Zwei Kandidaten, ein Posten Der Kampf um die SWR-Spitze

Kai Gniffke und Stefanie Schneider wollen die Intendanz des SWR übernehmen. Foto: dpa/Michael Kappeler, SWR/Monika Maier, Montage: Klöpfer

Zwei Kandidaten streiten darum, neuer Chef des Südwestrundfunks zu werden. Am Donnerstag wird gewählt. Der Ausgang? Völlig ungewiss.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Mann oder Frau? Rot oder grün? Externe oder interne Besetzung? Versierter Fachjournalist oder Allrounderin? ARD-Renommee oder SWR-Verbundenheit? Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg? Wenn sich am Donnerstag die beiden zuständigen Gremien des Südwestrundfunks, Rundfunk- und Verwaltungsrat, im Stuttgarter Funkhaus versammeln, um einen Intendanten für den Sender zu wählen, ist völlig offen, welches der vielen Kriterien den Ausschlag geben wird. Egal, wen man gerade aus dem Sender fragt, niemand wagt eine Prognose oder auch nur einen Tipp.

 

Wie berichtet sind vorab aus einem größeren Bewerberkreis nur zwei Kandidaten für die Wahl nominiert worden: Stefanie Schneider, derzeit die Direktorin des SWR-Landessenders Baden-Württemberg, und Kai Gniffke, in Hamburg Chefredakteur von ARD-aktuell und damit verantwortlich unter anderem für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“. Beide Bewerber sind vom Profil erfreulich unterschiedlich. Das bedeutet aber auch: Für wen auch immer die 92 Wahlmänner und -frauen sich mehrheitlich entscheiden, sie entscheiden sich damit auch für eine bestimmte Richtung, in die sich der Sender entwickeln soll – zumindest in den kommenden fünf Jahren einer Intendanten-Amtszeit.

Schneider gilt als Grünen-genehme Kandidatin

Stefanie Schneider (57) ist die Kandidatin aus dem eigenen Haus, hier hat sie Schritt für Schritt eindrucksvoll Karriere gemacht. Die Journalistin kam nach ersten Stationen bei Privatradios 1991 zum Landesstudio Tübingen des Südwestfunks (SWF). Nach der Senderfusion prägte sie die Radiowelle SWR 4, übernahm 2011 die Leitung der Strategischen Unternehmensentwicklung und wurde 2013 Programmchefin. Ihre Wahl zur Chefin des Landessenders 2014 fiel schon in die erste Amtszeit des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann – deswegen gilt sie auch jetzt als Grünen-genehme Kandidatin für die Intendanz.

So wie die bisherigen SWR-Intendanten Peter Voß und Peter Boudgoust wäre auch Stefanie Schneider eine Hauslösung. Sie kennt den Sender aus dem Effeff, sie ist an allen wesentlichen Zukunftsdebatten bereits seit Jahren beteiligt, sie ist Allrounderin, weil erfahren sowohl beim Radio als auch beim Fernsehen und digital. Und, auch das ist ja bei allen Chefbesetzungen ein wichtiges Kriterium: Sie würde die erste SWR-Chefin.

Braucht der SWR frischen Wind von draußen?

Viele der genannten Eigenschaften könnten in den Gremien aber auch just gegen Stefanie Schneider sprechen. Braucht der SWR 21 Jahre nach der Senderfusion nicht endlich mal frischen Wind, der von draußen kommt? Eine Führungsfigur, die nicht schon seit Jahren in alle hausinternen Strukturstreitereien persönlich verstrickt ist? Einen Kandidaten, der dem zweitgrößten deutschen Sender auch auf der ARD-Bühne und der politischen Etage mehr Profil und Durchschlagskraft verleiht? Der als anerkannter Politjournalist für die Werte einer unabhängigen Publizistik steht? Und der vor allem endlich die Vorherrschaft der Baden-Württemberger in der SWR-Führung bricht?

Gniffkes Bewerbung hat vor allem Malu Dreyer befördert

Der Kandidat für diese Fälle ist zweifellos Kai Gniffke (58). Der Mann hat seine journalistische Laufbahn zwar auch beim SWR begonnen, aber in Mainz, und ist 2006 nach Hamburg gewechselt, um als Chefredakteur die wichtigste Nachrichten- und Inforedaktion des deutschen Fernsehens zu leiten, ARD-aktuell. Trotz aller Veränderungen im Fernsehgeschäft hat er die „Tagesschau“ als wichtigste und quotenstärkste Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen erhalten können. Gniffke ist Mitglied der SPD, das hat in seiner Familie Tradition. Und von allen Thesen, die es zu Beginn des Jahres bei der Vorabauswahl der zwei Kandidaten gab, klingt diese tatsächlich sehr schlüssig: Die Bewerbung Gniffkes hat vor allem Malu Dreyer, die SPD-Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, befördert – unter anderem mit dem Ziel, die Dominanz Stuttgarts in der Zweiländeranstalt SWR zu beenden.

Hinter den Kulissen tobt der Machtkampf

Seit der vorigen SWR-Gremiensitzung am 22. März sind die beiden Kandidaturen von Schneider und Gniffke offiziell. Seitdem tobt der Wahlkampf um die Mehrheit der Stimmen – aber allein hinter den Kulissen. Öffentlich halten sich die zwei mit allen Äußerungen zur Zukunft des Senders völlig zurück; erste Programmreden wird es erst am Wahltag selbst bei der Sitzung im Funkhaus geben. Intern allerdings tobt längst der Wahlkampf – und wie immer in solchen Fällen vor allem mit gezielt verbreiteten Gerüchten.

Plötzlich ist vielfach aus den berühmten „gut informierten Kreisen“ zu hören, Stefanie Schneider neige in ihrer Arbeit zur übermäßigen Emotionalität, ihr fehle das „Standing“ im Auftreten, sie sei noch dazu mit ihrer Kollegin in Mainz, der Landessenderdirektorin Simone Schelberg, heillos zerstritten und darum in Rheinland-Pfalz nicht durchsetzbar. Im Falle Gniffkes tauchen derweil anonyme Klageschriften aus Hamburg auf; der Mann sei autoritär oder gar „machohaft“ im Auftreten und gehe mit dem Redaktionsbudget nicht sachgemäß um. All das ist natürlich niemals wirklich belegt, geschweige denn, dass die Quelle klar wäre, wird aber trotzdem von einigen Medien unter der Fahne eines angeblich kritischen Journalismus freudig kolportiert.

Das Wahlverfahren hat seine Tücken

Tatsache ist, dass das Wahlverfahren am Donnerstag seine Tücken hat und einige politisch orientierte Gesprächskreise innerhalb des Gremiums versuchen, mögliche Mehrheiten vorab zu klären. Das Problem ist: Der künftige SWR-Chef braucht eine doppelte Mehrheit – nicht nur im gesamten Gremium, dafür könnten die Delegierten aus dem Südwesten rein zahlenmäßig leicht sorgen, sondern auch innerhalb der beiden Delegierten-Untergruppen aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Andererseits sind laut Satzung am Donnerstag höchstens zwei Wahlgänge erlaubt. Erst sechs Wochen später dürfte der nächste Versuch starten – ein Szenario, das dem Ansehen des Senders sicher nicht nützen würde. Geschweige denn dem neuen Chef.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu SWR Peter Boudgoust ARD