Zum Tod von Jürgen Bosse Der leise Ex-Schauspielintendant, der auch kämpfen konnte

Jürgen Bosse ist mit 85 Jahren gestorben. Foto: FUNKE Foto Services/Ulrich von Born

Der Theatermann und ehemalige Intendant des Stuttgarter Schauspiels, Jürgen Bosse, ist mit 85 Jahren gestorben.

Er hat es nicht leicht gehabt in Stuttgart. Als Jürgen Bosse 1988 die Intendanz im Schauspiel des Staatstheaters antrat, übernahm er ein schweres Erbe. Sein Vorgänger Ivan Nagel setzte auf Jung- und Altstars, die von überall eingeflogen wurden: Ulrich Tukur, Martin Wuttke, Anne und David Bennent, Hans-Michael Rehberg, Gert Voss. Dann der Kontrast: der jedem Jet-Set-Theater abholde Bosse, der mit einem No-Name-Ensemble aus Mannheim angereist kam und es in der Landeshauptstadt mit einem starverwöhnten Publikum zu tun bekam, mit dem er bis zu seinem vorzeitigen Abgang 1993 nicht warm werden konnte. Jetzt ist der Theatermann, der sich auch selbst im Weg stehen konnte, in Essen mit 85 Jahren gestorben.

 

Er gehörte zu den Leisen im Land. Die Öffentlichkeit mied er, wo er nur konnte. Auch in Stuttgart blickte Bosse scheu und verhuscht hinter seiner runden Brille hervor und verrichtete lautlos seine Arbeit als Regisseur, der er auch war. Dabei nahm er sich nicht wichtiger als seine Arbeit, ja, er wollte als Künstler hinter seinem Werk unsichtbar werden: „Mein Ideal ist, dass man mich in meinen Inszenierungen nicht wahrnimmt“, bekannte er. Nie wollte er eine provokative, gar innovative Regiehandschrift entwickeln, er setzte auf das, was er beherrschte: handwerklich perfekt gemachte Aufführungen von – darin knüpfte er an Nagel an – vorzugsweise zeitgenössischen Well-Made-Plays aus dem angelsächsischen Raum.

Er war auch ein Verkannter

Im Rückblick muss man allerdings feststellen, dass Jürgen Bosse in Stuttgart nicht immer gerecht behandelt wurde, weder vom Publikum noch von der Kritik. Denn er konnte Dramen schon auch zum Leuchten bringen, Klassiker-Schwergewichte eingeschlossen. Aus Mannheim brachte er einen strengen und klugen „Hamlet“ sowie einen hinreißenden „Peer Gynt“ mit, in der Titelrolle jeweils sein Lieblingsspieler Rudolf Kowalski. Stuttgarts Liebe zum regieführenden Schauspielchef kühlte erst ab, als seine durchweg realistischen Arbeiten immer weniger Geheimnisse bargen. Man bekam das Gefühl, sie wie ein Kreuzworträtsel fix lösen und entschlüsseln zu können. Dann legte man sie ad acta. Fair war das nicht. Im Zeitalter der Dilettanten würde man sich das Gütesiegel „Made by Bosse“ gelegentlich herbeiwünschen. Er war auch ein Verkannter.

Laut wurde der Leise bei seinem turbulenten Abgang in Stuttgart. Bosse wehrte sich vehement gegen die drohende Schließung des Kammertheaters. Aus Spargründen sollte es dichtgemacht werden. Das Gerücht ging um, dass der Generalintendant Wolfgang Gönnenwein dieses Opfer bringen wollte, um seine Vertragsverlängerung durchzubringen. In Bosses Augen eine Todsünde. Nach einer Aufführung im Kammertheater trat er vors Publikum und machte die Sache publik – ein bundesweit wahrgenommener Skandal, der fast zum Bruch der Großen Koalition unter Erwin Teufel führte. Jürgen Bosse war auch ein Kämpfer, der nicht in die Knie ging und nicht auf die Karriere schielte. Sein Herz, das jetzt zu schlagen aufgehört hat, gehörte zeitlebens dem Theater. Ihm war er verfallen mit Leib und Seele.

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