Zum Tod von Walter Jens Der Settembrini der Republik

Von Rolf Spinnler 

Der Publizist und Philologe Walter Jens ist tot. Er sei am Sonntagabend im Alter von 90 Jahren in Tübingen gestorben, gab sein Sohn Tilman Jens bekannt. Jens war seit längerem demenzkrank, konnte schon seit Jahren nicht mehr reden und nicht mehr schreiben.

Der Philologe und Autor Walter Jens ist im Alter von 90 Jahren in Tübingen gestorben. Foto: dpa
Der Philologe und Autor Walter Jens ist im Alter von 90 Jahren in Tübingen gestorben. Foto: dpa

Tübingen - Es gibt nicht viele Schriftsteller, die man im historischen Rückblick als Repräsentanten einer ganzen Epoche begreifen kann. Voraussetzung dafür ist ein langes Leben, das den wechselnden Moden des Zeitgeists getrotzt und stattdessen so etwas wie Kontinuität und Dauer im Wechsel verkörpert hat. Bedingung ist ferner, dass es sich um einen Autor handelt, in dessen Leben und Werk sich der allgemeine Weltlauf und das individuelle Schicksal so sehr durchdrungen haben, dass beide am Ende eine Einheit bilden.

Anders als im Fall des Außenseiters, der nicht in seine Zeit passt, weil er entweder zu früh oder zu spät kommt, bündeln sich im Repräsentanten die divergierenden Strömungen einer Epoche zu einer geglückten oder doch zumindest respekterheischenden Synthese. Goethe mag als Paradebeispiel für eine solche Figur dienen und hat nicht umsonst einer ganzen Epoche, der „Goethezeit“, ihren Namen gegeben. Aber auch Thomas Mann und Victor Hugo oder Jean-Paul Sartre in Frankreich verkörpern diesen Intellektuellentypus. Walter Jens, der am Sonntagabend im Alter von neunzig Jahren in seinem Haus in Tübingen gestorben ist, hat gute Chancen, ins Pantheon dieser Geistesgrößen aufgenommen zu werden.

Wird man einmal von der Ära Jens sprechen? In Tübingen, wo der Schriftsteller seit 1949 gelebt hat, ganz sicher. Er gehörte dort in den vergangenen sechzig Jahren zum Stadtbild wie das Stift, der Hölderlinturm und der Neckar. Das war ihm nicht in die Wiege gelegt worden, denn Walter Jens kam 1923 als Sohn eines Bankdirektors und einer Lehrerin in Hamburg zur Welt. Er besuchte dort das Johanneum, das traditionsreiche Elitegymnasium der Hansestadt, und studierte dann Klassische Philologie und Germanistik in Hamburg und Freiburg. 1949 habilitierte er sich an der Tübinger Universität mit einer Arbeit über Tacitus und wurde an dieser Hochschule 1963 auf den eigens für ihn maßgeschneiderten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik berufen.

Aufklärung und Erziehung einer demokratischen Öffentlichkeit

Diese Position bot ihm die geeignete Plattform für seine vielseitigen Begabungen als Schriftsteller und Übersetzer, Literaturwissenschaftler und Kritiker und nicht zuletzt als engagierter Intellektueller, der sich nicht scheute, sich mit Wort und Schrift ins politische Geschehen der Bundesrepublik einzumischen.

Professoren der Altphilologie pflegen eher unbemerkt von der Öffentlichkeit im akademischen Elfenbeinturm ihrem Spezialgebiet nachzugehen. Nicht so Walter Jens. Er verstand sich als Homme de Lettres im umfassenden Sinn des Wortes, der nicht nur als Philologe über Literatur reden, sondern sie als Autor selbst verfassen wollte. 1947 debütierte er mit der Erzählung „Das weiße Taschentuch“, 1950 erschien der Roman „Nein – Die Welt der Angeklagten“, eine Parabel im Stil Franz Kafkas, in der er die Erfahrung des totalitären Systems des Nationalsozialismus zu verarbeiten suchte. Der junge Romancier wurde alsbald in die Gruppe 47 aufgenommen und galt fortan als einer der Hoffnungsträger der deutschen Nachkriegsliteratur.

Auch wenn diesen Debütwerken in den fünfziger Jahren weitere Romane und Erzählungen und bald auch Hör- und Fernsehspiele folgten, in denen sich der Autor der Breitenwirkung der neuen Massenmedien bediente, so huldigte Jens dabei nie dem Prinzip des L’art pour l’art. Sein Ziel war letztlich kein ästhetisches, sondern ein moralisch-politisches: nämlich Aufklärung und Erziehung einer demokratischen Öffentlichkeit. Der Protestant Jens bekannte sich ausdrücklich zu jenem Strang der deutschen Tradition, der Literatur und Theater als moralische Anstalten begriff und deshalb frivolen ästhetischen Spielereien ablehnend gegenüberstand. Er war der Settembrini der Bundesrepublik, die Figur des humanistischen Zivilisationsliteraten aus Thomas Manns „Zauberberg“ war sein erklärtes Vorbild. Die großen Autoren des bürgerlichen Humanismus von Lessing über Fontane bis zu Heinrich und Thomas Mann waren dabei seine Vorbilder, Émile Zolas „J’accuse“ in der Dreyfus-Affäre stellte ihm das rhetorische Modell zur Verfügung, die Brecht’schen Lehrstücke lieferten die passende literarische Form.




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