Zum Tod von Muhammad Ali Der Boxer als Comic-Held

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Am Ende geben sich Superman und Muhammad Ali die Hand, und Ali sagt: „Superman, wir sind die Größten!“ In dem Comicmeilenstein „Superman vs. Muhammad Ali“, traf 1978 der Boxer, der im Alter von 74 Jahren gestorben ist, auf Superman – und gewann.

Das Cover des Comicprachtbands „Superman vs. Muhammad Ali“, der im Stuttgarter Panini-Verlag erschienen ist. Foto: DC/Panini Comics
Das Cover des Comicprachtbands „Superman vs. Muhammad Ali“, der im Stuttgarter Panini-Verlag erschienen ist. Foto: DC/Panini Comics

Stuttgart - Eine kriegerisch-stolze Alienhorde, die sich die Scrubb nennt, reist auf der Suche nach ebenbürtigen Gegnern von Galaxie zu Galaxie. Auf der Erde wird sie schließlich fündig und fordert die Menschheit zu einem Zweikampf heraus – der stärkste Erdling gegen den stärksten Scrubb. Doch wer ist der stärkste aller Erdenkrieger? Schwergewichtschampion Muhammad Ali und der auf die Erde ausgewanderte und inzwischen eingebürgerte Kryptonier Superman sollen nun bei einem Boxkampf klären, wer von ihnen beiden wirklich der Größte ist.

Neal Adams und Denny O’Neil haben sich diese ziemlich irre Story ausgedacht, die erstmals 1978 erschien und einen Meilenstein in der Geschichte der Comics darstellt. Denn der abstrusen, voller perfiden Wendungen steckenden Story zum Trotz etabliert das Heft, das vom Stuttgarter Panini-Verlag als großformatiger Prachtband neu aufgelegt wurde, einen neuen, zuvor in Superhelden-Comics weitgehend unbekannten Realismus. Zum einen entwickeln Neal Adams’ Zeichnungen eine bis heute erschütternde hyperrealistische Dynamik, beeindrucken mit ungewohnten Perspektiven und bilden nebenbei detailversessen die 1970er Jahre ab. Supermans Metropolis ist zwar wie Batmans Gotham ein fiktiver urbaner Moloch. Allerdings sieht die Version die Adams gezeichnet hat, New York City – beziehungsweise Harlem – zum Verwechseln ähnlich. Zum anderen hat sich ein Mainstream-Comic nie zuvor dermaßen ausführlich mit Diskriminierung und dem erstarktem afroamerikanischen Selbstbewusstsein auseinandergesetzt. „Ich glaube wirklich, dass ich Muhammad Ali geholfen habe, seine Botschaft an die Welt zu verkünden“, schreibt Zeichner Neal Adams in dem Vorwort zur Neuauflage.

Ein Zeichen gegen die Diskriminierung

Jenette Kahn, die damals den Band herausgegeben hat, verrät, dass die Idee für den Comic von Box-Promoter Don King kam. Dieser hatte Ali 1974 beim „Rumble In The Jungle“ gegen George Foreman und 1975 beim „Thrilla In Manila“ gegen Joe Frazier boxen lassen. 1976 schlug er nun als neuen Gegner Superman vor. Kahn betreute das Projekt, bei dem es nie nur um einen neuen spektakulären Kampf Muhammad Alis gehen sollte: „Trotz all seines derben und großtuerischen Gehabes galt er als Mann mit Prinzipien und als Verfechter und Symbol der gegen Unterdrückung kämpfenden schwarzen Bevölkerung“, erinnert sich Kahn, „ein Aufeinandertreffen ­Supermans mit Ali musste die Bedeutung des Boxchamps auf für die Welt außerhalb des Rings berücksichtigen.“

Wenn sich am Ende Superman und Muhammad Ali die Hand geben und Ali sagt „Superman, wir sind die Größten!“, ist das natürlich nicht nur eine Geste unter Sportsmännern, sondern ein Zeichen gegen die Diskriminierung und somit Werbung für ein Miteinander von Schwarz und Weiß.

Grenzüberschreitung zwischen Realität von Fiktion

Doch auch unabhängig von dieser Botschaft der Versöhnung ist der Comic „Superman vs. Muhammad Ali“ ein Meilenstein, weil er die Lust am Grenzübergang zwischen Realität und Fiktion inszeniert. Seither haben sich Comicstorys immer wieder an der Wirklichkeit abgearbeitet, mischen sogar mitunter eifrig in gesellschaftspolitischen Debatten mit. In den Comic-Universen der beiden US-Verlage DC und Marvel haben sich bereits Superhelden als homosexuell geoutet., und in der „X-Men“-Comicreihe hat kürzlich ein schwuler Superheld seinen Lebenspartner geheiratet. In Heft 36 der „Amazing Spider-Man“-Reihe, das im Oktober 2001 erschien, wurden Spider-Man und andere Helden des Marvel-Universums zu machtlosen Chronisten der Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001. Ein paar Jahre später kam der Spinnenmann allerdings rechtzeitig, um in einem Sonderheft ein Attentat auf den gerade neu gewählten US-Präsidenten Barack Obama zu wählen.

„Historische Momente wie diese können sich in unseren Comics widerspiegeln, weil unser Heldenuniversum in der wirklichen Welt beheimatet ist“, hatte Marvel-Chefredakteur Joe Quesada damals der „New York Daily News“ gesagt. Nicht zuletzt weil Obama kurz zuvor verraten hatte, als Jugendlicher Spider-Man-Comics gesammelt zu haben, hatte der Verlag beschlossen, die beiden zusammenzubringen. Aber auch andere US-Comics hatten sich 2009 mit der Präsidentenwahl beschäftigt. Die Horror-Sammlung „Tales From The Crypt“ widmete sich während des Wahlkampfs Sarah Palin unter der Überschrift „A Topic That Even Scares Us!“: ein Thema, das sogar uns Angst einjagt!

Die Wirklichkeit hatte es übrigens mit dem „Superman vs. Muhammad Ali“-Comic nicht gut gemeint. Das Heft hatte eigentlich schon 1977 erscheinen sollen. Doch es war zu Verzögerungen gekommen. Als der Prachtband 1978 endlich veröffentlicht wurde, war Muhammad Ali gerade sensationell von Leon Spinks geschlagen worden.