Zum Umbau der Stuttgarter Haltestelle Staatsgalerie Die in Beton gegossene Trostlosigkeit

An der Haltestelle Staatsgalerie nagte der Zahn der Zeit. Nun geht ihre Nachfolgerin in Betrieb. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Es wird tatsächlich etwas fertig, was mit Stuttgart 21 zu tun hat. Am Wochenende wird die neue Haltestelle Staatsgalerie eröffnet. Und was für ein Unterschied zur trostlosen Vorgängerin. Die aber einst vor 48 Jahren gerühmt wurde.

Stuttgart - Bier im Tunnel. Das wäre es gewesen. Geliefert im Rohr, frisch von Wulle. Das hätte wahrscheinlich vielen geholfen, sich in der düsteren und trüben Haltestelle Staatsgalerie wohler zu fühlen. Leider wurde diese bierernste Idee nie umgesetzt. 1971 hatte Dinkelacker die Brauerei Wulle gekauft. Weil direkt vor dem Firmensitz die Mineure die Willy-Brandt-Straße für den Bau der Stadtbahntunnel und der Haltestelle Staatsgalerie umpflügten, heckten die Brauer den Plan aus, Dinkelacker in der Tübinger Straße und Wulle per Rohrleitung im Untergrund zu verbinden. Das scheiterte. Die Brauerei Wulle wurde nicht mehr gebraucht und schließlich abgerissen, heute steht dort das Hotel Le Méridien.

 

Im Mai 1972 wurde die Haltstelle eröffnet

Nun ist auch die Haltestelle Staatsgalerie Geschichte. Im Mai 1972 ist sie als Teil der Tunnelstrecke zwischen Stöckach und Charlottenplatz nach vier Jahren Bauzeit eingeweiht worden. Mit großem Tamtam und vielen Vorschusslorbeeren. Die Stuttgart Zeitung feierte die Haltestelle als besonders „einladend“. Sie solle auch als Fußgängerverbindung zwischen dem Wohngebiet und den Anlagen dienen. „Aus diesem Grund haben die Planer nicht nur herkömmliche Treppenaufgänge geschaffen, sondern auch architektonisch reizvolle Fußgängerebenen angelegt, die im Winter beheizt werden können. Von dem Fußgängergeschoss aus kann man auf die Bahnsteige hinunterschauen, deren Wände in Sichtbeton gehalten werden und nur Farbtupfer durch die verkleideten Installationsabdeckungen bekommen, während die obere Fußgängerebene mit emaillierten großformatigen Blechen versehen wird.“ Auch Oberbürgermeister Arnulf Klett war voll des Lobes, als „besonders augenfällig“ bezeichnete er die Haltestelle „mit ihren großen Haltestellenräumen, gerundeten Bauwerksformen und bequemen Fußgängerrampen“.

Wo bitte ist die Staatsgalerie?

Diese Euphorie kann wohl kaum einer nachvollziehen, der die Haltestelle später kennenlernte. Die in Beton geronnene Trostlosigkeit. Die Wege dreckig, die Wandverkleidung abgeblättert, die Werbevitrinen leer, die Wege unergründlich und ohne Hinweise. Wo ist bitte die Staatsgalerie? Ursprünglich sollte die Haltestelle Schillerstraße heißen. Die Direktion der Staatsgalerie schimpfte die Stadtoberen „Barbaren“, der Name wurde geändert. Einige Zeit lang war ein Diaprojektor installiert, der auf die Ausstellungen aufmerksam machte.

Geradeaus ging es in die Alte Münze

Als dann 1984 die Neue Staatsgalerie eingeweiht wurde, der Eingang noch weiter wegrückte von der Haltestelle, entwickelte sich die Suche nach dem Bau des Architekten James Stirling zur Odyssee. Wer sich im Labyrinth verirrte, lernte kennen, dass die Stadt nicht überall so aufgeräumt ist, wie sie gerne tut. Geradeaus ging’s in die Alte Münze, eine Kneipe jener Art, in der es zum Frühstück Pils gibt und vornehmlich Männer zum Surren der Spielautomaten den Tag vertrödeln. Rechts ging’s zur Kunst, links herum zum Schwulenstrich zwischen den Hecken vor dem Planetarium. Stuttgart 21 hat die Strichjungen ihren Arbeitsplatz gekostet – den sie übrigens Staga nannten.

Mitte 1962 startete man mit dem Tunnelbau für die Stadtbahn

Doch springen wir einige Jahre zurück. Nach dem Wegräumen der Trümmer des Kriegs gestalteten OB Arnulf Klett und sein Baubürgermeister Walter Hoss in den 1950er Jahren die Stadt um. Freie Fahrt war ihr Motto. Die Hohe Carlsschule, das Kaufhaus Schocken, das Kronprinzenpalais, die Salucci-Reithalle ließen sie beiseite räumen, um Straßenschneisen zu schlagen. Die Straßenbahn immerhin sollte anders als in anderen Großstädten weiter fahren. Allerdings sollte sie Platz machen für die Autos und ab in den Untergrund. Man wollte die Verkehrsströme entflechten. Oben sollten die Autos rollen, darunter in Unterführungen die Fußgänger sich bewegen, im zweiten Untergeschoss die Straßenbahnen fahren. Mitte 1962 hob man die erste Baugrube am Charlottenplatz aus, 1966 wurde der erste tiefe Teil der Haltestelle Charlottenplatz, in Fachsprache Ebene Minus 2 der Tallängslinie, eingeweiht. Hinzu kam die erste Tunnelstrecke zwischen Holzstraße und Staatstheater. Als erste Stadt Deutschlands besaß Stuttgart ein Stückchen unterirdische Straßenbahn.

Für die Umleitung wurde die alte Stadtbücherei abgerissen

1968 begann der Weiterbau Richtung Stöckach. Mit einem brachialen Glauben an den Fortschritt, der heute undenkbar wäre. Zwei Jahre wurde die B 14 gesperrt, der Verkehr samt Straßenbahnen durchs Kernerviertel umgeleitet. Damit die Autos auf der Umleitung mehr Platz hatten, wurde das Eckhaus an der Neckarstraße/Sängerstraße abgerissen. Einst der Sitz der Stadtbücherei. Glaubt man den Chroniken, ging das völlig ohne Streit ab. Knapp 70 Millionen Mark kostete der Bauabschnitt, also die Tunnel samt der Haltstellen Stöckach und Staatsgalerie. Heute wären das rund 300 Millionen Euro.

Hernach bohrte und buddelte man fleißig weiter. In Degerloch, in Zuffenhausen, im Fasanenhof, in Steinhaldenfeld, um nur einige zu nennen, legte man die Stadtbahn tiefer. Mittlerweile führen von den 131 Kilometer Stadtbahnstrecke ein gutes Fünftel durch Tunnel. Die neue Haltestelle Staatsgalerie allerdings ist ins Freie gerückt. Sie wird am Wochenende eröffnet. Es ist dort hell, es ist dort luftig. Welch Unterschied zur Vorgängerin. Adieu Tristesse!

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