Zwei Frauen berichten Ein Leben lang um andere kümmern und dann kaum Rente

Susanne Schuck (links) kümmert sich um ihre Mutter Hannelore Krebs (Mitte). Gemeinsam mit Bärbel Baumgärtner fragt sie sich, warum Kümmerarbeit Frauenarbeit ist? Foto: Gottfried Stoppel

Kinder großziehen, alte Eltern betreuen, als Erzieherinnen arbeiten – und am Ende wenig Rente bekommen. Warum tun die das? Zwei Frauen berichten von ihrem Leben als Sorgende.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Urbach - Den Satz vergisst sie nicht. Auf einer Feier war es. Man saß mit Freunden am Tisch. Da sagte ein Kumpel: „Die Bärbel war immer die Beste in der Klasse. Ich hätte gedacht, dass sie mehr aus ihrem Leben macht.“ Übel nahm Bärbel Baumgartner ihm das nicht. Der sei immer so „grad raus“. Aber nachdenken musste sie schon darüber.

 

Bärbel Baumgärtner, 54 Jahre alt, ist eine, die man neudeutsch Care-Arbeiterin nennt. Care für kümmern. Sie arbeitet vier Tage als Erzieherin in einem Waldkindergarten. Sie hilft ihrer 85-jährigen Mutter, die gleich um die Ecke bei ihr in Urbach wohnt. Sie hat ehrenamtlich eine Jugendfarm aufgebaut und einen Verein für Waldpädagogik gegründet. Sie ist Mitglied einer Bürgerinitiative gegen ein neues Gewerbegebiet und unterstützt den Klimaentscheid Schorndorf. „Man muss was tun.“ Das ist ihr Leitsatz. Er bedeutet: Ich tue etwas für andere. Für ihr Kümmern wird sie mal gut 1000 Euro Rente bekommen. So steht es auf dem Bescheid.

Drei Söhne großgezogen

An diesem Nachmittag sitzt sie – kurze rotbraune Haare, Jeans, bequemer Strickpulli – am Esstisch ihrer Freundin Susanne Schuck. Sie trinken Wasser aus einer Karaffe mit Rosenquarzsteinen. Viel helles Holz gestaltet den Raum. An den Wänden hängen Bilder in rot-orangen Tönen, die Sohn Luis gemalt hat. Ein blauer Holzofen macht den Küchen-Wohnbereich warm.

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Susanne Schuck ist auch so eine Sorgende. Drei Söhne – 17, 20 und 26 Jahre alt – hat sie mit ihrem Mann Andreas großgezogen, sie arbeitet als Erzieherin, Natur- und Umweltpädagogin. Auf dem Balkon liegt ihre 88-jährige Mutter dick eingepackt auf einer Liege. Vor einem Jahr zog sie mit ins Haus, weil es allein nicht mehr ging. Auch Susanne Schuck hätte ohne ihren Mann ein Geldproblem. Eine Erzieherin mit 40 Jahren Berufserfahrung verdient maximal 3815,74 Euro brutto im Monat in Vollzeit. Susanne Schuck hat, seit sie Mutter ist, nie mehr als 50 Prozent gearbeitet.

Halb so viel Rente wie Männer

Geht es um Gleichberechtigung, dann heißt es oft, eine Frau könnte heute doch eh alles werden. Bundeskanzlerin, Forscherin, Firmengründerin, Influencerin, Vorständin. Wenn sie nur will. Aber die Realität der meisten Frauen sieht so aus: Sie verdienen im Durchschnitt 1192 Euro weniger im Monat als Männer, sie bekommen am Ende halb so viel Rente. Frauen arbeiten oft in unterbezahlten sozialen Berufen. In Familien mit Kindern übernehmen sie 80 Prozent der Familien- und Sorgearbeit. Auch ohne Kinder verbringen Frauen ein Drittel mehr Zeit als Männer mit Haushalt und Pflege von Angehörigen. Gender Care Gap nennt sich das. Warum das so ist, erklären viele neue Sachbücher. Frauen werden in dieses Gefühl, für das Wohl anderer – ohne Entgelt – zuständig zu sein, hineinsozialisiert, sagen die.

