Zum Tod von Rolf Hochhuth Der Dichter, der Filbinger stürzte

Streitbarer Geist: Rolf Hochhuth prägte die Bundesrepublik. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Kein Dramatiker hat so viel bewirkt wie er: Rolf Hochhuth stürzte Politiker und provozierte die Theaterwelt. Seine Stimme wird fehlen.

Stuttgart - Was harmlos klingt, kann gefährlich werden: Schillers vor mehr als zweihundert Jahren aufgestellte Forderung, die „Schaubühne als moralische Anstalt“ zu betrachten, hat kein Schriftsteller je so ernst genommen wie Rolf Hochhuth. Aus der Schaubühne machte er einen Kampfplatz, auf dem Gut gegen Böse rang, was nur gelingen konnte, weil er seine Theaterstücke zu Tribunalen umgeschmiedet hatte. Und vor diese Tribunale zerrte er Politiker und Päpste, Militärs und Lobbyisten, Konzernchefs und Unternehmensberater. Ihnen und allen anderen, die er zu den Herrschenden zählte, machte er den Prozess, moralisch einwandfrei, aber ästhetisch oft dürftig, weshalb er nicht zum Liebling der Theaterkritik avancierte. Sie schmähte seine Stücke als „Bühnenleitartikel“ – und doch war Rolf Hochhuth, der am Mittwoch mit 89 Jahren in Berlin gestorben ist, der politisch wirkmächtigste deutsche Dramatiker der Nachkriegszeit.

 

Er trieb Filbinger in die Enge

Seinen größten Coup landete der schreibende Moralist in Baden-Württemberg. Dort stürzte er den Ministerpräsidenten: 1978 musste Hans Filbinger vom Amt zurücktreten, nachdem Hochhuth bei literarischen Vorarbeiten für sein Drama „Juristen“ auf die Nazi-Vergangenheit des Landesvaters gestoßen war. Als Kriegsmarinerichter in Norwegen hatte Filbinger noch kurz vor Kriegsende sehr unchristlich ein Todesurteil gegen einen Deserteur verhängt, woran er sich drei Jahrzehnte später nicht mehr erinnern wollte. Hochhuth aber, dessen Stärke immer in der peniblen Recherche lag, legte Dokumente vor, die keinen Zweifel am Tun des „furchtbaren Juristen“ ließen. In die Enge getrieben, rechtfertigte sich der Ministerpräsident mit einem legendär gewordenen Satz: „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“ – der skandalöse Höhepunkt eines Aufklärungsdramas, mit dem Hochhuth bis auf den heutigen Tag enorm zur politischen Hygiene im Land beigetragen hat. Die Herrschenden, so einer seiner Aphorismen, hätten meist ein reines Gewissen: Rein – weil nie benutzt.

Im Kasus der „Juristen“ spiegelt sich aber wie in einem Brennglas auch die ganze Problematik, die sich mit Hochhuth als Schriftsteller verband: Der damalige Stuttgarter Theaterintendant Claus Peymann, dem eine Nähe zu den RAF-Gefangenen in Stammheim unterstellt wurde, verzichtete auf die Uraufführung – nicht weil er Angst vor weiterem Ungemach hatte, sondern weil er das Textkonvolut für schwer spielbar hielt. Denn so sehr Hochhuth zeitlebens ein Gespür für die brennenden Fragen der Zeit hatte, so sehr fehlte ihm das Gespür für die Form, in der er diese Fragen gießen und diskursiv verhandeln konnte. Was er in seinem Dokumentartheater entwarf, waren keine Konflikte lebender Menschen, sondern lediglich trockene Debatten mit verteilten Argumenten. Das wollte man nicht immer auf der Bühne sehen. Was man aber keineswegs missen wollte, war sein aufklärerischer, von ungeheurem Gerechtigkeitsempfinden getriebener Furor, dessen Bezugspunkt nicht nur bei den „Juristen“ sehr häufig die Nazi-Verbrechen waren.

Produktiver Lärm

Schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit rückte der 1931 im hessischen Eschwege geborene Kämpfer mit der Schreibfeder, als 1963 sein „Stellvertreter“ herauskam. Die Komplizenschaft des Vatikans mit dem Hitler-Regime: Hochhuth war der erste, der diese unheilige Allianz einem breiten Publikum bekannt machte, was sich nicht zuletzt am internationalen Erfolg des ironisch als „christliches Trauerspiel“ bezeichneten Drama ablesen ließ. Weltweit löste es Debatten aus, es machte produktiven Lärm wie viele andere Hochhuth-Stücke auch, etwa „Wessis in Weimar“ über die dubiosen Machenschaften der Treuhand nach dem Mauerfall. Uraufgeführt wurde das Drama 1993 im Berliner Ensemble, just jenem Theater, das sich Hochhuth drei Jahre später mit juristischen Tricks unter den Nagel zu reißen versuchte. Neben der Wahrheitssuche gehörte Streit zu seinem Lebenselixier.

Ja, seine kalkulierten Provokationen, seine verlässlichen Mach-mal-Krawall-Festspiele konnten nerven. Dennoch gehört Hochhuth in die Reihe der unbequemen Mahner, die Deutschland nach dem Krieg geprägt haben, von Heinrich Böll über Günter Grass bis hin zu – ja, zu wem in diesen Tagen? Es gibt niemanden mehr, der es mit der literarischen Wirkmacht dieses Mannes aufnehmen könnte. Der Störenfried wird uns fehlen.

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