Zindel in San Francisco, wo auch Carl Herzog eine Zeit lang lebte. Foto: privat
Carl und Friedrich Herzog sind im 19. Jahrhundert von Stuttgart nach Amerika ausgewandert, ein damals schon zerrissenes Land. Sie scheiterten auf ganzer Linie. Udo Zindel hat die Fährten seiner vergessenen Ahnen aufgenommen und ist ihnen nachgereist.
Es war lange überfällig, endlich mal die hoffnungslos vollgestellte Garage auszuräumen. Ein alter Holzkoffer kommt dabei zum Vorschein. Bert Heinrich kann sich gar nicht an das Ding erinnern. Ein verschnürtes Bündel liegt darin: Briefe mit Siegellackresten, in altdeutscher Handschrift. Abgeschickt Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika, gerichtet an die Verwandtschaft in Stuttgart, Königreich Württemberg. Zehn sind von Carl, 13 von Friedrich Herzog. Wer waren die beiden? Keiner in der Familie kann irgendetwas dazu sagen. Bert Heinrich beginnt, in Stuttgarter Kirchenbüchern zu suchen. Bald weiß er wenigstens eines: Es waren Urgroßonkel mütterlicherseits.
Er erzählt seinem Stiefsohn Udo Zindel von dem Fund. Sofort entbrennt auch dessen Neugier. Rasch steigern sie sich in eine fixe Idee: Man müsste auf den Fährten der Brüder reisen. Carl und Friedrich, so lassen es die Briefe ahnen, brachten es zu nichts Besonderem in der Neuen Welt. Wie Hunderttausende andere Einwanderer wurden sie von den Zeitläuften durch ihr Leben getrieben – und scheiterten. Gerade das findet Zindel, Jahrgang 1956, spannend. Schließlich startet er mit seinem Stiefvater den Trip durch die USA – an Orte, wo einst schon die Herzog-Brüder waren. Am Ende wird er zwei Leben nachzeichnen, so genau es er eben vermag.
Der Stuttgarter Brotaufstand
Stuttgart 1847. Kein Motorenlärm, nur Schritte und Stimmen. Viele der 50 000 Einwohner ziehen ihr eigenes Gemüse, halten Hühner, Schweine. Das Herz der Stadt ist ein dunkles Labyrinth mittelalterlicher Gassen, in denen es nach Kloake stinkt.
Auch politisch gärt es. Missernten und Wirtschaftsdepression im Deutschen Bund lassen Hunderttausende Handwerker und Tagelöhner hungern. Sie arbeiten sich zuschanden, bringen es aber doch zu nichts. Und die Teuerung hat längst alle Ersparnisse aufgefressen. Die Stuttgarter Stadtverwaltung versucht, die schlimmste Not mit Suppenanstalten zu lindern.
In Schankstuben und Kaffeehäusern sitzen Spitzel, die dem rebellischen Volk aufs freche Maul schauen. Die Kämpfer des Vormärz wollen ein Nationalparlament, Meinungsfreiheit, Geschworenengerichte, das Ende von Standesprivilegien. Manche fordern sogar, die Reichen sollen was abgeben.
Das Haus vor dem Kalwer Thor (heute Rotebühlstraße 77) gehört einem Verleger. Im ersten Stock Hinterhaus leben die Herzogs. Der Vater Christian Herzog kann weder lesen noch schreiben. 30 Jahre hat er königliche Leibärzte durch die Stadt kutschiert, auf die alten Tage zieht er Obst für den Vermieter. Er ist zum zweiten Mal verwitwet, seine ledige Schwester führt den Haushalt. Mit auf engem Raum wohnen die Kinder Carl, Friedrich und Marie-Sophie. Der einzige Ofen heizt die Stube, Wasser müssen sie vom öffentlichen Brunnen heranschleppen.
Am Abend des 3. Mai 1847 versammeln sich in der Hauptstätter Straße immer mehr wütende Menschen. Unter ihnen Carl, der Schriftsetzer gelernt hat. Irgendwann fliegen Steine auf das Haus des Oberzunftmeisters der Bäcker, dem die Empörten Kornwucher vorwerfen. Der Abend wird als Brotaufstand in die Stadtgeschichte eingehen.
