„Zwanziger Jahre“ von den Stuttgarter Philharmonikern Alles leuchtet beim Jubiläumskonzert zum 100.

Die Stuttgarter Philharmoniker bei einem Konzert im vergangenen Jahr. Foto: /Thomas Niedermueller

Die Stuttgarter Philharmoniker läuten im Abokonzert „Zwanziger Jahre“ ihr Festjahr zum 100-jährigen Bestehen ein.

Ein funkelndes Klangmeer, in Einzeltöne zerfallend, dann kulminierende Klangverdichtung und der zerstäubend absinkende Nachhall davon: Schon nach drei Minuten ist „Fallout“ vorbei. Eine flüchtige Vision, aber sehr gehaltvoll. Denn Jialin Liu (*1995) möchte mit seinem Orchesterwerk an die verheerende Zerstörungskraft der Kernwaffentechnik erinnern.

 

Liu ist einer der 18 Kompositionsstudierenden der Stuttgarter und Freiburger Musikhochschulen, die von den Stuttgarter Philharmonikern beauftragt wurden, je ein „Minutenstück“ für eines der Sinfoniekonzerte des Jahres zu schreiben – aus Anlass des 100. Geburtstags, den das Orchester der Landeshauptstadt Stuttgart in diesem Jahr feiert. Eine sehr schöne Idee, die der neue Intendant Christian Lorenz zu Beginn des Abokonzerts im Beethovensaal jetzt vorstellen konnte. Lorenz ist eine treffliche Wahl für die Philharmoniker, die für eine ausgefeilte Konzertdramaturgie stehen. Lorenz ist ein innovativer Kopf, der schon während seiner Zeit als Intendant der Stuttgarter Bachakademie (2008 bis 2013) auf sich aufmerksam machte, weil er erfolgreich mit neuen Konzertformaten und Spielorten experimentierte.

Andrey Boreyko dirigierte für den erkrankten Dan Ettinger

An diesem Abend, den Andrey Boreyko als Einspringer für den erkrankten Dan Ettinger dirigierte, ging man zurück in die Zeit, in der das Orchester gegründet worden war: in die zwanziger Jahre. In Prokofjews erstem Violinkonzert legte die Solistin Hyeyoon Park einen hochangespannten, mit großem körperlichem Aufwand verbundenen Ton an den Tag. Die Bewältigung der virtuosen Klippen gelang ihr eher fein durchtastend als entspannt auftrumpfend. Was dem Stück durchaus entgegenkommt, das vor allem glättende Schönheit nicht braucht.

Den Hörsog erzeugte Park viel mehr durch gewisse schroffe Härten, denen sie unterschiedlichste Ausdrucksgrade abgewinnen konnte. Was die verblüffende Seite virtuoser Kunst angeht, konnte sie dann zur Genüge in ihrer Zugabe demonstrieren: der „Dies Irae“-Paraphrase aus Ysaÿes zweiter Violinsolosonate.

Bejubeltes Konzert

Lius „Fallout“ fungierte in diesem bejubelten Konzert als eine Art Präludium zu Schostakowitschs erster Sinfonie, dem Geniestreich eines 19-Jährigen. Andrey Boreyko gelang es auch jetzt vorzüglich, die für dieses fein instrumentierte Werk so wichtige Klangbalance und Transparenz einzufordern. Die sprechende Gestik mit ihren witzigen, ironischen oder trauernden Tonfällen entfaltete sich in ihrer ganzen Vielstimmigkeit, und alles begann zu leuchten.

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