Zur Migrationsdebatte in Deutschland Wie sieht Deutschsein eigentlich aus?

Von Hadija Haruna-Oelker 

Wer gehört zu Deutschland und wer nicht? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Land ausgiebig. Dabei müssten wir längst weiter sein, meint die Politologin und Journalistin Hadija Haruna-Oelker.

Die Journalistin Hadija Haruna-Oelker fragt, was es eigentlich heißt, deutsch zu sein. Foto: privat
Die Journalistin Hadija Haruna-Oelker fragt, was es eigentlich heißt, deutsch zu sein. Foto: privat

Frankfurt am Main - Was ist deutsche Literatur? Darüber sinnierte neulich der Autor Max Czollek bei einer Veranstaltung in Frankfurt am Main. Seine Streitschrift „Desintegriert euch!“ sorgt seit Wochen für Aufsehen in der deutschen Migrationsdebatte. Nicht das „Wie?“ der Integration sei das Problem, sondern der Begriff überhaupt, da er eine kulturelle Dominanz voraussetze. Der jüdische Lyriker fordert stattdessen radikale Vielfalt. Auf der Bühne formuliert er knallharte Thesen über ein noch immer weit verbreitetes völkisches Begehren. Max Czollek fragt: Was ist deutsch?

Eine Frage, die ich in meinem Leben auf unterschiedliche Weise wieder und wieder durchgekaut habe. Persönlich, biografisch und auch beruflich. Neulich sagte eine Kollegin – auch eine mit Migrationsgeschichte – zu mir: Wir sollten aufhören, Sendungen darüber zu machen. Sie habe darauf keinen Bock mehr. Wir müssten längst wo anders sein.

Die Blutsfrage ist eine, die in diesem Land noch immer eine große Rolle spielt

Sind wir aber nicht. Und gerade jetzt habe ich das Gefühl, ich darf nicht müde werden. Was ist also deutsch? Ein immer noch homogenes Selbstbild – völkisch gedacht, weil es die anderen, die Migranten, die Juden, die Schwarzen braucht, um sich selbst zu definieren, wie Czollek unter anderem sagt. Auch ich sehe das nicht überwundene nationalsozialistische Erbe.

Deshalb sage ich manchmal provokant, dass auch in mir deutsches Blut fließt. Schwarz-deutsch? Wie das sein kann? Weil meine biologische Mutter ein weiß-deutsches Nachkriegskind ist. Nicht dass mir das wichtig wäre, aber die Blutsfrage ist eine, die in diesem Land noch immer eine große Rolle spielt.

Wer hat sich dieses Konzept überhaupt ausgedacht? Das Deutschsein erfunden? Vielleicht begann die deutsche Familiengeschichte wie Karl Zuckmayer sie in „Des Teufels General“ erzählte: Mit einem römischen Legionär, der einem blonden Mädchen Latein beibrachte. Dann kam ein Kelte dazu, ein Graubündner Landsknecht, ein Schiffer aus Holland, ein französischer Hauslehrer, ein böhmischer Musiker. Und ganz am Schluss stand eine vermeintliche Mehrheit da und sagte: „Wir sind Deutsche.“ Eingeborene in einem Landstrich, durch den seit Menschengedenken die Völker zogen und ihre Nachkommen hinterließen.

Wer gehört dazu, wer nicht? Wer bestimmt das?

Der Begriff „deutsch“ ist auf jeden Fall ein flexibler. Während „englisch“ von den Angeln und „französisch“ von den Franken stammt, steht bei den Deutschen kein „Volk“ dahinter. Nur das Wort ist eine Ableitung vom althochdeutschen Theoda, Volk – er diente der Abgrenzung der deutschen Sprache vom lateinischen und den romanischen Sprachen. Das Reich der so genannten Deutschen Zunge wurde damals als etwas sehr Weites verstanden. Die Diskussion über Identität im 18. Jahrhundert kommentierte Goethe mit dem Rat: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens;/ Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“