Soldaten marschieren an, die Lage eskaliert. Dutzende werden verletzt. Bis in den Morgen machen Infanterie und Reiterei Jagd auf alles, was sich bewegt. Carl, damals 27, wird festgenommen und sitzt mehr als ein viertel Jahr im Gefängnis. An Sonntagen führt man die Zuchthäusler an gaffenden Bürgern vorbei in die Stiftskirche zum Gottesdienst. Carl ist gesellschaftlich und menschlich gedemütigt, aus seiner Existenz gerissen, wie er später schreibt. Er verliert seine Arbeit. Welche Zukunft hat er hier? Er sieht keine und beschließt auszuwandern.
Carls erster Brief nach Stuttgart Foto: privat
An einem Oktobermorgen 1847 begleitet ihn die Verwandtschaft zum Postplatz, wo die Kutschen nach Heilbronn abfahren. Dann geht es auf einem Floß neckarabwärts, von Mannheim auf einem der großen Rheinflöße nach Köln, in der Eisenbahn nach Minden, auf Frachtkarren bis Bremen, wo er das New-York-Billet kauft.
Schließlich steht er am breiten Bremerhavener Kai inmitten eines Häufleins Heimatloser zwischen Koffern, Kisten, Körben. Die Bark „Anna“, einer der vielen Dutzend Dreimaster, soll ihn über den Ozean bringen. Waschen kann er sich mit kaltem Seewasser. Für die Notdurft gibt es Holzkübel.
Nach fast neun Wochen auf See erscheint der Sandstrand von Long Island am Horizont. Bald wird der Schiffsverkehr atemberaubend dicht: Segelfrachter, Schaufelraddampfer, Hafenfähren, Fischerkähne. Ein Dampfschlepper bugsiert „Anna“ zu einem der Manhattan-Docks. Carl ist in Amerika.
Hass auf die Neuankömmlinge
Sein Weg führt ihn zur deutschen Gesellschaft. Man könne nichts für ihn tun, heißt es dort, bei 8000 arbeitslosen Fremden. Er geht durch die Straßen, „wo alle Rassen des Globus zu finden sind“, wie Carl in seinem Reiseführer gelesen hat, „von den grünen Inseln des Ozeans bis zu den sengenden Sanden der Wüste.“ Er besucht den Broadway, „die großartige Promenade für Mode und Schönheit“. Er sieht die Slums, wo Tausende in lichtlosen Hinterhöfen hausen. Sie arbeiten für Hungerlöhne, sind kriminell geworden, prostituieren sich. Der Hass auf die Neuankömmlinge wird immer größer im Land, vor allem auf die katholischen „Dirty Irish“.
Für den Krieg gegen Mexiko werden noch Männer gesucht. Der demokratische Präsident, Baumwollfarmer und Sklavenhalter James Polk will den Kontinent von Küste zu Küste in Besitz nehmen. Im Januar 1848 schwört Carl auf Amerikas Fahne. Kämpfen muss er nicht, denn schon bald kommt es zum Friedensvertrag. Gegen einen Kaufpreis von 15 Millionen Dollar sieht sich Mexiko gezwungen, gut die Hälfte seines Gebiets abzugeben, unter anderem die heutigen Bundesstaaten Kalifornien, Utah, New Mexiko.
Als Zivilist steuert Carl St. Louis an. Eine raue Grenzstadt am Saum der Zivilisation mit viel Gewalt und Verbrechen. Aber in den besten Hotels handeln Investoren und Bankiers ihre Deals aus, in Theatern und Konzertsälen treten erstklassige Künstler auf. Vor allem in den ärmeren Vierteln wird Deutsch gesprochen, in den Schulen auf Deutsch unterrichtet. Bäcker backen hier Bauernbrot nach altem Rezept. Der Sängerbund St. Louis pflegt Volksliedgut: „Kein schöner Land in dieser Zeit . . ." Als einer von 15 US-Staaten erlaubt Missouri die Sklaverei. Deutschsprachige Zeitungen wie der „Anzeiger des Westens“ schreiben dagegen an. Carl, der Schriftsetzer aus Württemberg, bekommt eine Anstellung. Hat er jetzt seinen Platz im Leben gefunden?
Friedrichs Abschiedsbrief in die Heimat Foto: privat
In einer Militärakte ist Udo Zindel auf den einzigen Vermerk gestoßen, der ihm ein ungefähres Bild von Carl vermitteln konnte: „Graue Augen, braunes Haar, kräftige Gesichtsfarbe.“ Wie sein Bruder aussah, dazu gibt es nicht den kleinsten Hinweis. Auch über die Beweggründe, warum der Gärtnergeselle Friedrich sich im April 1849 mit 22 Jahren ebenfalls nach Amerika aufmacht, kann Zindel nur mutmaßen: „Vielleicht wegen einer enttäuschten Liebe.“ Friedrich äußert sich oft geringschätzig über Frauen, die ja alle „falsche Geschöpfe“ seien.
