Zwei Ochsen als Haustiere Schwarzwälder Prachtburschen
Harald Schuler und Peter Hummel haben ein außergewöhnliches Hobby. Wie anno dazumal sind sie mit ihren Ochsen Emil und Olaf im Hochschwarzwald unterwegs.
Harald Schuler und Peter Hummel haben ein außergewöhnliches Hobby. Wie anno dazumal sind sie mit ihren Ochsen Emil und Olaf im Hochschwarzwald unterwegs.
Emil trinkt seelenruhig aus dem steinernen Brunnen, während Harald Schuler ihm mit dem Striegel den Schmutz aus dem Fell bürstet. Eine kleine Dusche mit dem Hochdruckreiniger hat er schon hinter sich. Neben Emil steht Olaf. Auch er: ausgehfertig und tiefenentspannt. „Wenn sie vom Hof gehen, sollen sie ordentlich aussehen.“
Olaf und Emil. Die beiden jungen Ochsen sind im Hochschwarzwalddorf St. Peter bekannt wie bunte Hunde. Weniger als 3000 Menschen leben hier auf dem Plateau zwischen Thurner und Kandel. Man kann davon ausgehen, dass die meisten dem Duo bereits begegnet sind. Mehrmals in der Woche sind Olaf und Emil unterwegs. Mal werden sie spazieren geführt, mal vor den Karren gespannt. Ein privilegiertes Dasein, wenn man bedenkt, dass die Schwarzwälder Bevölkerung Ochsen gerne auf dem Teller sieht, mit Meerrettichsoße und Preiselbeeren.
Harald Schuler und Peter Hummel sind keine Vegetarier. Aber im Kochtopf werden Olaf und Emil nicht enden, da sind sich die Männer einig. Ohnehin haben die beiden Ochsenhalter Größeres vor mit dem Fleckvieh. Sie wollen den jüngeren Generationen vor Augen halten, dass Ochsen weltweit zu den ältesten Zugtieren gehören. Dass sie auch in Deutschland unverzichtbare Helfer in der Landwirtschaft waren. Dass sie ruhiger und weniger angriffslustig sind als Bullen. Schuler und Hummel wollen das Ursprüngliche bewahren. „Jüngere sollen sich in 20 Jahren noch erinnern, dass es so was wie Ochsenkarren gab.“
Sie behandeln ihre zweieinhalbjährigen Ochsen wie Haustiere, mit Streicheleinheiten und viel Ansprache. „Das Wichtigste ist, dass sie uns vertrauen“, sagt Peter Hummel. Der 62-Jährige hat auch ein Faible für alte Gefährte. In der Freizeit schraubt er an seinem Unimog. Aus einem maroden Holzwagen, den sie aus einer Hecke zogen, machte er einen stattlichen Ochsenkarren.
Für Historisches begeistern sich beide Männer. Bei einem Schleppertreff sahen sie zum ersten Mal ein Ochsengespann. Schnell war’s um sie geschehen. „Harald, ich brauch’ dich“, sagte Peter Hummel zu seinem Bekannten. Harald züchtete früher Schwarzwälder Füchse und hat noch immer zwei Pferde auf seinem Hof. Also kann er auch mit Ochsen umgehen, dachte sich Hummel. „Wir kennen uns schon länger“, sagt Harald Schuler. „Wenn uns aber jemand vor 20 Jahren gesagt hätte, dass wir mal zusammen mit Ochsen durch den Ort gehen werden, dann hätte ich geantwortet: Im Leben nicht!“
Es geht los. Nachdem sich Olaf und Emil die ganze Nacht auf der Weide getummelt haben, sollen sich die Burschen jetzt bewegen. Sie wirken gleichgültig, als ihnen die antiken Ochsenkummets um den Hals gelegt werden. Das alte Geschirr haben die Männer in Ulm aufgetrieben. Hummel hat es drei Tage gereinigt, eingefettet, die Schnallen gangbar gemacht. Er liebt das Geräusch von altem Leder. „Das lebt und erzählt Geschichten.“ Weil Olaf und Emil dem Geschirr immer wieder entwachsen, sind die Männer stets auf der Suche nach neuen Kummets. Man müsse schon Glück haben, eine geeignete Ausstattung zu finden. Dazu kommt, dass die meisten Geschirre aus der Region zu klein seien. „Früher waren die Ochsen zierlicher“, erklärt Schuler. Oft habe man Rind und Pferd gemeinsam vor den Karren gespannt. In Frankreich werde heute noch mit Stirnjoch gefahren. Olafs und Emils Kummets sind dagegen nach unten hin offen. „Der Ochs braucht vorne die Freiheit, der soll gut in alle Richtungen schauen können.“ Das sei zwar gefährlicher für denjenigen, der neben ihm geht, die Ochsen haben ja Hörner. „Aber wir haben die Hoffnung, dass sie uns in Ruhe lassen.“
„Vorwärts!“ – „Auf geht’s!“ – „Komm, Emil!“ Sie zuckeln los. Gemächlich erst, bald finden sie in einen flotteren, gleichmäßigen Rhythmus. „Hüscht!“, ruft Schuler. In der Fuhrmannssprache bedeutet das: nach links. Mit jedem Ausflug sollen die Ochsen sich mehr an ihr Dasein als Zugtiere gewöhnen. Große Lasten bürden ihnen die Männer noch nicht auf. „Kein Stress, wir sind noch in der Anfangsphase.“ Später, wenn die Ochsen ausgewachsen sind (sie werden um die 15 Jahre alt) und 1000 Kilo auf die Waage bringen, könnten sie locker eine Tonne ziehen.
