Leki-Chef Klaus Lenhart war Pilot mit Leib und Seele, jetzt kam er beim Absturz eines Flugzeugs ums Leben. Erinnerungen an einen Flug über die Alb.

Kirchheim - Der Anruf kommt unerwartet. „Essen Sie bitte keine Schweinshaxe zu Mittag“, sagt Klaus Lenhart und empfiehlt leichte Kost, einen Salat oder so. „Damit auch alles drin bleibt.“ Ein Missverständnis, denke ich. Ich befürchte Schlimmes, was meine Nachmittagsverabredung mit „Herrn Leki“ angeht – wie sie ihn auf dem Fluggelände in Kirchheim unter Teck alle nennen. Ein Mann der Extreme, mehrfacher Deutscher Meister im Kunstfliegen und Chef des weltweit größten Ski- und Wanderstockherstellers Leki.

 

„Ich fliege nicht mit, das ist für ein Porträt nicht nötig“, wehre ich das Ansinnen ab und spüre, wie Adrenalin in meine Adern schießt. Mir reicht ein Luftloch im Linienflieger, und mein Magen meldet sich.

Was Klaus Lenhart in den Lüften macht, ist der fortwährende Versuch, über die Schwerkraft siegen zu wollen. Als ob der schwäbische Unternehmer die Grenzen, die ihm gesetzt sind, neu definieren könnte: mit jedem Flug wirbelt er ein bisschen höher, ein bisschen eleganter durch den Himmel. „Ich bin schneller als die Formel 1“, sagt Lenhart und erzählt von Spitzengeschwindigkeiten bis zu 400 Stundenkilometern, von rasanten Sturzflügen und dem Anti-G-Anzug. „Die Jetpiloten haben einen schönen Overall, damit das Blut nicht in die Beine absackt.“ Er trage so etwas nicht, auch wenn die Belastungen im engen Kurvenflug nicht unerheblich seien. „Das fühlt sich so an, als ob vier oder fünf Leute auf einem sitzen.“

Gute Gegenargumente

Alles gute Argumente, um auf keinen Fall in die knallrote Extra 300 L zu steigen, die mich an diesem Hochsommertag vor drei Jahren auf der Kirchheimer Hahnweide erwartet. Ich schwitze, weil es der bislang heißeste Tag im Jahr ist. Ein makellos blauer Himmel, wir sind fast allein auf dem Gelände am Fuße der Schwäbischen Alb. Klaus Lenhart hängt über der Volvic-Flasche, ich klammere mich an meinem Notizblock fest, wir suchen den Schatten im Hangar. „Es ist immer das Gleiche“, ermuntert mich Lenhart. „Die Männer spucken große Töne, und dann brauchen sie an Bord die Plastiktüte. Die Frauen sind übervorsichtig und meistern den Flug bestens.“

Bei all seinem unternehmerischen Erfolg hat Klaus Lenhart die Bodenhaftung nie verloren. Der Multimillionär, der zwischendurch am Mobiltelefon mit seinem Handschuhhersteller aus China plaudert, scheint alle Zeit der Welt zu haben. Das Büro kann warten, die Zwölf-Stunden-Arbeitstage unterbricht Lenhart gerne auf dem Flugplatz. Er erzählt, wie er mit 14 zum ersten Mal im Segelflugzeug saß und er erst mit Mitte 40 zum Motorkunstflug gewechselt ist. „Ich habe keine Angst, aber jede Menge Respekt“, sagt Lenhart, der immer mal wieder in gefährliche Situationen geraten ist. Er kennt das Gefühl der kurzen Ohnmacht, wenn der Blutdruck absackt, er für Sekundenbruchteile die Kontrolle über die Maschine verliert.

Drei Blackouts hintereinander

Bei einer Trainingseinheit während der Europameisterschaft in Litauen habe er gleich drei Blackouts hintereinander erlebt, erinnert sich der Himmelsstürmer und gibt zu, dass er getrieben sei von seinem Perfektionismus, von dem Wunsch, keinen Punkt Abzug zu erhalten bei Meisterschaften. Dass das Risiko mitfliegt, hat Lenhart niemals vergessen: „Wenn man einen Fehler macht, kann man innerhalb von zwei, drei Sekunden tot sein.“

Ich steige in die 300-PS-Kiste ein, mit einem Fallschirm auf dem Rücken und einem mulmigen Gefühl. Lenhart hat versprochen, sofort umzukehren, wenn mich mein Mut verlässt, und er ist ein Mann, der Wort hält – da bin ich sicher. Sein Händedruck ist fest, seine Erfahrung Vertrauen erweckend.

Ich habe es nicht bereut. Es ging kopfüber, senkrecht nach unten und immer um die eigene Achse herum. Der Flug war das Schönste, was mir in jenem Sommer passiert ist. Ich bin in der Nacht weitergeflogen und am nächsten Tag auch.

Klaus Lenhart fliegt nicht mehr. Eine Bruchlandung hat er im September leicht verletzt überstanden. Ein Motoraussetzer auf der Kirchheimer Hahnweide am Montag, einen Tag vor seinem 57. Geburtstag, kostete ihn sein Leben. Er war Co-Pilot in der Extra 300 L, ein 24-Jähriger saß am Steuer und ist inzwischen außer Lebensgefahr.