Zwei Hostienbäckereien im Oberschwäbischen Billigware aus Fernost

Von Bettina Hartmann 

Billigware aus Fernost

Durch den Mitgliederschwund in den Kirchen und den Priestermangel würden heute deutlich weniger Messen gelesen, weiß Ralf Klumpp. Das spüre er auch in seiner Hostienbäckerei. Zudem ist der Leib Christi immer öfter made in China. Die Globalisierung macht auch vor der Kirche nicht Halt. Eigentlich sind die Hostien aus Ochsenhausen schon günstig genug. Ein Tütchen mit 500 kleinen, weißen Hostien kostet 3,05 Euro. Kaum zu glauben, dass dieser Preis von asiatischen und osteuropäischen Herstellern noch unterboten wird. Führt die Billigware auch Klumpps Kunden in Versuchung? „Nein, manche Pfarrgemeinden halten uns seit Jahrzehnten die Treue.“ Neue Abnehmer zu gewinnen, sei dagegen nicht einfach. „Wir können kaum expandieren – und noch weniger experimentieren.“ Hostien unterscheiden sich nun mal nur in ihrer Farbe, in der Größe – so gibt es etwa Laienhostien mit gut drei Zentimetern und Priesterhostien mit fast sieben Zentimetern Durchmesser – und durch ein eingeprägtes Motiv wie Lamm, Kreuz und Fisch. Daran soll sich in Ochsenhausen auch in Zukunft nichts ändern. Auch wenn die Konkurrenz – nicht mal eine Handvoll weltlicher Hostienbäckereien in Deutschland – inzwischen Produktvariationen wie Backoblaten und Esspapier ins Sortiment aufgenommen hat: Bei Klumpp bleibt es traditionell.

Jetzt, zu Pfingsten und vor Fronleichnam – Hochfesten im katholischen Kirchenjahr, in denen die Hostie eine zentrale Rolle spielt –, herrscht in der Bäckerei emsiger Betrieb. Zischend­ presst eine große Maschine den Teig zu einer dünnen, viereckigen Platte. Eine Mitarbeiterin schabt Überschüssiges von den Rändern des Backeisens in einen Eimer. Diese Reste werden an Kühe, Schafe und Fische verfüttert. „Bei uns verkommt nichts“, sagt Klumpp, ganz Schwabe.

Über Nacht kommen die noch knusprigen Teigplatten dann in einen Raum mit 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Dort werden sie weicher, geschmeidiger – und zerbröseln nicht in der Stanz- oder Bohrmaschine. 25 Platten legt Toni Gall, Klumpps Tante, übereinander. Stück für Stück bohrt die 74-Jährige Hostien aus: „Alles in Handarbeit – und nur mit Augenmaß.“ Nach gut 30 Jahren im Betrieb ist sie versiert. Anschließend packt sie die Rundlinge zu 500 Stück in kleine Tüten. Aufzuhören kommt ihr nicht in den Sinn: „Das ist doch eine schöne, sinnvolle Arbeit.“ Mit der man allerdings nicht reich wird: „Wir kommen über die Runden“, fasst Ralf Klumpp zusammen. So zynisch­ es klinge: „Wir profitieren auch davon, dass immer mehr Klöster das Backen aufgeben.“ Die Ordenshäuser und deren einstige Kunden wenden sich dann mit ihren Aufträgen häufig an ihn.

Die Franziskanerinnen backen für den Eigenbedarf

Wie viele klösterliche Hostienbäckereien es in Deutschland gibt, ist nicht erfasst. Aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist zu hören, dass es in Baden-Württemberg vermutlich noch drei oder vier sind. Darunter das imposante Kloster der Franziskanerinnen von Bonlanden, das etwa zehn Kilometer entfernt von Ochsenhausen in Berkheim-Bonlanden liegt. Dort wird für den Eigenbedarf gebacken: „In zwei Stunden schaffe ich etwa 40 große Oblatenplatten. Aus jedem Blatt bekomme ich dann je drei große Priesterhostien und 50 kleine Hostien ­heraus“, sagt Schwester Irmtraud, 74, die seit neun Jahren für die Bäckerei verantwortlich ist. Der Vorrat von gut 2000 Stück reiche dann für zwei, drei Monate.

Ihr Reich ist ein kleiner Raum, in dem ein handbetriebenes Backeisen und eine 150 Jahre alte, pedalbetriebene Stanzmaschine stehen. Auch hier müssen die Teigplatten erst mal eine Weile durchfeuchten – das passiert in einem Schränkchen, in das Schwester Irmtraud ein Schälchen des klostereigenen Quellwassers stellt. Das Wasser nutzt sie auch zum Teiganrühren: wie in Ochsenhausen mit feinem Weizenmehl der Type 405.

„Hostien sind ganz rein“, erklärt die Ordensfrau einer Grundschulklasse. „Sie erinnern uns auch an den Auszug der Israeliten­ aus Ägypten.“ In der Eile sei keine Zeit geblieben, einen Sauerteig anzusetzen: „Deshalb bestehen Hostien bis heute nur aus zwei Zutaten.“ Besuchergruppen zu zeigen, wie die Rundlinge entstehen, ist inzwischen eine ihrer Hauptaufgaben. Mit der Idee trotzen auch die Nonnen dem rückläufigen Markt. „Zu uns kommen von der Fastenzeit an bis Ende Juli etwa 4000 Gäste“, erzählt Schwester Witburga, die Generalvikarin des Klosters. Kommunionskinder samt Eltern­ und Großeltern, Schulklassen, Ausflügler. Die Franziskanerinnen sind mit der Zeit gegangen. Unter anderem im Angebot: eine Entdeckertour für Kinder, ein so schickes wie gemütliches Klostercafé, ein modernes Gästehaus, Seminare und die eindrucksvolle Ausstellung einer barocken Krippe, konzipiert von der international erfolgreichen­ Stuttgarter Werbeagentur Milla & Partner. „Ganz im Sinne von Franziskus stellen wir den Mensch in den Mittelpunkt“, fasst Schwester Witburga das Konzept zusammen.

In der Bäckerei knabbern die Schulkinder derweil an Hostien. Mitnehmen dürfen sie aber nichts, darauf achtet Schwester Irmtraud: „Alles wird hier gegessen!“ Die Drittklässler stellen auch Fragen: Ob Hostien denn schlecht werden können, will ein Mädchen wissen. „Nein“, sagt die Nonne. Laut EU-Recht muss die Teigware, sofern sie in den Verkauf geht, dennoch mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen werden. Doch im Prinzip halten Hostien endlos. Ralf Klumpp und die Franziskanerinnen vom Kloster Bonlanden backen somit im doppelten Sinn für die Ewigkeit.