Deutschland war damals vom Nationalstaat noch weit entfernt. Wenn schon kein Staat, dann sich weltoffen zeigen, dachten sich Goethe und Schiller wohl – „Deutsch sein“ als ein Zeichen für Kosmopolitismus. Natürlich nicht vor Überlegenheitsgefühlen gefeit, aber immerhin. 1871 wurde Deutschland dann in Versailles gegründet. Seitdem behauptet ein Teil der Europäer, deutsch zu sein. Seitdem sind alle anderen Ausländer, und wenn sie hier her kommen, Einwanderer. Wer gehört dazu, wer nicht und wer vielleicht ein bisschen oder erst später? Wer bestimmt das? Und wie viele andere sind in einem Deutschen?

Wir sind eine postmigrantische Gesellschaft mit einem komplizierten Staatsbürgerschaftsrecht. Schon unsere Nachkriegsgeschichte ist noch weit entfernt vom Aufbau einer Einheit, die durch Zuwanderung bestimmt ist. Während Deutschland Deutschsein als Schicksal unter dem Abstammungsrecht jus sanguinis verstand, formulierten andere westliche Staaten Willensgemeinschaften jus soli: Der Geburtsort sollte entscheiden.

Die Identität von Menschen mit Migrationshintergrund ist eng mit Geschichten verbunden

Erst seit 1975 erhalten in Deutschland gleichberechtigt auch die ehelich geborene Kinder deutscher Mütter und ausländischer Väter den deutschen Pass. Vorher waren das nur die Kinder deutscher Väter. Von 1999 an galt für hier geborene Kinder eines ausländischen Elternteils jahrelang noch die Optionspflicht, also die doppelte Staatsbürgerschaft auf Zeit: mit 18 mussten sie sich endgültig entscheiden.

2007 wurde dann die doppelte Staatsbürgerschaft eingeführt – aber nur für EU-Kinder. Seit 2014 gilt sie auch für den Rest der Kinder, die hier leben und zur Schule gehen müssen. Doch die Debatte um Mesut Özil zeigt: Nur weil etwas rechtlich geregelt ist, ist es noch lange nicht auch in den Köpfen angekommen.

So ist die Identität von Menschen mit Migrationshintergrund eng mit den Geschichten verwoben, die über sie erzählt werden. Geschichten von Integration, vom „Leben zwischen zwei Kulturen“, von Gewalt, Fundamentalismus und – aus europäischer Sicht – rückständigen Wertesystemen. In liberaleren Kreisen wird nicht selten der Versuch gewagt, ihre Beschreibung positiv aufzuladen: Dass sie ungeahnte Fähigkeiten hätten, viele Sprachen sprechen könnten, anders kochten, musizierten, die Welt bereicherten – einfach sehr viel bunter machten. Am Ende auch egal. Denn Menschen mit Migrationshintergrund sind eben nicht so wie „die Deutschen“. Der Begriff „Deutscher mit Migrationshintergrund“ bedeutet politisch korrekt ausgedrückt: Nicht-Deutscher mit deutschem Pass. Eben nicht richtig deutsch. Wie sieht Deutschsein eigentlich aus?

Deutsch sein, wenn es reinpasst?

Ein Wort über Chemnitz. Abgesehen davon, dass wir über das Versagen des Rechtsstaates sprechen könnten oder darüber wie gut die rechte Szene im Sammelbecken der AfD vernetzt ist und Politiker und Verfassungsschutz Rassismus legitimierten, ist vor allem eine Sache bezeichnend: „Deutscher von Ausländern erstochen“ hieß es und heißt es noch immer in manchen Medien und im öffentlichen Diskurs. Das Bild des Opfer Daniel H. ist damit den meisten klar gezeichnet. Nur in wenigen Medien finden sich Hinweise auf Wurzelkunde, wie sie sonst bei Tätern oft aufs genaueste betrieben wird. Dass das Opfer eine „person of colour“, schwarz war und ja: deutsch. Dass er einer war, den der rassistisch motivierte Mob gejagt hätte an dem Abend in Chemnitz. Einer, der sonst nie als Deutsch betrachtet würde. Deutsch sein, wenn es reinpasst.

