Karl-Horst Marquart hat das Schicksal von Zwangsarbeiterkindern in Stuttgart erforscht. Die meisten kamen im ersten Lebensjahr ums Leben. Die Kinder störten die NS. Schließlich konnten die Frauen mit kleineren Kindern nur weniger arbeiten. Und selbst diese galten dem Regime schon als Untermenschen.

Zwangsarbeit unter dem NS-Regime, das bedeutete höchstmögliche Arbeitsleistung zu geringstmöglichen Kosten. Das schloss nicht nur die Unterversorgung der Menschen mit Nahrung ein, auch die medizinische Versorgung war fast immer mangelhaft. Dass in Stuttgart unter diesen Bedingungen zwischen 1943 und 1945 in den Arbeitslagern auch viele Kinder von Zwangsarbeiterinnen ums Leben kamen, hat nun der Arzt Karl-Horst Marquart herausgefunden.

Schicksal der „Ostarbeiterkinder“

Am Mittwochabend hat Marquart, der unter anderem Gründer der Stolperstein-Initiative Stuttgart-Vaihingen ist, seine Forschungsergebnisse im Stadtarchiv vorgestellt. Bei den minderjährigen Opfern, denen Marquart in mühevoller Quellenarbeit nachgespürt hat, handelte es sich hauptsächlich um Kinder sowjetrussischer Eltern, von den Nazis kurz „Ostarbeiterkinder“ genannt.

Wie die Leiterin des Stadtarchivs Stuttgart, Katharina Ernst, betonte, sei das Schicksal der Zwangsarbeiterkinder von der Forschung lange Zeit vernachlässigt worden. Dabei hatte das menschenverachtende Arbeitssystem der Nationalsozialisten auch vor Kindern und schwangeren Frauen nicht Halt gemacht. Ernst erklärte, dass ein so genannter Rückführerlass während des Krieges zunächst dafür gesorgt hatte, dass schwangere Zwangsarbeiterinnen zurück nach Polen oder in die Sowjetunion geschickt worden waren. Ab Ende 1942 sei dies jedoch nicht mehr der Fall gewesen.

Keine Hebamme bei den Geburten

Karl-Horst Marquart mutmaßt, dass die Schwangeren in Stuttgart in dieser Zeit ihre Kinder vor allem in den Lagern selbst zur Welt gebracht haben, da die so genannten Ostarbeiterinnen nicht in den Hebammenstationen aufgenommen werden durften. „Über die Geburten in den Lagern wird aber nirgendwo berichtet, ebenso nicht über die medizinische Versorgung der Frauen“, sagt Marquart.

Der pensionierte Arzt fand bei seinen Forschungen auch Hinweise auf das erste in einem Stuttgarter Zwangsarbeiterlager gestorbene Kind. Michael Bujanow war mit seiner Mutter in einem städtischen Lager in Zuffenhausen untergebracht und starb dort am 1. Dezember 1943 im Alter von fünf Jahren. „Kein Arzt hatte den Jungen versorgt. Als Todesursache wurde ‚nicht bekannt‘ angegeben.“

Zwangsarbeit ab 10 Jahren

Ein weiterer Junge, der mutmaßlich in einem Lager des städtischen Tiefbauamts untergebracht war und die Tortour überlebte, gibt später in einem Fragebogen zu seinem Arbeitsalltag zu Protokoll: „Eine Pause während der Arbeit. Verpflegung einmal am Tag.“ Beim Tiefbauamt mussten, so Marquard, bereits Kinder ab zehn Jahren Zwangsarbeit leisten.

Eine Liste mit 16 verstorbenen Zwangsarbeiterkinder aus dem Lager Gehrenäcker in Zuffenhausen belegt überdies, wie mangelhaft die ärztliche Versorgung war: Die Auflistung umfasst Kinder im Alter zwischen vier Monaten und fünf Jahren, wobei vermerkt ist, wer angeblich von einem Arzt untersucht worden war. „10 dieser Kinder sahen überhaupt keinen Arzt“, erklärt Marquart.

Die meisten Kinder starben im ersten Lebensjahr

Insgesamt ergaben die Recherchen, dass von den 135 zwischen 1943 und 1945 in Stuttgarter Lagern gestorbenen Zwangsarbeiterkindern die meisten während ihres ersten Lebensjahres verstorben waren. 95 Prozent davon waren russischstämmig, wobei fast die Hälfte erst in den Lagern zur Welt gekommen waren. Falls überhaupt angegeben, starben die Kinder laut den Nazi-Behörden an Lungenentzündung, Masern, „Ernährungsstörungen“ oder schlicht „Lebensschwäche“. „Vor allem Kleinkinder hatten geringe Überlebenschancen in den Zwangsarbeiterlagern“, sagt Marquart. 70 weitere Kinder von Zwangsarbeiterinnen starben im Städtischen Kinderkrankenhaus. Marquart fand überdies Hinweise, dass an Kindern medizinische Experimente durchgeführt wurden.