Zum Tode von Königin Elizabeth II. The Queen has passed away

Überdimensional groß: Ein Bild der Queen am Piccadilly Circus im Zentrum von London Foto: AFP/Ben Stansall

Die Königin von England stirbt – warum bewegt das auch Menschen, die keine Royalisten sind? Das fragt Tim Schleider in seinem Leitartikel.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Warum bewegt uns das? Warum gucken am frühen Donnerstagabend auf dem Stuttgarter Schlossplatz junge Menschen auf ihr Smartphone und rufen sich zu: „Die Queen ist tot?“ Warum sagt der Taxifahrer zum Fahrgast beim Einsteigen: „Haben Sie schon gehört?“ Warum bekommt man eine Whatsapp: „Schon irgendwie traurig . . .“ Ist das womöglich auch so ein Tag, an den wir uns auch in Zukunft immer erinnern werden: Dort war ich, als ich hörte, dass die Queen gestorben ist . . .

 

Wir Deutschen können froh sein, dass sich unsere Hohenzollern und alle sonstigen Fürsten und Geschlechter 1918 in die Geschichtsbücher, respektive in die Boulevardpresse verabschiedet haben. Es gibt für uns keinen Grund, der Monarchie nachzutrauern. Wenn wir nicht gerade einen britischen Pass in der Tasche haben, gibt es eigentlich auch keinen vernünftigen Anlass, vom Tod einer 96-Jahre alten Frau im fernen Schottland übermäßig bewegt zu sein. Umso mehr, als Königin Elizabeth II. in den mehr als siebzig Jahren ihrer Regentschaft ja keine einzige politische Veränderung bewirken konnte. Sie hat keinerlei handfeste politische Reformen vorzuweisen wie beispielsweise der jüngst verstorbene Michail Gorbatschow.

Die Macht ihrer monarchischen Vorfahren ist im Lauf der englischen Geschichte längst auf Parlament und Premierminister übergegangen; wir sprechen ja nicht ohne Grund von England als Mutterland der Demokratie. Diese Elizabeth Windsor war zwar immer noch pro forma der Souverän des ganzes Staatswesens – aber ein Souverän, der nur noch eine Form nach außen war, ein Symbol. Und gerade wir Deutschen misstrauen zu recht allen Symbolen, hinter denen, wie wir finden, nicht wirklich etwas Rechtes, etwas Relevantes steckt.

Aber da war halt etwas Relevantes. Da war und ist die Geschichte einer jungen Frau, die an ihrem 21. Geburtstag als Kronprinzessin ihrem Volk verspricht, ihr ganzes Leben, „möge es lang sein oder kurz“, in dessen Dienst zu stellen: einfach ein Symbol zu sein, ein Bild, eine Projektionsfläche für ihr Land – nicht an der Spitze des Staates, sondern als Zentrum der Gesellschaft, wenn diese es denn will; so, wie sie es bei ihrem Vater erlebt hat, der als König Georg VI. im Zweiten Weltkrieg trotz der Bomben der Deutschen und gegen den Rat der Regierung nicht ins ferne Kanada zog, sondern in London blieb.

Für die allermeisten Briten, die heute leben, war die Queen immer schon da. Und für uns auswärtige Nichtbriten, für uns Herzens-Republikaner auch. Sie vermittelte jene Beständigkeit, welche die Tagespolitik so selten bieten kann, suggerierte Konstanz und Halt in einer Gesellschaft, die eigentlich permanent im Umbruch war. Mit ihrer Familie hat sie im Lauf der Jahre zweifellos dem Boulevard auch eine stattliche Reihe an Skandalen geliefert. Aber trotzdem feierten die meisten Briten noch vor wenigen Wochen das 70-jährige Thronjubiläum ihrer Queen voller Zustimmung und Begeisterung. Denn eigentlich feierten sie ja bei der Gelegenheit sich selbst.

Man kann es ganz profan sagen: Dieses Einfach-ihren-Job-Machen, bis ins sehr hohe Alter, das verlangte schlicht auch uns Nichtroyalisten Respekt ab. Nun ist die Queen gegangen. Und in Erinnerung bleibt nicht nur die Pflichtbewusste. Sondern auch eine Frau mit einer erstaunlichen Fähigkeit zur Selbstironie. Fragt der Taxifahrer: „Wissen Sie noch diesen lustigen Film damals, als die Queen mit James Bond zusammen am Fallschirm aus dem Hubschrauber ins Olympiastadion geflogen ist?“ Ja, wissen wir noch. Auch da fiel ihr kein Zacken aus der Krone. Auch da machte the Queen a really good job.

Weitere Themen