Zum Tod von Tomi Ungerer Ein Meister des idyllischen Abgrunds

Von Georg Leisten 

Tomi Ungerer liebte die Provokation – und tarnte sie bisweilen mit Harmlosigkeit. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

Ungerer schockierte mit seinen Zeichnungen die Kunstwelt. Foto: AFP
Ungerer schockierte mit seinen Zeichnungen die Kunstwelt. Foto: AFP

Stuttgart - Kinderbuchpreise hat man ihm verliehen und Ehrendoktortitel, manche seiner bitterbösen Bildgeschichten aber wurden verboten. Einmal sogar rissen aufgebrachte Feministinnen in einer Ausstellung seine erotischen Zeichnungen von den Wänden. Tomi Ungerer war ein Mann der extremen Gegensätze. Jetzt ist der weltberühmte Illustrator, Autor und Bildhumorist im Alter von 87 Jahren gestorben.

Seine Lehrer fanden Ungerer „subversiv und pervers“

1931 kam er als Sohn einer Uhrmacherfamilie in Straßburg zur Welt. Jean Thomas stand in seinem Taufschein, für die Nazis hieß er später Johann, für alle anderen einfach Tomi. „Subversiv und pervers“ fanden ihn schon seine Lehrer. Das sehen die Leser von heute bestimmt anders, die mit „Adelaide, dem fliegenden Känguru“, „Crictor, der guten Schlange“ oder dem eigensinnigen Kater Toby Tatze ihre ersten Lektüreerfahrungen machten. Beim Abitur aber fiel Ungerer durch, trotz der Eins in Kunst. Und weil es auch mit der Kunstakademie nicht klappen wollte, kehrte der 25-Jährige seiner elsässischen Heimat den Rücken, um mit 60 Dollar in der Tasche nach New York zu ziehen. „Meine Wurzeln,“ schreibt er Jahre später in einem autobiografischen Rückblick auf seine Kindheit, „liegen im Elsass, mein Laub nehme ich mit.“

Über New York und Kanada zurück nach Straßburg

Er heiratete eine Amerikanerin und schlug sich zunächst als Werbegrafiker durch, bis sein erstes Kinderbuch im Harper Verlag zum Überraschungserfolg wurde. Doch auch für Erwachsene griff Ungerer zur Feder, wenn er gallebittere Karikaturen etwa zum Vietnamkrieg zeichnete oder mit beißendem Witz über New Yorks Schickeria herzog. Amerikas Oberflächlichkeit und Verlogenheit, erinnerte er sich, hätten seinen satirischen Blick überhaupt erst geschärft.

1970 zog er auf ein Anwesen ins kanadische Neuschottland, um als Selbstversorger Schweine zu schlachten, Lachse zu räuchern oder Bier zu brauen. Später entdeckte der polyglotte Weltbürger seine Heimat wieder, nahm einen zweiten Wohnsitz in Straßburg, engagierte sich für die deutsch-französische Freundschaft sowie den Erhalt elsässischer Kultur, von der er selbst ein Teil geworden ist. Schon zu Lebzeiten schenkte er eine beträchtliche Auswahl seines schätzungsweise 40 000 Blätter umfassenden Oeuvres seiner Geburtsstadt.

Erotomane und pädagogisch inkorrekter Kinderbuchautor

Ungerers bekannteste und beliebteste Hommage an die französische Oberrheingegend ist wohl „Das große Liederbuch“. Als seien sie pausbäckig-biedermeierlichen Elsassdörfern abgeschaut, muten die Genreszenen an, die Ungerer dem Band mit traditionellen Volksliedern zur Seite stellte. Nur auf Samtpfoten schleicht sich die Ironie in dieses Gesangskompendium: beispielsweise, wenn zwei sauffreudigen Alpinisten der Finger Gottes aus den Bergen droht. Wer daran Freude findet, hätte wohl nicht gedacht, dass derselbe Zeichner auch ein bizarr-provokantes Erotikon schuf. In der kerkerdunklen Manier eines Goya präsentierte er einer schockierten Kunstwelt hüllenlos hingegossene Schönheiten, Dominas in Overknee-Stiefeln und schwarzromantische Schmerzlustmaschinen zwischen de Sade und Sacher-Masoch.

Ihre Fortsetzung fand diese Ikonografie der harten Liebestouren 1993 in einer eigenwilligen Kollektion kostbar-obszöner Accessoires, die der bekennende Erotomane zusammen mit dem Stuttgarter Schmuckdesigner Günter Krauss kreiert hatte: Penisanhänger aus rosaroten Diamanten, Brüste aus Gold, Nippel aus Rubin. Pornografischer Edelkitsch, aber der Erfinder stand zu seinen Männerfantasien: „Das gibt der künstlerischen Arbeit einen gewissen Sportsgeist.“

Auch als Kinderbuchautor ging es Ungerer nie um pädagogisch korrekte Idyllen. Sein quirliges Tierleben erzählt vom Fressen und Gefressenwerden, von hungrigen Katzen, die sich Konservendosen mit toten Mäusen öffnen. „Ich will den Kindern klar machen, dass die Welt nicht von Kuscheltieren regiert wird.“