Zum Tod von Nelson Mandela Ein Leben für die Freiheit

Menschen in der ganzen Welt trauern um Nelson Mandela. Foto: dpa
Menschen in der ganzen Welt trauern um Nelson Mandela. Foto: dpa

Weltweit trauern die Menschen um Nelson Mandela. Der Kämpfer für die Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen gilt als Idol der Freiheit. Der StZ-Afrika-Korrespondent Johannes Dieterich erinnert sich an seine Begegnungen mit ihm.

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Johannesburg - Manche hätten dafür viel Geld oder sogar ihre Seele hergegeben. Sich eine Audienz bei Nelson Mandela zu sichern zählte zu den ehrgeizigsten Ambitionen, die Zeitgenossen hegen konnten: Lediglich Staatspräsidenten, Königinnen, Supermodels, Sport- oder Popstars konnten auf die Erfüllung ihrer hochfahrendsten Träume hoffen – und ich. Ja, auch meine Wenigkeit zählt zu den glücklichen Erdenbürgern, die die Ikone persönlich kennengelernt haben, und zwar nicht nur im Rahmen eines fünfminütigen Fototermins, sondern über viele Jahre hinweg und im Rahmen zahlreicher Begegnungen, die von historischen Großereignissen wie Mandelas Inauguration zum ersten demokratisch gewählten dunkelhäutigen Präsidenten seiner Heimat bis zu einem eher intimen Frühstück unter vier Augenpaaren reichten.

Die warmherzige Art ließ ihm die Herzen zufliegen

Auch jene epochale Episode zählt dazu, als ich während eines Friedensgipfels im inzwischen stillgelegten Carlton-Hotel von Johannesburg beim Pinkeln am Urinal plötzlich neben mir Afrikas berühmtesten Sohn wahrnahm – für mich ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass es sich bei dem Heroen um einen wahren Menschen handelte. Zugegeben: zwischen dem von zwei Bodyguards begleiteten VIP und dem verschüchterten Jungjournalisten kam es während des Wasserlassens zu keinem angeregten intellektuellen Austausch. Doch auf Madibas warmes „Hello. How are you?“, musste ich auch hier nicht verzichten.

Es war Mandelas warmherzige Art, die ihm die Herzen zufliegen ließ: Mit seinem sonoren „How are you?“ ehrte er außer Journalisten auch Wachmänner und Putzfrauen in Konferenzzentren oder Hotels. Mandela gab jedem das Gefühl, Teil der großen, gemeinsam angestrebten Sache zu sein: Eine Qualität, die man lediglich von Menschen mit Überzeugungen und intaktem Selbstbewusstsein kennt. Dass seine Verbindlichkeit zur Kunst eines außergewöhnlichen Politikers gehörte und nicht unbedingt immer wörtlich zu nehmen war, erlebte ich beim Besuch eines Kollegen, der zuvor noch nie einen Fuß auf afrikanischen Boden gesetzt hatte: „Of course, I know you“, schmeichelte Mandela, als ich ihm den Redakteur nach einer Pressekonferenz kurz vorzustellen suchte.

Im wahren Leben konnte die Ikone auch wütend sein

Seine warme, persönliche Art führte auch zu Missverständnissen. Mit zunehmendem Alter verbreitete sich die Auffassung, bei dem Befreiungsführer handele es sich um einen gutmütigen, stets lächelnden Papa: ein gewaltiger Irrtum, wie jeder weiß, der seine bissigen Rededuelle mit Frederik Willem de Klerk, dem letzten bleichhäutigen Präsidenten am Kap, miterlebte. Selbst den eigenen Kabinettsmitgliedern zitterten die Knie, wenn „der Alte“ in Rage geriet: „Am liebsten würde man sich dann unterm Tisch verkriechen“, sagte ein Ex-Minister, der den Fehler beging, das Schwert mit dem politischen Koloss zu kreuzen.

Im wahren Leben konnte die Ikone also wütend, gut gelaunt – und auch zutiefst betrübt sein. Einen Tiefpunkt seines nach der Freilassung im Großen und Ganzen glorreichen Daseins erlebten wir Reporter, die das Glück hatten, Anfang der 90er Jahre eine der aufregendsten Etappen der jüngeren Weltgeschichte am Kap der Guten Hoffnung zu begleiten. Damals gab Mandela im Johannesburger ANC-Hauptquartier die Trennung von seiner zweiten Frau Winnie bekannt. Er bitte um Verständnis, wenn er nach dem Verlesen seiner Stellungnahme keine Fragen mehr beantworte, sagte Nelson Mandela mit belegter Stimme: Und alle Journalisten schwiegen betroffen – manche mit Tränen in den Augen. Ähnlich verbunden hatte man sich weder zuvor noch danach je wieder mit einem Präsidenten gefühlt.

Glorifizierung zum säkularen Heiligen

Es war Südafrikas erster und vorerst letzter Präsident, der auf souveräne Weise mit der Presse umzugehen wusste. Er bezog uns ein, stellte sich zu frühmorgendlichen Frühstücks-Briefings in kleinstem Kreis zur Verfügung und hielt von billiger Medienschelte Abstand, in der seine Nachfolger regelmäßig Zuflucht suchen. Noch während seiner Amtszeit kontaktierte Mandela einmal telefonisch einen Karikaturisten, um ihn zur Fortsetzung seiner ätzenden, aber für eine Demokratie unverzichtbaren Arbeit zu ermuntern: Derselbe Zeichner wird vom heutigen Präsidenten mit Verleumdungsklagen überzogen.

Gewiss waren wir Reporter an Mandelas Glorifizierung zum säkularen Heiligen nicht unbeteiligt. Leid tut mir diese professionelle Verfehlung allerdings nicht. Einen Teil seines Lebens in nicht allzu großer Entfernung von einer derartigen Ausnahmeerscheinung verbracht zu haben, ist ein Privileg, das nicht vielen zuteil geworden ist. Was hätte einem Afrika-verrückten Reporter Besseres passieren können, als die Erinnerung an den Befreier des Kaps der Guten Hoffnung und den Gründer der Nation, die noch immer den Regenbogen über sich erstrahlen lassen könnte, eingebrannt bekommen zu haben: Auf diese Weise lebt Nelson Mandela weiter.




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