Zwei Schwaben in New York Licht und Schatten

Von Ana-Marija Bilandzija 

Die Schwaben Markus Kirwald und Gregor Hübner haben in New York Karriere gemacht. Sie lieben ihre neue Heimat, auch wenn in der alten Heimat manches besser läuft.

Der Talheimer Markus Kirwald managt die New Yorker Dependance des Strickmaschinenherstellers Stoll.  Gregor Hübner  wuchs in Ravensburg auf und lebt nun als Jazzmusiker und Komponist in Harlem. Foto: Ana-Marija Bilandzija
Der Talheimer Markus Kirwald managt die New Yorker Dependance des Strickmaschinenherstellers Stoll. Gregor Hübner wuchs in Ravensburg auf und lebt nun als Jazzmusiker und Komponist in Harlem. Foto: Ana-Marija Bilandzija

New York - Markus Kirwald, 49, sieht aus, wie Männer heutzutage aussehen, wenn sie es in Manhattan zu etwas gebracht haben: Ein grau melierter Vollbart umrahmt das markante Gesicht, die Ärmel seines Hemds trägt er lässig hochgekrempelt. In perfektem Englisch dirigiert er sein Orchester an Mitarbeitern. Dann wechselt er in seine Muttersprache. Markus Kirwald schwätzt, als hätte er die Schwäbische Alb nie verlassen – und sitzt dabei im Herzen New Yorks. Als Produktionsmanager trägt er bei der Firma Stoll große Verantwortung, Meetings mit wichtigen Designern gehören zu seinem Alltag. Das schwäbische Unternehmen ist weltweiter Marktführer in der Herstellung industrieller Strickmaschinen.

Kirwalds erste Karriereschritte klingen nach einem klassisch schwäbischen Werdegang: In Talheim geboren, macht er in Mössingen eine Schreinerlehre und wechselt dann die Branche. Er studiert Textilwirtschaft in Reutlingen und arbeitet als Werkstudent bei der ortsansässigen Firma Stoll. Daraus ergibt sich eine Festanstellung, die ihn nach dem Studium für dreieinhalb Jahre in die New Yorker Dependance führt. Dann kehrt er in die Reutlinger Zentrale zurück, wird aber in den folgenden 19 Jahren regelmäßig auf Geschäftsreisen ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten geschickt.

Ein Wendepunkt in seinem Privatleben – Markus Kirwald will keine Details preisgeben – macht ihn schließlich zum Fulltime-New-Yorker. „Gott hat mir eine Tür aufgemacht“, sagt er, der sich in einer Freikirche engagiert. Auf der Suche nach einer neuen Perspektive schaut er sich 2008 im Stellenportal seines Arbeitgebers um. Seinerzeit baut Stoll in New York einen neuen Standort auf, im Garment District, einem angesagten Stadtviertel mitten in Manhattan. Alle wichtigen Modemarken sitzen dort. Kirwald bewirbt sich für die Stelle des Managers. Dann geht alles ganz schnell. Schon am Tag nach der Zusage hält er sein Businessvisum in der Hand, acht Monate später die begehrte Greencard. Er ist jetzt ein New Yorker.

Ein Logenplatz in der Megacity

Viel Zeit zum Nachdenken blieb also nicht. Dass er die Entscheidung nie bereut hat, glaubt man Kirwald aufs Wort, wenn man ihn im Stoll-Werk in New York durch die Räume schwirren sieht. Mit charmanter Zurückhaltung gleicht er Termine mit Kollegen ab, bevor er sich wieder an den Schreibtisch setzt. Von Kirwalds Arbeitsplatz aus kann man die umtriebigen New Yorker beobachten. Das verglaste Atelier ist einer der Logenplätze der Megacity und eines der Privilegien, die der Manager genießt.

Als der Standort aufgebaut wurde, hatte Kirwald viel mit Handwerkern zu tun. Und erkannte schnell: mit schwäbischer Technik können die New Yorker nicht mithalten. Also legte der Chef selbst Hand an. Der gelernte Schreiner vermisst in seiner neuen Heimat Pünktlichkeit, Genauigkeit und Qualität. Der Rest der deutschen Mentalität fehlt ihm hingegen nicht. Er schätzt die amerikanische Lockerheit.

Heimat ist für Markus Kirwald nun, wenn die Bedienung im Coffeeshop schon bei der Begrüßung weiß, was er kriegt. In einer riesigen Stadt wie New York brauche man solche Anker. „Alle suchen, wissen aber nicht, was“, erzählt er. „Die Oberflächlichkeit ist brutal, macht den Alltag zwar angenehmer, aber am Ende des Tages sind viele Leute hier einfach leer.“




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