Zwei Backnanger Städtepartnerschaften leben auf Brexit & Co. zum Trotz

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Die Städtepartnerschaften erfahren als Gegenpol zu nationalistischen Bewegungen neuen Schwung – zwei Beispiele aus Backnang.

Der Deutsch-Brite David Whitehead fühlt sich in Backnang wohl. Foto: Gottfried Stoppel
Der Deutsch-Brite David Whitehead fühlt sich in Backnang wohl. Foto: Gottfried Stoppel

Backnang - Der Brexit der Briten und andere nationalistische Tendenzen sind zu einer Zerreißprobe für Europa geworden. Mancher Städtepartnerschaft indes sollte das Anlass sein, die Bemühungen um Völkerverständigung zu intensivieren, sagt der Backnanger SPD-Bundestagsabgeordnete und Justizstaatssekretär Christian Lange. Denn nichts präge so sehr wie das persönliche Erleben. In seiner Heimatstadt scheint man das durchaus verinnerlicht zu haben, wie ein Gespräch mit den Vorsitzenden der Partnerschaftsvereine von Chelmsford (England) und Annonay (Frankreich) vermuten lässt.

Whitehead: Ich bin europäischer Bürger

David Whitehead muss man von den Vorzügen der EU nicht überzeugen. Der heute 41-Jährige ist erstmals 1993 über einen Schüleraustausch mit Untertürkheim nach Deutschland gekommen, hat das Ländle zu schätzen gelernt und sechs Jahre später im Rahmen seines Germanistikstudiums dort ein Auslandsjahr absolviert. Sein Gastspiel als Hilfslehrer im Backnanger Max-Born-Gymnasium hat bis heute Eindruck hinterlassen – nicht nur bei manchem Schüler, sondern auch bei ihm selbst. Er kehrte zwar kurz zurück ins heimische Chelmsford, um dort sein Studium zu beenden, aber nur, um sich dann in Backnang niederzulassen, zu heiraten und sich als Übersetzer selbstständig zu machen.

Mittlerweile hat Whitehead die deutsche Staatsbürgerschaft, die britische habe er nicht etwa aus patriotischen Gründen behalten, sondern weil er sich im Hinblick auf seine in England lebende Familie alle Optionen offen halten will. Er fühle sich als „europäischer Bürger“; dass sein Sohn als ein solcher aufwachsen könne, freue ihn sehr, ebenso wie dessen Stolz, einen Vater mit Wurzeln in der britischen Grafschaft Essex zu haben.

Die Stimmung in Chelmsford ist gekippt

In seiner alten Heimat hingegen hätten die Politiker versagt. Zugegeben, auch 53 Prozent der Chelmsforder Bürger hätten seinerzeit für einen Brexit gestimmt. Aber mittlerweile sei die Stimmung gekippt – selbst bei den anstehenden Kommunalwahlen werde von Konservativen mit dem Slogan geworben: „wir machen’s anders“. Whitehead ist überzeugt: „Die Bevölkerung muss noch einmal gefragt werden.“

Nicht unwesentlichen Einfluss auf eine Haltung pro oder contra Europa könnten gelebte Städtepartnerschaften nehmen, glaubt Whitehead. Als Vorsitzender des Partnerschaftsvereins Backnang-Chelmsford will er ein zunehmend positives Bewusstsein erkannt haben: „ Die Chelmsforder wollen mehr Backnang und umgekehrt.“ Zum 30-Jahr-Jubiläum im kommenden Jahr werde eine riesige Delegation auf dem Straßenfest erwartet.

Ebenfalls rege, aber vor allem vom Schüleraustausch getragen, sieht Michel Tho­bois, der Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Backnang-Annonay, den Austausch mit der französischen Stadt in der Region Auvergne-Rhône-Alpes. „Schulmäßig ist die europäische Bewegung hier sehr präsent.“ Die jüngere Generation allerdings sieht Thobois in dieser Hinsicht eher unpolitisch. „Die Franzosen haben zurzeit andere Sorgen. Viele nehmen den Frieden als eine Selbstverständlichkeit hin und sehen die aktuellen Gefahren nicht.“ Hier versage der Geschichtsunterricht. Dabei müsse allen klar gemacht werden: „Es gibt keine Alternative zu Europa – denn sonst gibt es nur Donald Trump oder die Chinesen.“

Lange: England die Tür zur EU offen halten

Was aber kann jeder Einzelne tun, um Bewegungen wie den Brexit zu stoppen? „Rüberfahren und zeigen: wir haben nichts gegen Briten“, sagt David Whitehead, „Freundschaften knüpfen auf bodenständiger Ebene. Briten zum Gegenbesuch einladen. Zeigen, was gut ist, statt zuzulassen, dass Ängste geschürt werden.“

Und die Politik? Christian Lange sagt, dass man England immer die Tür zur EU offen halten sollte, die er als das „größte Friedensprojekt aller Zeiten“ bezeichnet. Er räumt aber auch ein, dass er zwar lange Zeit gedacht habe, dass ein zweites Referendum der einzige Ausweg sein könne, ihm Umfragen jedoch wenig Hoffnung auf einen guten Ausgang machten. Hoffnung für Europa habe er aber gleichwohl – auch dank des neuen Schwungs, der bei den Städtepartnerschaften zu spüren sei.