Zum Tod von Niki Lauda Der Mann mit dem Kapperl sagt servus

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Formel-1-Weltmeister, Fluglinienbesitzer und Fernsehexperte: Niki Lauda hat alles erlebt. Nun ist er mit 70 Jahren im Kreise seiner Familie gestorben.

Formel-1-Legende Niki Lauda ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Foto: AFP 13 Bilder
Formel-1-Legende Niki Lauda ist im Alter von 70 Jahren gestorben. Foto: AFP

Stuttgart - Ein so berühmter Mann wie Niki Lauda kann sich nicht verstecken. Im Sommer vergangenen Jahres verabschiedete er sich aus dem Formel-1-Zirkus ins Allgemeine Krankenhaus in Wien – jeder bekam es mit und zitterte. Dort musste er sich einer Lungentransplantation unterziehen. Über Monate hinweg tastete er sich ins Leben zurück. Weihnachten verbrachte er dann auf Ibiza. Im Schoß der Familie, seiner Frau Birgit und den Zwillingen Mia und Max, wollte er regenerieren und kündigte als Oberaufseher des Mercedes-Teams an, möglichst schon bei den ersten Formel-1-Rennen der Saison 2019 wieder an der Rennpiste aufzutauchen – Ehrensache!

Anlässlich seines 70. Geburtstages am 22. Februar hatte sich Lauda noch in einer kurzen Audio-Botschaft beim ORF für die Glückwünsche mit den Worten bedankt: „Ich komme wieder zurück und es geht volle Pulle bergauf.“ Nun hat Lauda seinen steten Kampf ums Überleben verloren. Am Montag ist Niki Lauda im Alter von 70 Jahren im Kreise seiner Familie gestorben. Viel zu früh, denn er, der Rastlose, hatte noch so viel vor. Die Welt trauert um eine der ganz besonderen Figuren des Sports.

Laudas bewegtes Dasein könnte dicke Wälzer füllen

Ein Leben ohne Bewegung, ohne Pläne, ohne Ziele – das ist nichts für Niki Lauda gewesen, dieses Stehaufmännchens des Motorsports. Nach seinem Feuerunfall 1976 am Nürburgring brüstete er sich in seiner ganz eigenen, selbstironischen Art, auch höhere Mächte überlisten zu können, wenn es denn sein muss. „Gott hat nach mir gegriffen“, sprach der Österreicher, „aber er hat nur mein Ohr erwischt.“ Ein ganz berühmter Satz von ihm.

Er wollte Lewis Hamilton auf dem Weg begleiten, vielleicht doch noch Michael Schumachers WM-Rekord von sieben Titeln zu knacken. Aber vor allem wollte er mitkriegen, wie Mia und Max, denen er nach eigenen Angaben jeden Morgen das Müsli machte, weil er nichts anderes könne, sich entwickeln, wie sie groß werden. Er wollte miterleben, was aus ihnen wird. Nun haben Mia und Max ihren Vater verloren – und die Welt des Sports eine ihrer Ikonen. Das liegt auch daran: Laudas bewegtes Dasein könnte dicke Wälzer füllen. Der Unternehmersohn aus Wien hat so viele Höhen und Tiefen durchgemacht, dass es für ein einziges Leben gar nicht ausreicht.

Sturheit als Lebensprinzip

Gegen die Widerstände des gutbürgerlichen Elternhauses fuhr er Ende der sechziger Jahre Rennen in abenteuerlichen Tourenwagen – weil es damals Usus war, das Gegenteil dessen zu machen, was die Eltern wollten. Der Großvater war als Bergbau-Unternehmer einer der größten Industriellen Österreichs, der Vater besaß Papierfabriken. Also sah der für den Junior festgelegte Weg ein Studium und die Übernahme der Firmen vor. Doch weil es Ende der Sechziger üblich war, zu Hause den Rebellen zu geben, bezog der Sohn gegen den Willen der Familie in Salzburg ein Zimmer – und gab auf den Rennstrecken mächtig Gas. Sturheit als Lebensprinzip.

Niki Lauda wurde dreimal Formel-1-Weltmeister. Er lieferte sich packende und vor allem menschlich unterhaltsame Duelle mit den völlig anders geeichten Rivalen James Hunt und Alain Prost. Aber vor allem: Berühmtheit erlangte er durch den Feuerunfall, der sein Gesicht entstellte und wegen dem er sein rotes Kapperl bis ans Ende seiner Tage trug, um die Narben auf dem Kopf zu verstecken. Mit diesem ersten großen Schicksalsschlag ging der grantelnde, aber ob seines Wiener Schmähs so beliebte Rennfahrer ausgesprochen lässig um. Genaugenommen sei er ja vorher auch keine Schönheit gewesen, sprach Lauda, da war er dem Tod gerade noch so entkommen. Und: „So siehst du halt aus, wenn du 50 Sekunden im Feuer hockst“, meinte er lapidar, als habe er sich nur mal kurz beim Rasieren geschnitten.

