Zwangsprostitution Das Mädchen aus Rumänien

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In der Region Stuttgart blüht das Sexgewerbe. Die meisten Prostituierten stammen aus Osteuropa. So auch die 15-jährige Mirella B., die in vier Bordellen der Region Stuttgart zum Kauf angeboten worden ist. Vor dem Landgericht fand nun der Prozess gegen ihren Zuhälter statt.

Das Eros-House 23 in Waiblingen ist eines von vier Bordellen in der Region, in denen  die 15-jährige  Mirella B.  angeboten wurde. Foto: Achim Zweygarth
Das Eros-House 23 in Waiblingen ist eines von vier Bordellen in der Region, in denen die 15-jährige Mirella B. angeboten wurde. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Der Angeklagte wird in Handschellen gefesselt in Saal 9 geführt und vor der weißen Rauputzwand platziert. Gheorghe P., 35, ist athletisch gebaut und trägt eine dieser angesagten Frisuren, bei der nur die Behaarung der unteren Kopfhälfte kurz geschnitten ist. Der rumänische Staatsangehörige steht wegen schweren Menschenhandels, Zuhälterei und Urkundenfälschung vor dem Stuttgarter Landgericht.

In der Region floriert das Sexgewerbe. Die Gegend zwischen Alb und Remstal ist ein Traumziel für Freier aus dem Westen und Schlepper aus dem Osten. In mehreren Tausend Quadratmeter großen Bordellen tummeln sich einträchtig Schwaben, Türken, Schweizer, Franzosen, Russen, Amerikaner und manchmal auch Araber. Der Nachschub an blutjungen Dirnen – im Kundenjargon „Frischfleisch“ genannt – ist seit der Erweiterung der Europäischen Union quasi unbegrenzt. Der Fall Gheor­ghe P. lässt erahnen, warum diese Frauen ihre Körper verkaufen.

Das Gefälle zwischen dem bitterarmen Nordosten Rumäniens und dem wohlhabenden Südwesten Deutschlands macht es Gheorghe P. leicht, Mirella B. zu ködern. Das Mädchen ist gerade einmal 15, als es dem doppelt so alten Mann aus dem Moldau-Dorf Dornesti in die Große Kreisstadt Sindelfingen folgt. Statt des versprochenen Jobs in einer Gaststätte erhält Mirella von Gheorghe P. bei der Ankunft eine kräftige Ohrfeige und einen falschen Pass, der sie als 20-Jährige ausweist. Während des Frühsommers 2010 wird der Teenager im Stettener Laufhaus, im Waiblinger Eros-House 23, im Böblinger FKK-Club Sakura und in der Reutlinger Eros-Arena zum sexuellen Gebrauch angeboten.

Ein 24-Stunden-Arbeitstag

Geschlechtsverkehr mit der Minderjährigen kostet 30 Euro. Mirella übernachtet in den Bordellen, an einem 24-Stunden-Arbeitstag bedient sie bis zu 20 Männer. Einen Teil ihres Lohnes muss sie an die Betreiber abtreten: FKK-Clubs verlangen von den Prostituierten circa 70 Euro Eintritt, Laufhäuser etwa 130 Euro Zimmermiete pro Tag – jeweils plus 25 Euro Steuerpauschale. Den Rest kassiert Gheorghe P., der das Mädchen meistens zum jeweiligen Einsatzort fährt und es dort auch abholt. So lautet die Anklage.

Der mutmaßliche Menschenhändler Gheorghe P. spricht kein Deutsch, ein Dolmetscher muss jedes Wort für ihn übersetzen, das im Gerichtssaal gesprochen wird. Sein Verteidiger verliest eine Erklärung: Gheorghe P. ist in Rumänien nur drei Jahre zur Schule gegangen, er hat keine Ausbildung, sein Vater starb früh. 2002 fuhr er mit dem Bus nach Spanien. In Almeria lernte er, zunächst als Kunde, die Prostituierte Daniela G. kennen. Es entwickelte sich eine Liebesbeziehung. Anfang 2010 zog das Paar nach Sindelfingen, weil es gehört hatte, dass sich in schwäbischen Bordellen mehr Geld verdienen lässt als auf dem Straßenstrich von Almeria. Im krisengeplagten Spanien zahlen die Freier nur zehn Euro für eine schnelle Nummer, in der wohlhabenden Region Stuttgart ist der Preisverfall für sexuelle Dienstleistungen noch nicht so weit fortgeschritten.

Gheorghe P. und Daniela G. kommen bei rumänischen Landsleuten in einer Wohnung neben dem Mercedes-Werk unter. Er treibt sich mit Freunden in Cafés und Spielhallen herum, sie verdient in einem Puff am Flughafen den Lebensunterhalt. Will sie auch mal freimachen, rastet er aus. Daniela G. soll gefälligst noch mehr Geld heranschaffen. Sonst setzt’s was.

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