Noch liegt das Kamel als schlappe Hülle am Boden, aber gleich tanzt es leichtfüßig in einem Stuttgarter Ballettsaal durch eine „Nussknacker“-Probe. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Probenbesuch beim Stuttgarter Ballett: Choreograf Edward Clug und sechs Tänzer verraten, wie trippelnde Kamele einen Ballettklassiker neu interpretieren und alte Klischees überwinden.
Jetzt tanzen sie wieder. Mit dem „Nussknacker“ des Stuttgarter Balletts kehren die zwei heimlichen Stars der vorweihnachtlichen Inszenierung auf die Bühne des Opernhauses zurück. Wenn die beiden Kamele im zweiten Akt durch die von Jürgen Rose gestaltete Kulisse trippeln, ist Szenenapplaus garantiert. Wie landeten die beiden neuen Publikumslieblinge überhaupt in diesem Ballettklassiker? Und wie kommen die Tänzerinnen und Tänzer, die ihre Stoffhüllen mit Leben füllen, mit der ungewohnten Aufgabe klar? Wir haben uns beim Choreografen Edward Clug und bei einer Kamel-Probe im Ensemble umgehört.
Vor drei Jahren hatte sein „Nussknacker“ in Stuttgart Premiere. Edward Clug erinnert sich lebendig an seine Gespräche mit Ausstatter Jürgen Rose bei den Vorbereitungen der Szenen mit den chinesischen und arabischen Tänzen Tschaikowskys. 2021 war das Berliner Staatsballett in die Schlagzeilen geraten und hatte wegen Rassismusvorwürfen seinen „Nussknacker“ abgesetzt. „Wir haben viel über diese rassistischen Stereotype nachgedacht und wollten ähnliche Diskussionen auf alle Fälle vermeiden“, sagt der Choreograf.
Tierische Lösung für die Stereotypen-Falle im „Nussknacker“
Edward Clug war damals in der glücklichen Situation, dass er sich in Stuttgart von Petipas Vorlage frei machen und alles neu denken durfte. Und da er in früheren Balletten bereits viel mit Tierfiguren gearbeitet hatte – für „Peer Gynt“ etwa mit Rentieren auf Krückenbeinen, ein Konzept, das er auch in Stuttgart umsetzte –, lag auch für seinen „Nussknacker“ eine unproblematische, „tierische“ Lösung nahe. Zumal im zweiten Akt Leben in die Spielzeugfiguren kommt, die im ersten Akt noch starr im Zimmer von Clara, der Heldin aus E. T. A. Hoffmans Erzählung, stehen. Zu Eichhörnchen und Käfern gesellten sich im Lauf der Entwicklung des Balletts so die beiden Kamele.
Langeweile? Kommt bei diesen Kamelen im „Nussknacker“ nicht auf
„Die orientalischen sind die längsten Tänze unter den Divertissements des ,Nussknackers‘“, sagt Edward Clug und erinnert sich: „Schon als Kind fand ich die immer zu lang - und zu langweilig.“ Ein Vorwurf, den man seinen Kamelen auf keinen Fall machen kann. Auch bei den Proben im Doll-Saal kann man sich kaum daran satt sehen, wie jeweils zwei Tänzer die aus alten Säcken, bunten Tüchern und Köpfen aus Plüsch gestalteten Figuren bewegen.
„Die Mädchen wollen immer zuerst fressen“, erinnert Probenleiterin Birgit Deharde die Erste Solistin Anna Osadcenko in der Rolle der Clara an die richtige Reihenfolge bei der Fütterung, für die beide Kamele recht geschickt niederknien. Zwei Tänzerinnen bewegen das linke Wüstenschiff, zwei Jungs das rechte, auf das Clara gleich aufsteigen wird. Synchron laufen sie auch beim Durchgang für eine weitere Besetzung im Passgang durch den Raum, formieren ein Tor, durch das Clara hindurch krabbelt, reiben mit breitem Kamel-Grinsen ihre langen Hälse aneinander, ohne sich zu verheddern, um schließlich nicht ganz artgerecht im Spagat zu Boden zu gehen.