Friedrich ist der Bemühtere, er hält engeren Kontakt nach Stuttgart, in den Briefen sorgt er sich immer auch um die Seinen in der Heimat. Carl hingegen schreibt auch mal zwei Jahre gar nicht. Den Briefen hat Zindel entnommen, dass sich die Brüder ein paar Mal in den USA getroffen haben.
Das größte Sklavenhandelszentrum der USA
Friedrich lässt sich in New Orleans nieder, arbeitet dort in den Gärtnereien nahe der Sümpfe. Die Stadt gilt als die lebenslustigste und verruchteste Metropole der Neuen Welt. Das größte Sklavenhandelszentrum der Nation. In den Warenbörsen werden nicht nur Baumwolle und Tabak, sondern jährlich auch Zehntausende Sklaven verkauft. Ihre Besitzer dürfen sie nach Laune malträtieren. Zindel hat Zeitungen von damals aufgespürt. Unter dem Stichwort „Entlaufen“ liest man Anzeigen wie: „Negermann Henry. Sein linkes Auge fehlt, er ist von Peitschenhieben sehr vernarbt.“ Oder: „Negermädchen Mary. Hat eine Narbe über ihrem Auge, viele Zähne sind ausgeschlagen, in ihre Wange ist der Buchstabe A eingebrannt.“ Die Haltung zur Sklaverei entzweit das Land von Norden bis Süden. Da braut sich was zusammen.
Carl hat seine Stelle als Schriftsetzer wieder aufgegeben. Stattdessen verpflichtet er sich im Juli 1853 erneut als Soldat auf Zeit. In einem Brief schreibt er von seiner neu erwachten Wanderlust.
Er wird in Fort Yuma stationiert, 15 Tagesreisen von der Küste entfernt in der Colorado-Wüste. „Vorposten der Hölle“, nennen die Soldaten die Militäranlage. Ein Ozean der Ödnis. Eine Hitze, die Gedanken schwammig werden lässt und selbst Insekten umbringt. Auf dem Overland-Trail kann man nur nachts marschieren, Hunderte Goldsucher sind auf diesem Pfad schon krepiert.
Doch hier lockt auch Profit, hier kann man sich neues Land einverleiben. Welche Rolle spielt da schon, dass es Indianerland ist. Washington sendet Vermessungsexpeditionen in die Wüsten, Gebirge und Wildnisse, die den Ureinwohnern Heimat sind. Straßen werden gebaut, Schienenstränge verlegt, Städte und Bergarbeitersiedlungen gegründet. Carl und seine Kameraden schützen sie.
Syphilis und Nachtblindheit
Ein dürres Leben. Die Männer der Garnison, die Prostituierten und Indianerinnen um das Fort sind mit Geschlechtskrankheiten durchseucht. Carls Krankenakte listet neben Syphilis auch Nachtblindheit und Geschwüre an den Beinen auf, wohl durch Mangelernährung. Nach fünf Jahren ist seine Zeit um und er gibt die Uniform ab. So bleibt ihm der gnadenlose Vernichtungsfeldzug gegen die Indianer erspart, der jetzt in Oregon tobt.
Carls Versuch, sein Glück als Goldgräber zu finden, misslingt, bevor er richtig begonnen hat. Seine Briefe bezeugen erste Selbstzweifel, die langsam immer mehr Macht über ihn gewinnen. Er geht in die Industriestadt San Francisco, wo Dampfmaschinen und Erzmühlen für den Bergbau produziert werden. In den Fabriken schinden sich vor allem Chinesen, aus ihrer Heimat geflohen vor Armut, zu jeder Mühsal bereit, mit jedem Lohn zufrieden. Entlang der noblen Montgomery Street flaniert die gehobene Gesellschaft in feinem Tuch. „Das Stadtleben war mir zuwider“, schreibt Carl, „ich sehnte mich zurück in die Wildniß zu den Indianern.“
In New Orleans grassiert das Gelbfieber. „Heute bin ich gesund, morgen vielleicht todt und begraben, hülflos und verlaßen, denn treue Freunde gibt es wenige“, schreibt Friedrich. Dann greift die Krankheit tatsächlich nach ihm: Fieber, Schüttelfrost, schwere Durchfälle. In seinen letzten Tagen blutet er aus allen Körperöffnungen. Am 26. September 1858 stirbt er mit 31. Weil er doch einige Dollar zusammensparen konnte, muss er nicht auf den Armenfriedhof. Ein deutscher Pfarrer versucht mit wenigen Worten, seinem Auswandererleben gerecht zu werden.
