Alles in diesem Leben löst sich auf in Literatur. Bis zum Schluss. In dem vor wenigen Tagen erschienenen Roman „Knife“, in dem Salman Rushdie das auf ihn verübte Attentat literarisch-essayistisch verarbeitet, hat Paul Auster noch einen Gastauftritt als einer der Waffenbrüder im Kampf gegen den Tod. Er hatte an einer Veranstaltung teilgenommen gegen die Zerstörung der amerikanischen Demokratie durch die Anhänger jenes Politikers und erneuten US-Präsidentschaftskandidaten, den er am liebsten nur „Fuckhead“ genannt hätte. Wenig später, im Dezember 2022, erfuhr Paul Auster von seiner Krebsdiagnose. „Daumen drücken“, schreibt Rushdie voller Emphase auf die ihm eigene Art.
Seiner Behandlung in einer New Yorker Krebsklinik hat Paul Auster noch einen Roman abgerungen, der ein letztes Mal die Elemente seines Lebens in eine mögliche Ordnung bringt. In „Baumgartner“ (2023) meditiert die Titelfigur, die wie immer mindestens so viele Gemeinsamkeiten mit wie Unterschiede zu dem Autor hat, über Krankheit, Alter und Verlust. Noch einmal wird der Blick frei in jene Werkstatt, in der Paul Auster, dieser Weltstar der Gegenwartsliteratur, Identitäten spiegelt, verschiebt, transformiert, um sie so gerettet ins Reich der Fiktion zu überführen.
Labyrinth der Zeichen
Nahezu jedes der Bücher des 1947 in Newark, New Jersey, als Sohn jüdischer Einwanderer geborenen Autors thematisiert die Bedingungen des eigenen Entstehens. Und seine Helden sind häufig passionierte Leser, Wiedergänger des Autors selbst, die zwischen Paris und New York, zwischen französisch intellektueller Verspieltheit und amerikanisch körniger Erzählkunst ihren waghalsigen Weg über dem Abgrund der Wirklichkeit suchen. Dabei hängt ihr Schicksal häufig am dünnen Faden des Zufalls.
Sein erster Roman, unter einem Pseudonym veröffentlicht, war eine Detektivgeschichte. Nach allen Regeln postmoderner Transformationskunst baute er diese Gattung in seiner „New-York-Trilogie“ aus den achtziger Jahren um, bis von allen Gewissheiten nur noch ein Labyrinth zu deutender Zeichen bleibt. Der Zyklus bedeutete den Durchbruch des Schriftstellers; Auster demonstriert darin, was er während seiner Jahre in Paris gelernt hat: die Welt als sprachliche, symbolische Konstruktion zu begreifen. Dabei bleiben seine Romane immer zugänglich, und die Weise, wie er seine theoretischen Überzeugungen verkörperte, machte ihn zugleich zur Ikone eines intellektuellen Lebensstils. 1981 lernte er die Schriftstellerin Siri Hustvedt kennen, „die Frau, die mich gerettet hat“. Über vierzig Jahren prägte er zusammen mit ihr das Erscheinungsbild der Boheme des New Yorker Stadtteils Brooklyn. Dazu gehörten auch Drehbücher zu Kultfilmen wie „Smoke“ und „Blue in the Face“ (beide 1995 erfolgreich von Wayne Wang verfilmt), die den Tabakkonsum alltagsgeplagter Städtebewohner zelebrierten.
Bankrott Amerikas
Knapp zwanzig Romane, Gedichtbände, Essays, autobiografische Betrachtungen umfasst sein Werk. Sieben Jahre hat er an seinem Mammutroman „4321“ geschrieben, mit dem er sich und die lesende Öffentlichkeit zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 2017 beschenkte. Dieser lässt sich getrost als Summe bezeichnen: Man begegnet darin nicht nur einem jener sympathisch verpeilten jungen Männer aus dem jüdisch-migrantischen Ostküsten-Milieu wieder, die Auster schon in autobiografischen Werken wie der „Erfindung der Einsamkeit“ 1982 eindrücklich verewigt hatte. Es werden darüber hinaus gleich vier verschiedene Varianten des Lebens dieses Archie Ferguson erzählt, der ganz zufällig das Geburtsjahr 1947 mit dem Autor gemeinsam hat.
Den Variablen der persönlichen Entwicklung stehen die Konstanten der Zeitgeschichte gegenüber. In allen vier Versionen muss sich Archie zu einer Welt im Aufruhr verhalten: Der moralische Bankrott des Vietnamkriegs, Rassenkonflikte in ihrer hässlichsten Form, die Attentate auf die Kennedys und Martin Luther King zerreißen das Land in jene unversöhnlichen Hälften, die sich auch heute wieder gegenüberstehen. Und mit Staunen liest man auf die Ära Nixons gemünzte Sätze, die man ebenso gut für eine Beschreibung aktueller Verhältnisse halten könnte: „Den alten Männern, die das Sagen hatten, war die Wahrheit entglitten, Lügen waren jetzt die anerkannte Währung des politischen Diskurses in Amerika.“
Es gab im Leben Paul Austers vieles, wogegen er sich im Möglichkeitsraum der Literatur schützen musste. Dazu gehört das Drogendrama, das seiner kleinen Enkelin 2021 und seinem Sohn 2022 das Leben gekostet hat. Der Tod zieht in vielen seiner Romane die Fäden. Von jenen vier Archie Fergusons überlebt nur einer. Aber auch das Daumendrücken seines Freundes Salman Rushdie hat am Ende nichts mehr geholfen. Mit 77 Jahren ist Paul Auster am Dienstag in New York seiner Krankheit erlegen. Doch in seinem Werk leben ungezählte Varianten seiner selbst weiter.