Größte Niederlage als Fluglinienbesitzer

Nur 42 Tage nach dem Crash saß der Pilot schon wieder im Formel-1-Auto, um das WM-Duell gegen den Plaboy Hunt zu gewinnen, was am Ende nicht klappte. Der Feuerunfall von Lauda war einer der bewegendsten Momente der Formel 1 – und des Weltsports. Doch als wollte er seinen Eltern doch noch etwas beweisen, blieb es nicht beim verhältnismäßig schlichten Rennfahrerdasein. Lauda, der akribische Arbeiter, wollte sich auch als Unternehmer einen Namen machen. Er gründete die Fluggesellschaft Lauda-Air, flog seine Maschinen mit Begeisterung selbst – und stieg damit ein in die große Geschäftswelt.

Als Fluglinienbesitzer erlitt er jedoch seine größte Niederlage, eine, die ihn niemals losließ. Der Flugzeugabsturz am 26. Mai 1991, als eine Boeing 767 der Lauda-Air über Thailand wie ein Stein vom Himmel fiel, weil sich die Schubumkehr eines Triebwerks eingeschaltet hatte, war die größte Tragödie im Leben des Andreas Nikolaus Lauda. 223 Tote – der Horror, unfassbar. „Das war die schlimmste Zeit für mich“, erinnerte sich der Österreicher noch vor wenigen Jahren. Nie wurde er von Hinterbliebenen der 223 Toten angegriffen, aber sie stellten ihm oft die Frage nach dem Warum. „Ich habe gesagt, wenn wir schuld sind, dann sperren wir den Laden zu, denn dann sind wir unfähig, ein Flugzeug fliegen zu lassen, das sicher von A nach B kommt.“ Erst als nach acht Monaten ein Konstruktionsfehler am Triebwerk als Ursache ausgemacht wurde, hatte Lauda endlich das, was für ihn so wichtig war: eine Erklärung. Nichts hasste er mehr, als ein Leben im Ungewissen.

Technischer Logik und kauzig bruddelnden Chefaufseher

Aus tiefem Verantwortungsbewusstsein heraus reiste der Fluglinienchef damals sofort an die Unfallstelle nach Thailand. Nie hat er vergessen, wie er bei der Beerdigung von 23 unidentifizierbaren Körpern an dem Massengrab ein kleines Mädchen dabei beobachtete, wie es mit der Großmutter dastand und Muscheln in die Grube warf. Die hatte sie im letzten Urlaub mit ihren Eltern, die in dem Flugzeug saßen, am Strand gesammelt. „Das war hart“, sagte Lauda, dessen Dasein als Fluglinienbesitzer darüber hinaus immer wieder geprägt war von Turbulenzen finanzieller Art.

Im Jahr 2005 rettete ihm seine zweite Frau Birgit mit einer Nierenspende das Leben, eine Spätfolge des Feuerunfalls. Dreizehn Jahre später folgte die Lungentransplantation. Bis dahin hat das sportbegeisterte Publikum Niki Lauda niemals aus den Augen verloren, was bei seiner Fernsehpräsenz auch gar nicht möglich war. Als RTL-Experte, der sich bei seinen Einschätzungen auf sein Bauchgefühl verließ, fällte er gnadenlose Urteile mit hohem Unterhaltungswert. Und wenn einem Piloten ein ganz besonderer Sieg gelungen war, zog er vor ihm die Kappe. Das ist mehr gewesen als ein Lob – es war der Ritterschlag.

In den vergangenen Jahren tat das Mercedes-Team gut daran, sich die Dienste des wohl berühmtesten Österreichers zu sichern – als Freund technischer Logik, als kauzig bruddelnden Chefaufseher des Formel-1-Teams und als echte Marke. Aber vor allem als Mensch. Denn so sehr die Stuttgarter wie auch die Sportwelt den Hut vor seiner Persönlichkeit und vor allem auch vor seiner turbulenten Vita ziehen, so sehr fehlt ihnen jetzt auch die Wärme seines Herzens. Ein Wesenszug, den Niki Lauda beim besten Willen nicht verstecken konnte; auch mit dem roten Kapperl nicht.