Sein Bruder Carl ist Anfang Februar 1859 wieder Soldat. Zunächst erneut im Fort Yuma, dann in der Festung Alcatraz mit ihren zugigen Bastionen. Ein Jahr später wird der Republikaner und Sklaverei-Gegner Abraham Lincoln zum US-Präsidenten gewählt. Ein wütender Mob zieht vor das Kapitol. Gerüchte von „Blowing up the Capitol“ machen die Runde. General Scott, ein entschlossener alter Haudegen, kann den Umsturz verhindern. Doch im Osten des Landes eskalieren die Spannungen rasch zum Bürgerkrieg. „Vielleicht mag es mir noch einmal vergönnt sein, heimathlichen Boden zu betreten. Die Welt hätte ich jetzt genug kennengelernt“, schreibt der 40-jährige Carl nach Hause.
Der elende Overland-Trail
Doch erst muss er noch im Heereszug bis zum Rio Grande marschieren, um dort die Konföderierten zurückzudrängen. Carl ist müde. Schon lange. Kein Abenteuergeist mehr. Keine Aufbruchlaune. Wie oft trottete er jetzt schon auf diesem elenden Overland-Trail durch diese gottvergessene Gegend.
Um Mitternacht am 3. Mai 1862 schlägt seine Kompanie ihr Wüstenlager auf. Beim Appell am nächsten Morgen fehlt Carl. Er ist desertiert. Sein Name taucht in keinen Militärakten mehr auf, in keiner Volkszählung. Er schreibt keine Briefe mehr. Von jenem Morgen an verliert die Welt ihn aus den Augen. Und er wahrscheinlich die Welt.
Zwei Monate sind Udo Zindel und Bert Heinrich von Küste zu Küste gereist. Sie besuchten auch den Ort, wo Friedrichs Gärtnerei war. Standen in etwa an der Stelle, wo Carl desertierte. „Dieses Projekt ist mein Lebenswerk“, sagt Zindel, der ehemalige Hörfunkjournalist. „Ich hab mich zeitweise so tief in die Geschichte reinversetzt, dass ich fast darin verschwand.“ Er entdeckte eine seelische Verwandtschaft zu Carl, dem „Drifter“, wie man im Amerikanischen einen nennt, der gern ziellos durch die Welt streunt. „Eigentlich bin ich sehr strukturiert“, sagt Zindel. Seine kleine Wohnung im Stuttgarter Norden („Könnten Sie bitte die Schuhe ausziehen?“) sieht auch so aus. „Aber ich hab noch eine andere Art in mir.“
Warum machte Carl nicht mehr aus seiner Tatkraft, der Gewerbefreiheit? „Schriftsetzer war ein gehobenes Handwerk. Selbst bei der Armee hätte er Artilleriemechaniker werden können“, sagt Zindel. Wie Friedrich fand Carl keine Frau – „wo auch, in seinem Umfeld gab’s ja nur Prostituierte“. Zindel ist ihm in den vergangenen Jahren nahegekommen, doch bleibt dieser Carl ein Phantom.
„Ich stelle mir immer wieder vor, wie er irgendwo da draußen zugrunde geht“, sagt Zindel. „Dass er seine Überlebenschancen überschätzt hat. Dass er auf seinen nächtlichen Märschen die Richtung verliert. Dass er wegdöst, wo er nur rasten will. Dass er nach Stunden mühsamen Wanderns verliert, was ihm an Kraft noch geblieben ist. Wie dann unter der Mittagssonne sein Wille bricht. Er will nur noch schlafen, schafft es vielleicht mit letzter Kraft, in den Schatten eines steil eingetieften Wadis zu kriechen. Da liegt er zusammengesunken und dämmert in eine Flut von Erinnerungen und Wahnbildern hinüber. Mein störrischer, eigenbrötlerischer, tapferer Freund aus dem 19. Jahrhundert.“
Buch: „Heiß ersehntes Amerika“ von Udo Zindel (470 Seiten, 30 Euro) isterschienen im Osburg Verlag, Hamburg.