Wenn das Geld für das Nötigste reicht: Zwei Frauen aus dem Kreis Ludwigsburg erzählen vom Alltag mit Existenzangst und dem Versuch, ihren Kindern das beste Leben zu ermöglichen.

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Ellen Maischke, die eigentlich anders heißt und anonym bleiben möchte, kennt den Geschmack von Armut. Als Kind einer alkoholkranken Mutter gab es bei der Marbacherin zu Hause tagelang nichts zu essen, ihren Hunger stillte sie mit Papier. In der Schule wurde sie von ihren Mitschülern für ihre löchrige Kleidung gehänselt. Urlaube kannte sie nicht.

 

Jedes fünfte Kind in Baden-Württemberg ist armutsgefährdet. Diese harsche Realität der betroffenen Familien ist für viele Menschen so weit entfernt von der eigenen, dass sich ein Klischee hartnäckig hält: Arme Menschen sind faul und selbst schuld an ihrer Situation. Zwei Frauen aus dem Kreis Ludwigsburg berichten von einem gesellschaftlichen Bild, dem sie nicht entsprechen, von dem täglichen Versuch, ihren Kindern auch mit wenig Geld ein gutes Leben zu bieten und den Sorgen, die sie nachts wach halten.

„Lieber stecke ich als Mama zurück“

Seit Jahren wolle sie wieder arbeiten, erzählt Ellen Maischke. Aber sie finde keinen Halbtagsjob, bei dem der Chef oder die Chefin Verständnis zeigt, wenn mal wieder die Schule anruft. Ihr Sohn hat ADHS, Legasthenie und verschiedene Allergien – seine Betreuung ist deshalb zeitintensiver und die Alleinerziehende damit auf die Kulanz eines Arbeitgebers angewiesen.

Nach ihrer eigenen Kindheit hat sie sich geschworen, dass es ihr Kind anders haben wird: Eine warme Mahlzeit am Tag, ein kleiner Urlaub im Jahr, natürlich nicht auf Mallorca, aber doch immerhin ins Allgäu. Dafür legt Maischke, wann immer sie kann, ein paar Euro zur Seite. Wenn am Ende des Monats 20 Euro übrig bleiben, sei sie froh, erzählt sie. Der Gedanke, dem eigenen Kind nicht genug bieten zu können, begleite sie permanent. „Lieber stecke ich als Mama zurück, bevor mein Sohn in der Schule gemobbt wird, weil er dringend einen Haarschnitt braucht.“

Sechs Jahre lang auf Wohnungssuche

Mit ihrem Sohn war sie sechs Jahre auf Wohnungssuche, hat auf Sofas von Freundinnen und in der Obdachlosenunterkunft geschlafen. Vermieter hätten sie erst gar nicht zu Besichtigungen eingeladen. „Den Armen-Stempel trägst du – gerade als Alleinerziehende“, sagt sie. „Aber ich bin keine Kettenraucherin, trinke nicht, habe keine Schulden – wir sind keine RTL Zwei Familie.“ Ihr wichtigstes Ziel: Dass ihr Sohn später nicht in die Arbeitslosigkeit rutscht.

Klara Rote, der ebenfalls ein fiktiver Name gegeben wurde, hat zwei Kinder und zwei Minijobs als Reinigungskraft. Für ihre vierköpfige Familie bleiben nach Abzug der Fixkosten monatlich rund 400 Euro. Im Oktober ist eine dreistellige Werkstattrechnung angefallen, die ihr Erspartes schmelzen ließ. „Da haben wir von den Notreserven gelebt“, sagt Rote. Manchmal wache sie nachts auf, die Sorge, dass auch noch die Waschmaschine kaputt geht, liege wie ein harter Klumpen im Magen. „Das Gedankenkarussell macht einen kaputt“, sagt sie.

Wenn sie im Supermarkt an der Kasse steht, werde sie unruhig, weil sie Sorge habe, dass die Kartenzahlung abgelehnt wird. Früher habe die Familie noch mehr Geld zur Verfügung gehabt und sie habe Bolognese eingekauft, wenn sie Lust darauf hatte. Heute wird nur noch gekauft, was im Angebot ist. „Manchmal, wenn bei den Nachbarn zum dritten Mal in der Woche der Pizzabote über den Hof läuft, denkt man sich schon, warum haben es andere besser als ich“, sagt sie. Bei ihnen sei das höchste der Gefühle eine Tiefkühlpizza.

Mach dich stark Tage in Ludwigsburg

Gabriela Feiert arbeitet bei der Stadt Ludwigsburg als Koordinatorin für Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut. Sie vermisst das gesellschaftliche Bewusstsein beim Thema Armut. Kinderarmut sei keine gesellschaftliche Randerscheinung – und kein rein finanzielles Thema. „Armut macht perspektivlos, engt ein und grenzt aus“, sagt sie. Die Stadt und der Landkreis Ludwigsburg beteiligen sich deshalb zum zweiten Mal an den landesweiten Aktionstagen „Mach dich stark“ vom 15. bis zum 20. November.

Das Netzwerk ist am Samstag mit einem Infostand und Popcorn auf dem Wochenmarkt vertreten. Am Montag findet im Kulturzentrum um 19 Uhr ein kostenloser Impulsvortrag zum Thema „Bildung und Armut in der Kindheit“ mit anschließender Podiumsdiskussion statt.

Am Dienstag startet um 18 Uhr die Ausstellung der Kunstschule Labyrinth und der Oberstufe des Friedrich-Schiller-Gymnasiums „Wohnst du noch?“ im Kulturzentrum und am Mittwoch wird um 19 Uhr eine offene Lesung angeboten. Undine Zimmer liest aus ihrem Buch „Nicht von schlechten Eltern – Meine Hartz-IV-Familie“. Am Donnerstag sind um 16.30 Uhr alle Eltern und Kinder zu einem Laternenlauf unter dem Motto „Licht an für Kinderrechte“ eingeladen. Treffpunkt ist der Platz der Kinderrechte vor dem Forum.

Ellen Maischke blättert jeden Sonntag die Prospekte der Supermärkte durch, um am Anfang der Woche die Läden abzufahren und auf Vorrat einzukaufen. Für Obst und Fleisch fehlt häufig das Geld, eine Portion Gemüse kommt aber jeden Tag auf den Tisch. Ihr Sohn soll nie wissen müssen, wie es ist, Papier zu essen.

Armut in Deutschland

Kinderzuschlag
Wenn das Einkommen nicht für die ganze Familie reicht, können Eltern zusätzlich zum Kindergeld den Kinderzuschlag erhalten. Der Antrag muss jedoch gesondert alle sechs Monate bei der Familienkasse gestellt werden. Der Höchstsatz pro Kind liegt bei 297 Euro.

Alltagstipps
Unsere Gesprächspartnerinnen nutzen Angebote wie das Kaffee Frieda – ein offener Treffpunkt für Alleinerziehende. Sie informieren sich über die Luftballon-Zeitung oder die Instagram-Seite „Ludwigsburg mit Kind“. In Ludwigsburg gibt es außerdem die Ludwigsburg Card, die Menschen mit kleinem Geldbeutel im Alltag Entlastung verschafft.