Susanne Schuck – 57, blonde Haare, offener Blick – wollte immer Kinder. Die klassische Rollenverteilung ihrer Eltern wollte sie nicht. Als junge Frau ist sie Au-pair in Kalifornien. Ihre Gastmutter arbeitet Vollzeit. Susanne Schuck sieht: arbeiten und Kinder haben, das geht. Aber als ihre Söhne geboren werden, will sie jeweils drei Jahre aussetzen und danach halbtags arbeiten. Die Kitalandschaft von heute gibt es noch nicht. Außerdem will sie den Kindern Essen machen, da sein, mit ihnen auf die Jugendfarm zu Freundin Bärbel fahren.

Sie hat nie ans Geld gedacht

Eineinhalb Jahre arbeitet Susanne Schuck mal in Vollzeit, ihr Mann bleibt daheim. Zu viert müssen sie von 1700 Euro netto leben. Andreas Schuck arbeitet zwar als Arbeitserzieher auch im sozialen Bereich, verdient aber mehr. Deshalb entscheiden sie sich für das Er-Vollzeit-sie-Teilzeit-Modell. Eine Bertelsmann-Studie hat gezeigt, dass Mütter lebenslang bis zu 70 Prozent weniger verdienen als kinderlose Frauen. Für Männer hat Vaterschaft meist keine finanziellen Folgen.

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Bärbel Baumgärtner hat keine Kinder bekommen, dafür hat sie Patenkinder, ihre Schützlinge im Kindergarten, eine Stieftochter mit Enkel, die ihr Mann in die Ehe gebracht hat. Ihre finanzielle Situation hängt mit ihrer Berufswahl zusammen. Das Haus, in dem sie wohnt, gehört zwar ihr. Trotzdem macht sie sich Sorgen, weil die Preise steigen. Sie schränkt sich ein, kauft wenig, kulturelle Veranstaltungen sind nur selten, essen gehen so gut wie nie drin.

Sie ist nicht bitter

Sie habe bei ihren Entscheidungen nie an das Gehalt gedacht, sagt Bärbel Baumgärtner, sondern gemacht, was ihr entsprach. So wurde sie Erzieherin, Schreinerin, Postbotin, um schließlich als Waldpädagogin alles zu verbinden, was sie ausmacht: die Liebe zu Kindern, zur Natur, zum einfachen Leben. Ist das so viel weniger wert als beispielsweise Algorithmen zu programmieren? Oder erzählt diese Geschichte auch davon, wie gering Arbeit geschätzt wird, die überwiegend von Frauen gemacht wird?

Susanne Schuck holt jetzt ihre Mutter Hannelore Krebs mit dem Gehwagen von der Terrasse herein. Später wird die Familie zu Abend essen. Susanne Schuck wird die Mutter nach oben in ihre Zimmer begleiten, beim Waschen helfen, aufpassen, dass sie ohne zu stürzen ins Bett geht. Als sie zu ihnen zog, hat Schuck die Arbeitszeit auf zwölf Stunden reduziert. Dafür bekommt sie 550 Euro Pflegegeld. „Als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, fing es mit den Eltern an“, sagt Schuck. Erst der Vater, nun die Mutter. Aber sie ist nicht bitter: „Meine Eltern haben mir mit den Kindern geholfen. Es ist ein Geben und Nehmen.“ Mann und Söhne pflegen die Oma mit.

„Mein Leben ist reich“

Wichtig sei, Auszeiten zu nehmen. Dieses „immer in Beziehung gehen“, das ihr Leben bedeutet, sei anstrengend, sagt Susanne Schuck. Sie ist schon drei Wochen allein in den Urlaub gefahren. So schöpfe sie Kraft. Susanne Schuck ist mit ihren Entscheidungen im Reinen, sie will kein anderes Leben – nur eine bessere Bezahlung für ihren Berufsstand. Dafür setzt sie sich als Personalrätin und in der Gewerkschaft ein. Es könne nicht sein, dass ihre jungen Kolleginnen sonntags nebenbei als Verkäuferinnen jobben müssten.

Bärbel Baumgärtner hat sich gefragt, ob es stimmt, was der Schulkamerad sagte, ob sie nicht genug aus ihrem Leben gemacht hat. Am Verdienst und der Wertschätzung bemessen vielleicht schon. Aber für sich hat sie die Antwort klar: „Mein Leben ist reich.“

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