Zusammenarbeit Der Drache tanzt mit dem Elefanten
China schart Verbündete um sich und schafft ein Gegengewicht zum Westen. Der unterschätzt diese Bestrebungen, kommentiert Christian Gottschalk.
China schart Verbündete um sich und schafft ein Gegengewicht zum Westen. Der unterschätzt diese Bestrebungen, kommentiert Christian Gottschalk.
Vom Friedensnobelpreis ist Donald Trump ziemlich weit entfernt, auch wenn der US-Präsident das wohl anders sieht. Seine Eskapaden führen allerdings dazu, dass Staatenlenker die Zusammenarbeit miteinander suchen, obwohl sie sich nicht besonders schätzen. Am Wochenende hat im chinesischen Tianjin ein Gipfel begonnen, der gleich in mehrerlei Hinsicht das Prädikat beachtlich verdient. Unter dem Dach der Schanghai-Organisation treffen unter anderem Chinas Staatschef Xi Jinping und der indische Premier Narendra Modi aufeinander. Es ist das erste Mal seit sieben Jahren, dass der Führer des bevölkerungsreichsten Landes der Welt das Land besucht, welches diesen Titel über viele Jahrzehnte innehatte.
China und Indien beäugen sich seit langem überaus kritisch. Es gibt anhaltende Grenzstreitigkeiten und ein Ringen um die Vormachtstellung in Asien. Chinas Erzfeind, der Dalai Lama, lebt im indischen Exil. Und Indiens ungeliebter Nachbar Pakistan hält engste Beziehungen zu Peking. Doch die Zollpolitik von Donald Trump ist nun ein Grund dafür, dass die beiden Länder wieder eine Annäherung suchen. Indien, geopolitisch bisher klar an der Seite der USA verortet, leidet unter den hohen Aufschlägen, die für Tech-Exporte bezahlt werden müssen. Chinas Präsident sieht es daher als bestmögliches Szenario an, wenn „der Elefant und der Drache“ künftig gemeinsam tanzen.
Bis zum Ausbruch der indisch-chinesischen Harmonie wird es noch eine Weile dauern – wenn er überhaupt kommt. Zu tief sind die Gräben, als dass sie in Höchstgeschwindigkeit zugeschüttet werden könnten. Das Treffen zeigt aber auch, dass sich die Welt nicht nur um Europa dreht und um die USA. In Tianjin sind die Führer von rund zwei Dutzend Staaten vertreten, auch der mit Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gesuchte Wladimir Putin. Um seine Sicherheit muss der Russe selbstredend nicht fürchten. Putin wird in China ebenso hofiert wie der indische Präsident. Hinter den Kulissen zeigt China indes, wer das Sagen hat. Weil indische Ölimporte aus Russland wegen des Drucks der USA zurückgehen, springt Peking in die Bresche. Allerdings zu anderen Konditionen – und die sind nicht zum Vorteil der russischen Freunde.
Es ist dieses mehr oder weniger unverhohlene Ringen untereinander, die immer wieder aufbrechende Feindseligkeit, die dafür verantwortlich ist, dass der Westen die Schanghai-Organisation lange nicht ernst genommen hat. Das war ein Fehler. Die Zahl der festen Mitglieder ist von fünf auf zehn gestiegen, hinzu kommen gut zwei Dutzend weitere Länder. Die Gruppe reicht von Asien nach Afrika und Südamerika – und mit der Türkei und Belarus bis hinein nach Europa. Sie wird als geopolitisches Gegengewicht zu Nato und EU positioniert.
Nach westlichen Denkmustern ist die Zusammenarbeit dieser Staaten freilich nicht immer zu verstehen. Die Kooperationen sind oft situativ und folgen zweckmäßigen Überlegungen, die sich rasch ändern können. Insbesondere der globale Süden sieht hier einen offenen, ihm freundlich gestimmten Partner, während die Vereinigten Staaten als beherrschend und bevormundend wahrgenommen werden.
Die deutsche Strategie sieht unterdessen vor, China als Wettbewerber, Partner und Gegner gleichermaßen zu begreifen. Die praktische Umsetzung dieses Gedankenspiels macht noch Probleme. China und Indien sehen sich in einer vergleichbaren Position. Es wird spannend werden, zu beobachten, wie diese praktische Umsetzung vonstatten geht. Der deutsche Außenminister wird einer der ersten aus dem Westen sein, der das in Erfahrung bringen kann. Johann Wadephul reist dieser Tage nach Indien.