Zwei Stuttgarter bei Vollversammlung Schwester Nicola und die Zukunft der Katholischen Kirche

Schwester Nicola Maria Schmitt hat an der Infotheke im Haus der katholischen Kirche das Ohr an der Basis. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Um die Zukunft der Katholischen Kirche geht es, wenn sich Ende Januar 230 Vertreter zur Vollversammlung treffen. Neben Stadtdekan Christian Hermes ist aus Stuttgart Ordensschwester Nicola Maria Schmitt dabei. Was erhofft sie sich?

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Es war an einem Abend im November, als die Ordensschwester Nicola Maria Schmitt einen unerwarteten Anruf erhielt. Ihre Generaloberin war am Apparat und schaffte es, die sonst so resolute 58-Jährige zu überrumpeln. Ob sie bereit wäre, bei der Vollversammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt am Main dabei zu sein – als eine von zehn Vertretern, die die Deutsche Ordenskonferenz in das Gremium entsendet?

 

Die Vinzentinerin wusste gar nicht recht, wie ihr geschah, sagte aber zu – und wälzte sich danach im Bett herum. „Ich hatte zunächst ganz viele Aber im Kopf“, erinnert sie sich. Weil die Anfrage so kurzfristig kam, nahm sie damals an, nicht erste Wahl gewesen zu sein. Inzwischen weiß sie, dass andere Teilnehmer deutlich später bestimmt wurden. Aus Stuttgart reist neben ihr noch der katholische Stadtdekan Christian Hermes an, er ist der Vertreter des Priesterrats der Diözese. 230 Männer und Frauen sind am 30. Januar in Frankfurt bei der ersten Vollversammlung des Synodalen Wegs dabei. Anlässlich der Missbrauchsskandale hatten die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken den auf zwei Jahre angelegten Prozess gestartet, in dem es um nicht weniger als die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland gehen wird. Die Rolle der Frau in der Kirche, Sexualmoral, priesterliche Lebensform – es sind durchaus heiße Eisen, die besprochen werden sollen.

Auch strittige Themen sollen besprochen werden

„Ich bin gespannt und offen“, sagt Schwester Nicola Maria Schmitt. Sie hat inzwischen eine Ahnung, warum man ausgerechnet auf sie gekommen ist. „Durch meine Aufgabe habe ich das Ohr an der Basis“, sagt die Stuttgarterin, die aus dem Südschwarzwald stammt. Seit der Eröffnung des Hauses der katholischen Kirche vor elf Jahren sitzt sie dort an der Infotheke – sie gibt nicht nur Auskunft, sie ist auch eine sehr gute Zuhörerin; außerdem verantwortet sie das City-Pastoral in dem Haus und bietet in dieser Funktion niedrigschwellige, spirituelle Angebote an. Als ehemalige Pflegedirektorin des Marienhospitals bringt sie zudem das nötige Rückgrat und Selbstbewusstsein mit. „Solche Gremien sind mir nicht fremd“, sie war in der Vergangenheit schon im Deutschen Caritasverband als Stimme der Orden vertreten.

Ordensschwester wird nach der Beichte gefragt und muss ablehnen

Schwester Nicola Maria Schmitt bekommt auf ihrem Platz an der Infotheke viel mit und auch jede Menge Wut ab – wie erst vor wenigen Tagen die Wut eines Besuchers wegen der Schlagzeilen, für die Benedikt XVI. gesorgt hat. Der Besucher sei fassungslos über dessen Verhalten gewesen. „Ich erlebe, dass vielen Menschen die katholische Kirche immer fremder wird und sie für viele Dinge kein Verständnis mehr haben“, sagt sie.

Sie nennt ein Beispiel: Eine ältere Frau sei auf sie zugekommen und habe gefragt, warum sie, die doch eine von Gott gewählte Frau sei, ihr nicht die Beichte abnehmen dürfe. „Sie wollte nicht vor einem Mann beichten“, erzählt die Vinzentinerin. Doch das Beichtsakrament ist den Priestern vorbehalten. „Warum darf ich das nicht?“, die Frage stellt auch Schwester Nicola Maria. Sie wünscht sich „eine neue Sakramentaltheologie, die nicht mehr nur an den Priester gebunden ist“ – und wird ihren Teil dafür tun, dass sich etwas ändert. Sie hat sich in die Arbeitsgruppe „Dienste und Ämter der Frauen in der Kirche“ der Vollversammlung eingetragen. Das Thema liegt ihr am Herzen.

Als Neunjährige wusste sie schon, dass sie einmal im Kloster leben wollte

Sie ist der Bewegung Maria 2.0 dankbar, die die Rechte der Frauen in der Kirche stärken will: „Diese Aktion hat mich sprachfähig gemacht“ – und sie auch ihre eigene Wut spüren lassen. Auch Missbrauchsopfer seien zu ihr an die Infotheke gekommen. Sie habe sich hilflos gefühlt und sei dabeigewesen, die Kirche aufzugeben. Maria 2.0 hat ihr geholfen, sich nicht mehr lethargisch, sondern wieder lebendig zu fühlen. „Sie haben den Deckel gelupft, seither lebe ich wieder“, sagt sie.

Trotz all ihrer Zweifel: Sie habe sich nie vorstellen können, die Schwesterngemeinschaft zu verlassen, betont die Vinzentinerin. Seit 38 Jahren gehört sie dem Orden der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Untermarchtal an. Schon mit neun Jahren – mit der Erstkommunion – habe sie gewusst, „ich will Klosterschülerin werden“. Und davon sollte sie nicht mehr abrücken. Gemeinsam mit drei anderen Schwestern lebt sie im vierten Stock des Hauses der katholischen Kirche.

Wird sie ernüchtert zurückkehren?

Sie hofft, dass es bei der Vollversammlung auch um Gegenwart und Zukunft geht, wie man dieser „Umbruchzeit“ gerecht wird. „Wir sehen immer nur den Mangel, starren auf die leeren Gottesdiensträume, das hilft uns nicht weiter“, sagt sie. Neue Gottesdienstformen seien gefordert, um die Menschen wieder zu erreichen. Die Ordensgemeinschaften hätten zudem Nachwuchsprobleme. Vielleicht brauche man heute andere Formen von Communio, also von Gemeinschaft, meint sie. Auch hier erhofft sie sich eine lebhafte Debatte – und dass nicht eintritt, was sie dennoch befürchtet: Dass sie ernüchtert aus Frankfurt nach Stuttgart zurückkehren werde.

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