Zum Tod von Meinhard von Gerkan Der elegante Pragmatiker unter den Architekten
Wie kein Zweiter brachte der Architekt Meinhard von Gerkan Ästhetik und Funktionalität in Einklang. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.
Wie kein Zweiter brachte der Architekt Meinhard von Gerkan Ästhetik und Funktionalität in Einklang. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.
Fragt man nach dem wichtigsten deutschen Architekturbüro und dem einflussreichsten zeitgenössischen Architekten hierzulande, so fällt immer der Name Meinhard von Gerkan. Allerdings zählte er nicht zu den „Stararchitekten“ unter den Baukünstlern – denn mit Glamour und Starallüren wollte er nicht aufwarten.
Begonnen hat Gerkans Erfolgsgeschichte und die seines ein Jahr jüngeren Partners Volkwin Marg in Berlin. Ihr Erstlingswerk gleich nach dem Studium 1965 war der Flughafen Tegel, ein Bau, der wegen seiner gestalterischen Qualitäten und der kurzen Wege von den Passagieren geschätzt wurde bis zu seiner Stilllegung 2020: Nur 40 Meter vom Taxi bis zur Flugzeugtür – das ist unerreicht.
Fortan entwickelte sich das Büro mit Standort Hamburg rasch zum routinierten Wettbewerbsteam, das trotz bodenständig moderner Grundhaltung häufig die Nase vorn hatte mit elegant erscheinenden Entwürfen und pragmatisch-perfekten Grundrissen. Von Gerkan spielte dabei den rationalistischen Part neben dem etwas konstruktivistischer entwerfenden Volkwin Marg.
Meinhard von Gerkan, im Januar 1935 im lettischen Riga geboren, verlor früh seine Eltern und wuchs bei einer Pfarrerfamilie in der Lüneburger Heide auf und zur Gymnasiumzeit bei Anthroposophen in Hamburg. Der TU Braunschweig, wo er Architektur studierte, blieb er verbunden und lehrte dort mehr als ein Vierteljahrhundert bis 2002 Gebäudelehre und Entwerfen. Mehrere Universitäten im In- und Ausland trugen ihm die Ehrendoktorwürde an, unter anderem die Universität Marburg den Dr. theol. E. h. für seine Kirchenbauten.
Aber von Gerkan war auch ein politischer Mensch. 1989 gelang es ihm, eine gmp-Werkausstellung in Dresden zu organisieren, die eine Woche vor dem Fall der Mauer eröffnete. Kurz darauf organisierte er den „West-östlichen Architekten-Workshop zum Gesamtkunstwerk Dresden“. Im Anschluss an den gewonnenen Wettbewerb „Bukarest 2000“ initiierte er 1998 einen Workshop für Braunschweiger und Bukarester Studenten, um Ideentransfer und persönliche Beziehungen zu fördern.
Derlei Aktivitäten, für die die meisten Kollegen keine Zeit haben, kündeten von einer humanistisch begründeten Überzeugung: Die Arbeit des Architekten ist mehr als das Auftürmen möglichst viel umbauten Raums mit möglichst geringem Aufwand. Über „Die Verantwortung des Architekten“, so eines seiner vielen Bücher, hat sich von Gerkan immer Gedanken gemacht und sich im Interesse der Baukultur vehement zu Wort gemeldet.
Dabei war er durchaus streitbar: Von Gerkan zog wegen Urheberrechtsverletzung vor Gericht, als der Bahn-Chef Mehdorn während des Baus des Berliner Hauptbahnhofs die gläserne Halle um 110 Meter kürzen und die Halle im Untergeschoss mit einer banalen Flachdecke ausbauen ließ, weil er glaubte, vor der Fußball-Weltmeisterschaft Zeit und Geld sparen zu können – was sich als fataler Irrtum erwies. Die gesamte Architektenschaft drückte ihm die Daumen, weil nur er mit dem Großbüro gmp im Hintergrund sich einen solchen Musterprozess erlauben konnte. Von Gerkan gewann und steckte die Abfindung in Millionenhöhe in die gmp-Stiftung. Er hatte in Hamburg die Academy for Architectural Culture (aac) gegründet, eine gemeinnützige Bildungseinrichtung auf Stipendienbasis für Architekturstudenten vor allem aus dem Ausland.
Seine schmerzlichste Niederlage erlebte von Gerkan beim Rausschmiss aus dem Projekt des Berliner Flughafens BER. Der Regierende Bürgermeister Wowereit hatte nach der geplatzten Eröffnung 2011 fälschlicherweise die Architekten verantwortlich gemacht und kurzerhand alle Planer entlassen – mit den bekannten milliardenschweren Folgen. Von Gerkan veröffentlichte eine Streitschrift und schaffte es, sein Architekturbüro aus der Schusslinie zu bringen. Denn die eigentliche Architektur des BER war bereits 2011 fertiggestellt und wird seitdem von Flughafenplanern aus aller Welt wegen der neuartigen Organisation der Gates und des inneren Erschließungssystems studiert.
Dass von Gerkan Flughafen konnte, hatte er unter anderem in Hamburg und Stuttgart bewiesen. Inzwischen hat das größte deutsche Architekturbüro mit Filialen in Berlin und Aachen nahezu alle Bauaufgaben im Portfolio, die sich denken lassen, von der Villa bis zur Großsiedlung, vom Labor bis zum Industriebetrieb, Kirchen und Museen, Fußball-WM-Stadien und Bäder, Stadthallen und Messegelände.
Erstaunlich ist die Erfolgsgeschichte von gmp in China. Im Jahr 2000 eröffnete die deutsche Botschaftsschule in Peking, gleichzeitig machten eine Werkausstellung und der Wettbewerbsgewinn der Messe Nanning von Gerkan in Chinas Investorenkreisen schlagartig bekannt. Anders als viele westliche Architekten, deren China-Engagement scheiterte, erkannte von Gerkan rasch, dass er vor Ort ein schlagkräftiges Büro gründen müsse – mit in Hamburg in gmp-Standards geschulten chinesischen Mitarbeitern und dem mit den Gepflogenheiten vertrauten späteren Partner Wu Wei, der die Netzwerke knüpft und für das Vertragswesen zuständig ist.
Dabei lag dem geradlinigen, pragmatischen, nicht unbedingt allzeit diplomatisch auftretenden von Gerkan die chinesische Art der Kommunikation und Verhandlungsführung wirklich nicht. Als das von gmp geplante Chinesische Nationalmuseum in Peking – das größte Museum der Welt – eröffnet wurde, hielt der Architekt in seiner Tischrede beim Galadinner mit seiner politischen Meinung zur gerade stattgefundenen Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei nicht hinterm Berg. Die Dolmetscherin vermied es jedoch, seine Ausführungen wortwörtlich zu übersetzen, und so blieb die den Chinesen so wichtige Harmonie gewahrt.
Vier Opernhäuser, mehrere Stadien, Wolkenkratzer und ganze Hochhauscluster, Museen, Rathäuser, Messegelände und Bahnhöfe: Über 120 Großprojekte hat von Gerkan seit 1999 mit seinen Büros in Peking, Shanghai und Shenzhen realisiert, in Vietnam die Nationalversammlung, ein Kongresszentrum und das Hanoi-Museum.
Bis zuletzt aktiv, ist der gegenwärtig bedeutendste deutsche Architekt am 30. November im Alter von 87 Jahren in Hamburg im Kreis seiner Familie gestorben.