Zuwanderung von Akademikern Warum Top-Kräfte fernbleiben

Der Weg zu einem Job in Deutschland ist für Ausländer voller Hürden. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Die Unternehmen tun sich schwer, auf internationale Bewerber zuzugehen, um ihre Personallücken zu füllen. Aus Sicht eines Personalberaters sollten sie zum Beispiel verstärkt englischsprachig ausschreiben.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Da ist ihm einfach mal der Kragen geplatzt: „Viele Deutsche leben in einer Fantasiewelt“, betont der Düsseldorfer Personalberater Chris Pyak, der internationale Fachkräfte an deutsche Manager vermittelt. Niemand aus der Klientel, die er betreue, träume davon nach Deutschland zu ziehen. Fast alle Kunden sähen es lediglich als eine von mehreren Karrieremöglichkeiten. „Findet sich ein besseres Angebot in Holland, US, UK – dann gehen sie halt da hin.“

 

Allein im Nachrichtenkanal Twitter wurde sein Eintrag mehr als 10 000 Mal geteilt und mehr als 27 000 Mal „geliked“. In den „Thread“ sei die Erfahrung aus zehn Jahren mit ausländischen Top-Kräften, zumeist mit Universitätsabschluss, eingeflossen. Pyak findet die aktuelle Diskussion über das Einwanderungsrecht teils „unglaublich unernst“. Die Menschen müssten begreifen, dass die Wirtschaft und das Sozialsystem ohne Einwanderung bedroht seien.

„Gedanklich in den 70er Jahren hängengeblieben“

Seine provokanten Botschaften sind an die Wirtschaft gerichtet, deren Personalverantwortliche „gedanklich oft in 70er Jahren hängengeblieben“ seien und aus der eigenen Erlebniswelt heraus denken würden. Heute hätten junge Menschen andere Erfahrungen gemacht; Deutschland sei für sie „nicht der Nabel der Welt, sondern ein Angebot, das sie sich mal anschauen“.

Pyak macht das etwa an den Sprachanforderungen fest. Mit einer holländischen Firma analysiert er die Stellenanzeigen – vor Covid seien demnach ein Prozent aller Inserate auf Englisch veröffentlicht worden, heute seien es vier Prozent. Zur Hälfte seien die internationalen Anzeigen von lediglich 350 Unternehmen eingestellt worden. Firmen wie Zalando bekämen auf diese Weise 100 000 Bewerbungen im Jahr. Daneben würden Traditionsunternehmen mit ihrer deutschen Ausschreibung beim Netzwerk Linkedin nur wenige Bewerbungen einsammeln.

Zu hohe Erwartungen an die Sprachkenntnisse

Viele Personaler sagten ihm, dass sie international rekrutieren wollten, aber „ein bisschen Deutsch“ sollten die Bewerber sprechen, so Pyak. Tatsächlich gäbe es überhöhte Erwartungen. Wer den Fachkräftemangel beheben wolle, müsse auf Englisch einstellen und Deutsch „on the job“ lernen lassen. „Warum sollte die internationale Kraft die deutsche Sprache vorher lernen?“

Gerade für Firmen ohne große Personalabteilung sei es der beste Weg, eine Ausschreibung nach dem Motto zu sehen: „Da kommt ein Mensch – dem muss ich einen Menschen an die Seite stellen.“ So könne man auch der immer größeren Zahl von Stammbeschäftigten, die ihre Arbeitszeit reduzieren wollen, Jobsharing anbieten und ihnen eine Fachkraft aus dem Ausland an die Seite stellen. So vereine man Fachkompetenz und fließende Deutschkenntnisse.

Arbeitsmarktforscher: Rekrutierung im Ausland nachrangig behandelt

Diesen Befund erhärtet das Forschungsinstitut IAB der Bundesagentur für Arbeit (BA) in einer ganz aktuellen Stellungnahme: Demnach ist der Anteil an Betrieben, die bei Neueinstellungen auch im Ausland nach Personal gesucht haben, von fünf Prozent im Jahr 2012 auf rund 15 Prozent im Jahr 2022 gestiegen. „Insgesamt zeigt sich jedoch, dass diese Personalsuche in der betrieblichen Praxis eine eher untergeordnete Rolle spielt, um personellen Engpässen entgegenzuwirken“, schreiben die Autoren Sekou Keita und Regina Konle-Seidl. Der Rekrutierung aus dem Ausland stünden mehrere Hürden im Weg. So würden Betriebe den bürokratischen Aufwand als zentrales Problem nennen – oder aber die Anerkennung der formalen Qualifikation und eben Sprachbarrieren.

Private Vermittlungsagenturen könnten ergänzend zur Vermittlung durch die Bundesagentur für Arbeit bei der Rekrutierung aus dem Ausland unterstützen. Allerdings könnten sie die Verwaltungsverfahren zwischen Unternehmen und Behörden nur begrenzt beschleunigen. „Ein schnelleres Verfahren der Visavergabe in Deutschland wäre daher hilfreich“, heißt es. Bei nicht-reglementierten Berufen wäre der Verzicht auf die Anerkennung von beruflichen Abschlüssen als gleichwertig zu sehen. Empfehlenswert wäre zudem ein Ausbau der internationalen Arbeitsvermittlung etwa mit Hilfe von bilateralen Vermittlungsabsprachen, so das IAB.

Doppelte Staatsbürgerschaft hätte einen Effekt

Pyak begrüßt die Pläne für eine raschere Zuwanderung: „Eine Verkürzung der Zeit bis zur Einbürgerung finde ich gut.“ Wichtiger noch sei ihm aber die von der Regierung erwogene großzügigere Regelung zur Staatsbürgerschaft. Diese soll künftig nach fünf statt acht Jahren Aufenthalt erlangt werden können. Jedes Unternehmen, so Pyak, wisse: Mitarbeiter zu ersetzen sei viel teurer, als sie zu halten. Somit müssten sich die Leute „so wohl fühlen, dass sie dauerhaft bleiben – und dazu gehört die Staatsbürgerschaft“.

Auch der IAB-Migrationsforscher Herbert Brücker unterstreicht die verbesserten Chancen durch eine doppelte Staatsbürgerschaft: „Der Pull-Effekt durch eine schnellere Einbürgerung ist für höher qualifizierte Menschen deutlich höher als für geringer Qualifizierte.“ Gerade für Menschen aus Drittstaaten sei das ein sehr positives Signal.

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