Zurück in die Gesellschaft Versuchter Totschlag und immer auf der Flucht

Von Frederike Poggel 

Danach packte er den Kofferraum seines Kleinwagens wieder voll mit Haschisch, aber diesmal endete die Fahrt­ ­übel: bei einer Kontrolle an der grünen Grenze drehte er durch, gab Gas und streifte einen Polizisten. Er floh, konnte beim nächsten Drogenhandel aber gefasst werden. Sechs Jahre musste er diesmal hinter Schloss und Riegel, für den angefahrenen Beamten, der die Attacke fast unverletzt überstand, wurde Frank 1992 wegen versuchten Totschlags verurteilt.

Fünf Jahre später, er hatte gerade Ausgang, machte er sich erneut davon. Er lebte von Einbrüchen, bei einem fiel ihm eine Pistole in die Hände. Damit bewaffnet, wollte er nachts in eine Kneipe einbrechen, als Blaulicht durch die Scheiben blinkte. Frank floh, schoss auf Polizisten, hetzte weiter, entkam Sondereinsatzkommando wie Hundestaffeln und tauchte für Monate unter. „Auf der Flucht zu sein war schon fast der Normalzustand“, sagt er heute.

Erst beim nächsten versuchten Einbruch in eine Kneipe wurde er gefasst. Er wanderte wieder ins Gefängnis, für sechs Jahre, mit anschließender Sicherungsverwahrung. Zack – diese Tür sollte zu bleiben. Der einzige Ausweg: Sozialtherapie. „Ich will jetzt nicht sagen, dass das so was wie Gehirnwäsche war“, sagt Frank und lacht, wenn er zurückdenkt – die Therapie sollte doch nur Mittel zum Zweck sein, um aus dem Knast zu kommen, um weiterzumachen wie bisher. „Bis dahin hatte ich nie die Idee, ein geordnetes Leben zu führen. Ich wollte das ja alles genau so.“ Obwohl es ihm, dem einst hoffnungslosen Wiederholungstäter, nicht am moralischen Korrektiv mangelte. „Ich habe mich vom Staat, von der Justiz nie ungerecht behandelt gefühlt.“ Die Strafen empfand er als gerecht, aber sie verfehlten ihr Ziel.

Mit Therapie, Kunst und Sport: Prognose positiv

Erst in den stundenlangen Sitzungen im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg entwickelte Frank Sieber ein Gespür dafür, dass er mehr vom Leben erwarten konnte. Dort setzte er sich zum ersten Mal mit seiner Kindheit auseinander, seinem Aufwachsen in einem behüteten Elternhaus – als ein freundlicher Jugendlicher, dem niemand eine solche kriminelle Karriere zugetraut hätte. Er dachte nach über den jungen Mann, der mit Anfang 20 recht spät, dafür aber umso ausdauernder straffällig wurde. Er sah sich als einen, der Gewalt nie bewusst gegen andere eingesetzt hatte. Einer, der aus einer ständigen Defensive heraus Gewalt als Mittel zum Zweck nutzte, wie psychiatrische Gutachter ihm bestätigten.

In der Therapie dachte Frank Sieber zum ersten Mal über Angst, Liebe, Freundschaft nach. Er musste in die Rolle seiner Opfer schlüpfen, über Verantwortlichkeit reden und sich mit den Folgen seiner Taten auseinandersetzen. Er begann zu malen, kopierte Werke der klassischen Moderne. Seine Bilder hängen heute bei seinen Eltern im Wohnzimmer. Er entdeckte den Sport für sich. Er änderte sich.

„Immer wieder gelingt es, dass Klienten mit einer ähnlich gravierenden Biografie in der Bewährungszeit oder während der Führungsaufsicht ihr Leben grundlegend ändern“, sagt die Bewährungshelferin Marianne Matheis. Und so erkämpft Sieber sich mit der gleichen Geradlinigkeit, mit der er sich früher nicht von der schiefen Bahn abbringen ließ, sein Stück Normalität. Bei mehr als 30 Zeitarbeitsfirmen stand er in der Kartei, bis er endlich unbefristet angestellt wurde. „Sein Leben ist stabil. Ich glaube, dass er es schafft“, sagt Matheis. Sie setzt sich dafür ein, dass seine auf fünf Jahre angelegte Führungsaufsicht verkürzt wird. Prognose: positiv.

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