Edward Clug (links) bei Proben in Stuttgart Foto: Roman Novitzky
„Die Tänzer sehen in ihren Kostümen so gut wie überhaupt nichts“, sagt Birgit Deharde und erläutert: „Die hinteren orientieren sich an den vorderen. Machen die vorn einen Fehler, müssen die hinten den mitmachen.“ Ein bisschen könne man durch die Struktur des Stoffs doch sehen, beschreiben die sechs mit den Kamelen vertrauten Tänzer nach der Probe die Herausforderung dieser Rollen. „Aber nur zur Seite. Nach vorn versperren Hals und Kopf die Sicht“, schränkt Eva Holland-Nell ein.
„Der Kopf des Kamels wird über einer Art Besenstil bewegt, sein Gewicht tragen wir mit Hilfe eines Brustgurts“, erläutert Vincent Travnicek. Geschickt wie Puppenspieler manipulieren die Tänzer die großen Tiere, lassen sie energisch den Kopf schütteln. Den schütteln ebenfalls die Tänzer auf die Frage, ob sie Unterstützung von Figurentheater-Profis hatten. Nein, hier sind Naturtalente am Werk.
Stuttgarter „Nussknacker“ macht Tänzer zu Figurenspieler
„Sie müssen etwas tun, wofür sie nicht ausgebildet sind“, merkt auch Edward Clug an. Tierstudien für die Bewegungen der Kamele oder die der anderen Tierfiguren habe er nicht betrieben. „Natürlich habe ich mich schlau gemacht, ob ein Kamel im Passgang geht. Aber als Choreograf interessiert mich mehr, was sich in der Praxis des Tanzes gut umsetzen lässt“, sagt Edward Clug. Vor allem gehe es ihm auch darum, das Publikum zu überraschen.
Augenzwinkernder Kommentar auf den klassischen „Nussknacker“
Den Kamelen gelingt das auf doppelte Weise, indem sie die „Nussknacker“-Tradition des orientalischen Tanzes mit einem Augenzwinkern kommentieren. Dass Clug den väterlichen Drosselmeier, der Clara durch die Spielzeugwelt begleitet, just in dieser Szene einschlafen lässt, ist ein Seitenhieb des Choreografen auf die aus seiner Sicht zähe Urszene des Ballettklassikers. „Eines der Kamele weckt Drosselmeier auf; das ist ein Witz, den ich mir nicht verkneifen konnte“, verrät Edward Clug und lacht: „Sogar ein Kamel muss manchmal unerwartete Dinge tun.“
Hier geht es zum „Nussknacker“:
Insgesamt gibt es 15 Aufführungen bis zum 2. Januar.
Am 30. Dezember lädt eine Familienvorstellung Eltern und Kinder ein; am 26. und 28. Dezember gibt es Aufführungen um 14 Uhr.
Für alle Aufführungen gibt es nur noch Restkarten an der Abendkasse.
Der Chor der Mädchenkantorei an der Domkirche St. Eberhard in Stuttgart begleitet den Stuttgarter „Nussknacker“.
Die Vorstellung hat zwei Akte, eine Pause und dauert insgesamt ca. 135 Minuten.
Noch tanzt dieser „Nussknacker“ ausschließlich in Stuttgart
Termin Der „Nussknacker“ steht vom 29. November an insgesamt 15 Mal bis zum 2. Januar auf dem Spielplan des Stuttgarter Balletts, am 30. Dezember in einer Familienvorstellung. Für alle Aufführungen gibt es nur noch Restkarten an der Abendkasse im Opernhaus.
Exklusiv Das Stuttgarter Ballett hält noch in dieser Spielzeit die alleinigen Aufführungsrechte an Edward Clugs „Nussknacker“. Er habe schon etliche Anfragen von anderen Kompanien, die Interesse an der Inszenierung hätten, verrät der Choreograf. Auch für sein eigenes, wesentlich kleineres Ensemble, dem slowenischen Nationalballett in Maribor, kann sich Edward Clug diesen „Nussknacker“ in einer Light-Version vorstellen.