Zwangsprostitution Moderner Sklavenhandel

Reportage: Frank Buchmeier (buc)
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Die Belastungszeugin wird in Saal 9 gerufen. Es erscheint eine Enddreißigerin – schwarzer Zopf, falsche Wimpern, lackierte Fingernägel. Daniela G. wurde im Juli 2011 wegen Beihilfe zum Menschenhandel verurteilt. Nun soll sie gegen ihren Ex-Freund aussagen, den mutmaßlichen Haupttäter Gheorghe P., der seinerzeit mit einem internationalen Haftbefehl gesucht wurde. Der Angeklagte fixiert sie mit einem düsteren Blick und zischt ihr ein paar unfreundliche Wörter zu. Daniela G. berichtet mit leiser Stimme:

Anfang 2010 fährt Gheor­ghe P. von Sindelfingen in sein Heimatdorf Dornesti. Als er zurückkommt, hat er ein Mädchen dabei – Mirella B. Die erfahrene Hure Daniela G. bekommt von ihrem Freund und Zuhälter den Auftrag, die 15-Jährige einzuarbeiten. Mirella wird in Reizwäsche gesteckt und ins Laufhaus nach Stetten gekarrt. In dem Bordell, das mit seiner verkehrsgünstigen Lage wirbt („Direkt an der A 8 und der B 27“), bringt ihr Daniela G. den ersten Kunden aufs Zimmer. Sprechen darf sie mit dem Mädchen nicht. So hat es Gheorghe P. verfügt.

„Warum haben Sie alles getan, was Ihnen der Angeklagte befahl? Er ist doch nicht Gott“, fragt Ute Baisch, Vorsitzende Richterin der 5. Großen Strafkammer am Stuttgarter Landgericht. „Hatten Sie Angst vor ihm?“ – „Ja“, flüstert Daniela G.

Zu Besuch im Fraueninformationszentrum

Ein paar Gehminuten vom Landgericht entfernt ist in einem blassrosa gestrichenen Gebäude das Fraueninformationszentrum untergebracht. Die evangelische Theologin Doris Köhncke leitet es. Zu ihrer Klientel zählen Frauen, die – wie es im Strafrecht heißt – „der Prostitution zugeführt wurden“. Im vergangenen Jahr war Doris Köhncke mit 33 Fällen von sexueller Ausbeutung konfrontiert. „Das ist ein kriminelles Geschäft, mit dem sich viel Geld verdienen lässt“, sagt sie.

Das Prostitutionsgesetz von 2001 sollte das älteste Gewerbe der Welt aus der Grauzone herausholen – zumindest in Deutschland. Wenn dieses Marktsegment nicht mehr grundsätzlich „sittenwidrig“ sei, so die Überlegung der damaligen rot-grünen Bundesregierung, würde die Position der Sexarbeiterinnen gestärkt. In der Realität blieben viele Huren eine Handelsware und den Zuhältern schutzlos ausgeliefert. Rot-Schwarz will das Gesetz nun verschärfen. In der Diskussion sind stärkere Kontrollen von Bordellen, eine Kondompflicht für Freier und eine Anhebung des Mindestalters für Prostituierte von 18 auf 21 Jahre. Am weitesten geht die Forderung einzelner Vertreterinnen von SPD und CDU, dem schwedischen Modell zu folgen: käuflichen Sex verbieten, die Kunden kriminalisieren.

Im Fraueninformationszentrum steht die Polizei vor der Tür. Beamte vom Fachdienst Prostitution liefern eine junge Bulgarin ab, die vor wenigen Stunden ihren Zuhältern entkommen konnte. Sie will so schnell wie möglich zurück in die Heimat. „Jetzt machen wir Ihnen erst einmal einen Kaffee“, sagt Doris Köhncke. Die Bulgarin fasst schnell Vertrauen und erzählt eine jener Horrorgeschichten, wie sie sich mitten im Rechtsstaat Deutschland täglich abspielen: Mit falschen Versprechungen wurde sie von Schleppern nach Stuttgart gelockt. Die Männer wollten sie in ein Bordell schicken. Als sie sich weigerte, wurden ihr Zigarettenkippen auf dem Arm ausgedrückt. Die Brandwunden sind frisch.




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