Olaf und Emil stammen aus einer Zucht ganz in der Nähe. Ihre Herrchen haben sie ausgewählt, da waren sie gerade mal ein paar Tage alt. „Die beiden waren am zutraulichsten. Wir konnten sie gleich streicheln. Das hat gepasst“, sagt Schuler.
Nach 14 Tagen gingen sie zum ersten Mal gemeinsam spazieren. Als die Tiere drei Monate alt waren, wurden sie kastriert und zogen um auf Schulers Hof. Mittlerweile haben sie das Pubertätsalter erreicht. Zwei Kraftpakete, die auf der Weide darum ringen, wer der Boss ist. Beide Ochsenhalter haben viel Platz für die Tiere. Schuler hält neben zwei Pferden auch Hühner, 20 Schafe, zwei Kühe und Kälber. Sein Geld verdient der 48-jährige Vater von vier Kindern als Verkaufsberater im Außendienst. Vor wenigen Wochen wurde er in den Gemeinderat von St. Peter gewählt.
Peter Hummel ist bereits im Vorruhestand. Er hatte mal einen Getränkemarkt im Gewerbegebiet. Auch er besitzt einen kleinen Hof mit vier Schweinen, zwei Kühen und Kälbern. Seine drei Kinder sind bereits erwachsen. Sieben Enkel haben sie ihm beschert. Die Kinder und Ehefrauen interessieren sich nur mäßig für die Ochsenliebe ihrer Männer. „Meine sagt immer: ,Schön, dass du so was machst. Aber es ist DEIN Hobby“, erzählt Harald Schuler und lacht.
Mehr Anerkennung gibt’s von Leuten aus dem Ort, von Touristen und, seit sie auch mal im Fernsehen kamen, manchmal sogar aus der Ferne. Als sie neulich an einem Sonntagmorgen mit den Tieren durchs Dorf spazierten, bat eine Frau um ein gemeinsames Foto. Eine andere schrie aus ihrem Garten: „Anhalten! Frühschoppen!“
Auch Tränen der Rührung gibt es manchmal. Ein alter Mann mit Rollator erinnerte sich beim Anblick des Ochsengespanns an seine Kindheit. „Das hat uns auch was gegeben“, sagt Schuler. Hummel erzählt vom ersten offiziellen Auftritt. Am Vatertag wanderten sie hoch in Richtung Plattensee, zu einem Fest. Kinder durften auf dem Wagen mitfahren. „Das war eine Gaudi.“
Manchmal schauen Schulklassen vorbei. Ein Museum in Dänemark hat nach Informationen gefragt, „wie man so was macht“. Auch ein in Stuttgart lebender Amerikaner wolle sich das anschauen und eventuell selbst Ochsen halten. „Die stellen sich das so einfach vor“, sagt Schuler. „Das macht man nicht eben mal so gschwind.“ Man brauche Zeit, Geduld und Platz für die Tiere. Wer sich nicht intensiv mit ihnen beschäftige, könne seinen Traum vom eigenen Ochsengespann gleich vergessen.
Es gibt aber Situationen, da sind auch Schuler und Hummel ratlos. Manchmal bleiben Olaf und Emil einfach stehen. Wie die Ochsen vorm Berg. „Wie zwei Esel“, sagt Hummel. Wenn gar nichts hilft, bleibt nichts anderes übrig, als wieder umzudrehen. „Heim wollen sie immer.“
Schuler schätzt die Ruhe, die seine Ochsen ausstrahlen. Dieses gemeinsame meditative Gehen. Ein Schritt nach dem anderen – Hüscht! Hopp, auf geht’s! „Da ist schon ein bisschen Liebe dahinter“, sagt Hummel. Er mag es, dass Olaf inzwischen schon auf ihn hört. „Es wird immer alles besser. Die Arbeit, die wir da reinstecken, lohnt sich.“ Der Spaziergang über die sanften, grünen Hügel des Südschwarzwalds schenkt ihnen grandiose Ausblicke. Der Feldberg bleibt heute allerdings im Nebel verborgen. Olaf und Emil laufen jetzt etwas zackiger. Es geht zurück. Sie wissen, dass sie ein Eimer mit Schrot erwartet.
Das Klosterdorf St. Peter ist touristisch von Bedeutung. Schuler und Hummel wollen nicht ausschließen, dass künftig auch die Ochsen eine Rolle dabei spielen könnten. Für einige Veranstaltungen sind sie bereits gebucht. Wenn Rossfest ist in St. Märgen, laufen sie beim Umzug mit. Anfang August geht’s zu einem Schleppertreffen, wo sich Olaf und Emil im Holzrücken üben können. Mit dem Gespann bei einer Hochzeit vorfahren, Braut und Bräutigam hinten auf dem Wagen – „wenn wir da mal eine Anfrage bekommen würden, das wär was.“