

Erst Schwenker an der Kamera

Mit Anfang zwanzig, im Jahr 1961, begann er eine Lehre bei der Bavaria in Geiselgasteig, wo man sich raufdienen musste: Vilsmaier war Laufbursche, Assistent und dann Schwenker von Kamera 1, 2 und 3, ehe er 1972 Kameramann wurde. Sein Lehrmeister war der Regisseur Franz Peter Wirth, ein Mann der Literaturverfilmungen und exakter Handwerker. 1988 kam Vilsmaier, der sich gerne als „Spätzünder“ bezeichnete, ein autobiografisches Buch der Bäuerin Anna Wimschneider unter: „Herbstmilch“. Er las es in einem Zug durch, realisierte, dass in ihm auf einmal wieder die Gegend um Eggenfelden, wo die Handlung spielt (nämlich in Pfarrkirchen), plastisch wurde und machte sich an die Realisation. Bei selbiger waren vom Produzenten bis zum Requisiteur – und außer den Schauspielern, darunter viele Laien – fast alle Sparten von Vilsmaier besetzt. Im Grunde genommen war er als Filmregisseur ein absoluter Selfmademan.

„Herbstmilch“ sollte immer Vilsmaiers bester, weil authentischster Film bleiben, denn er sah wiederum, was nur ein Mensch sehen konnte, der Anna Wimschneiders Welt gekannt hatte: das Harte, ja Brutale einer Existenz als Frau in der Landwirtschaft im Krieg und danach, den Familienterror und den alltäglichen Kampf gegen die Abstumpfung. Vilsmaiers Bilder waren intim, aber nicht voyeuristisch. Die Dörfler, die mitgespielt hatten, fühlten sich keinesfalls verkannt. So oder zumindest so ähnlich sei es gewesen, attestierten sie Vilsmaier, der die Hauptrolle mit der jungen Pragerin Dana Vavrova besetzte, die zuvor bei Franz Peter Wirth (in „Ein Stück Fremde“) debütiert hatte: eine Art Naturereignis. Vavrova, der eine besondere Melancholie eigen war, starb 2009 mit gerade erst 41 Jahren. Sie war Vilsmaiers Frau gewesen und Mutter der drei gemeinsamen Töchter.

Historie war sein Thema

Das Filmemachen betrieb Vilsmaier spätestens seit „Schlafes Bruder“ (nach Robert Schneiders Buch) ein bisschen wie das Brezelbacken, und das hatte natürlich auch seine Folgen. Historie, die sich als Geschichte erzählen ließ, blieb weiterhin Vilsmaiers Thema, im weitesten Sinn auch der Heimat- und Bergfilm, Genres, die es in Deutschland wegen Leni Riefenstahl oder Arnold Franck, aber auch wegen der verlogenen Scheinidyllen der fünfziger Jahre („Grün ist die Heide“) immer besonders schwer hatten.

Manche Phänomene wie die Konstellationen innerhalb der „Comedian Harmonists“ bekam Vilsmaier eher nicht, manche hochkonfliktträchtigen Momente wie in „Stalingrad“ nur am Rand filmästhetisch zu packen: Am wirkmächtigsten war er immer dann, wenn er ein Einzelschicksal oder die Machtbalancen innerhalb einer kleinen Gruppe beobachte. Beim Publikum war Vilsmaier, dass darf man nicht unterschätzen, dabei stets beliebter als bei der Kritik, die ihm häufig Eindimensionalität vorwarf. Aber eindimensional ist das Leben unter bestimmten Umständen eben auch sehr oft.

Eine besondere Affinität hatte Vilsmaier nach wirklich guten Filmen wie „Rama Dama“ und tendenziell mittelmäßigen wie „Marlene“ und „Nanga Parbat“ zur „Geschichte vom Brandner Kaspar“, 1871 in oberbairischer Mundart geschrieben von Franz von Kobell und kurioserweise in Dresden uraufgeführt auf dem Theater, in der Hauptrolle besetzt mit Erich Ponto. Bis heute ist das Stück auf den Schaubühnen Bayerns, aber auch im Stuttgarter Theater der Altstadt buchstäblich nicht totzukriegen, womöglich weil es ein Ewigkeitsthema beinhaltet: Lässt sich mit dem Tod (hier: der Boandlkramer) wirklich darum schnapseln und karteln, ob man mit siebzig noch mal reichlich Lebensjahre zugeschlagen bekommt?

Immer wieder der „Brandner“

Im Jahr 2008 besetzte Vilsmaier mit sicherem Instinkt Michael Herbig als Boandlkramer („Kennst mi ned?“) und Franz Xaver Kroetz als Brandner („Mach, dass d’ naus kimmst!“), und die Leute rannten Vilsmaier die Kinotüren ein. Mutmaßlich wird das noch einmal so sein, wenn die zweite Fassung vom „Brandner“ (diesmal mit dem Zusatz „und die ewige Liebe“) gezeigt wird, die Vilsmaier kurz vor seinem Tod wiederum mit Michael Herbig und neuerdings mit Hape Kerkeling als Tod noch abgedreht hat.

In den letzten Jahren gönnte sich Vilsmaier, der stets umgänglich und auskunftsfreudig blieb und selbstbewusst war, ohne je überheblich zu werden, ein paar Hubschrauberreisen, die er unter dem Titel „Bavaria – Traumreise durch Bayern“ im Kino ebenfalls zu einem großen Erfolg an der Kasse machte, zumindest im Freistaat. Heraus kam ein atemlos getakteter Film über ein Bilderbuchland, den man dem Regisseur Vilsmaier auch deswegen ein klein wenig krummnehmen musste, weil er in seinen Anfängen ja mutig das Gegenteil gezeigt hatte: Bayerns Schattenseite. Jetzt kam Dachau gerade so eben am Rand noch vor, wie ein paar Obdachlose in München, der Rest war Glanz und Gloria. Vilsmaier hatte auf Totale gestellt und lieferte Postkartenansichten.

In Erinnerung bleiben wird ein anderer Vilsmaier. Es ist der, der einen ganz besonderen Blick für jene hatte, an denen das Leben gerade vorbeigeht, während es sie mit elementarer Wucht trifft. Jetzt ist Joseph Vilsmaier plötzlich in München gestorben. Er wurde 81 Jahre alt.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Bully Herbig Hape Kerkeling