Ich möchte Max Czolleks Thesen ergänzen und frage: Wie kann die Vielfalt deutsch werden, wenn Deutschsein ein weißes Gesicht hat? Das Problem heißt White Supremacy. Und es ist nicht verwunderlich, was angesichts der politischen und sprachlichen Verrohung in diesen Wochen passiert. #Wirsindmehr heißt ein Hashtag, der sich seit Chemnitz gegen Rassismus wenden soll. Aber wer ist das „wir“ darin genau? Ich gebe Czollek recht. Wir brauchen eine neue Idee von „Deutschsein“. Die sich vom alten Erbe löst. Die innovativ und mutig ist.

Vielleicht unterstützt uns beim Deutschtopia-Denken der kosmopolitische Gedanke. Hier schließe ich mich Czollek an: Unser Verhältnis zum Adjektiv deutsch sollte strategisch bestimmt werden. Und der Flickenteppich ist die einzige Chance, die wir haben, um endlich zu einer Bestimmung zu kommen, die nicht auf Homogenität und Harmonie beruht. Ein Wir, das nicht mehr anhand von religiösen, vermeintlich kulturellen oder migrationsbiografischen Linien definiert wird, sondern als eine Haltung für eine plurale Gemeinschaft neu entsteht.

Wir sind noch um einiges heterogener, als vielen bewusst ist

Es ist Zeit, anzuerkennen, dass wir noch um einiges heterogener sind, als vielen bewusst ist: Wir sind religiös oder atheistisch. Wir sind arm oder reich, ohne Schulabschluss oder mit Hochschulbildung. Wir sind mit oder ohne Zuwanderungsgeschichte. Wir entsprechen körperlich und geistig der gesellschaftlichen Norm oder nicht. Wir leben heterosexuell oder gleichgeschlechtlich, leben zweigeschlechtlich oder transsexuell. All das sind wir. Wir sind nicht einheitlich. Wir leben in unterschiedlichen Milieus – zugleich in vielen Parallelgesellschaften.

Doch wir schreiten voran, weil wir mitgestalten wollen und es auch können. Wir halten selbstbestärkt dagegen, zeigen Widerstand und ein klares Bekenntnis zur Gleichheit im Unterschiedlichsein.

Es wäre schön, wenn die Kunst uns bei der Rehabilitation hilft. Und so schließe ich mich Max Czollek an und führe fort: Schrieben wir ein Manifest, lautete seine Präambel: Kompromisse sind der Tod der Kunst. Es gibt keine deutsche Literatur, keine deutsche Gesellschaft ohne uns.

Zur Autorin


Hadija Haruna-Oelker reagierte mit diesem Statement auf Max Czolleks Thesen bei der Literaturveranstaltung „Textland“ in Frankfurt am Main. Haruna-Oelker, geboren 1980, ist eine deutsche Politologin, Journalistin und Moderatorin. Sie arbeitet hauptsächlich für den Hessischen Rundfunk, dort für das politische Magazin „Der Tag“. Nach einem politikwissenschaftlichen Studium ließ sie sich an der Berliner Journalistenschule und am Stuttgarter Institut für Moderation ausbilden. Ihre Arbeit wurde mit Preisen ausgezeichnet, darunter der ARD-Hörfunkpreis Kurt Magnus. Haruna-Oelker ist Mutter eines zweijährigen Sohnes.

Zur Migrationsdebatte

In seinem Buch „Desintegriert euch!“ schreibt der Lyriker und Essayist Max Czollek, dass Minderheiten in Deutschland in eine Rolle gezwängt würden: Sie sollten immerzu bestätigen, wie offen die deutsche Gesellschaft heute sei. Ein guter Migrant sei, wer aufgeklärt über Frauenunterdrückung, Islamismus und Demokratiefähigkeit spreche. Ein guter Jude, wer stets zu Antisemitismus, Holocaust und Israel Auskunft gebe.

Czollek kritisiert, das „Integrationstheater“ verstelle den Blick auf die Vielstimmigkeit der Minderheiten und die Diversität der deutschen Gegenwartskultur.