Zwei Stuttgarter Hebammen erzählen „Eine Geburt ohne Hebamme, ist wie ein OP-Saal ohne Chirurg“

Die ersten Hände, die das Neugeborene spürt, sind die der Hebamme. Foto: Unsplash/Olivia Anne Snyder

Fast 1,5 Millionen Menschen haben gegen die Pläne der Regierung unterschrieben, Hebammen aus den Krankenhausbudgets zu streichen. Wir haben mit zwei Hebammen aus der Region über ihre seit Jahren schwierige Situation gesprochen.

„Stell dir vor du hast einen frühzeitigen Blasensprung in der 36. Woche, fährst zum Krankenhaus und stehst vor geschlossenen Türen, weil der Kreißsaal schließen musste“, sagt Nike Böhmer. Sie arbeitet als Hebamme in einem Krankenhaus in der Region Stuttgart und schildert ein Szenario, das durch den zunehmenden Hebammenmangel Realität werden könnte.

 

Erst Ende Oktober hat der Bundestag eine Finanzreform für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) beschlossen, der den Mangel verschärfen könnte. Mit dem neuen Gesetz sollten ab 2025 künftig nur Berufsgruppen, die in der unmittelbaren Patientenversorgung auf Station eingesetzt sind, vom Pflegebudget bezahlt werden. Bedeutet: Ab 2025 müssten Krankenhäuser die Kosten für Hebammen, Physiotherapeuten und Logopäden selbst tragen. Aber Krankenhäuser stehen ohnehin unter finanziellem Druck, sollen Gewinne erwirtschaften und schreiben rote Zahlen, wie das Krankenhaus-Barometer des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) von 2021 ergibt. Eine so düstere Lage habe es seit der Erhebung des Krankenhaus-Barometers nicht gegeben, schreibt das DKI.

Große Sorge um Berufsstand

Claudia Plappert ist Biologin, Hebamme, Studiengangleitung und Professorin für Hebammenwissenschaft an der Universität Tübingen. Sowohl im Bereich Hebammenversorgung von Schwangeren und Wöchnerinnen als auch in der Berufsausbildung von Hebammen zeigt sich die Expertin „in beiden Herzen“ besorgt. „Wir unternehmen derzeit enorme Anstrengungen, den Berufsstand zu akademisieren und professioneller zu machen, auf der anderen Seite werden Hebamme im klinischen Bereich abgeschafft. Das passt aus meiner Sicht sehr schlecht zusammen“, berichtet Plappert.

Per Gesetz muss bei jeder Geburt eine Hebamme anwesend sein, doch in den meisten Kliniken arbeiten Hebammen zusätzlich auf der Wochenbettstation. Diese Stellen würden nach Eintritt des GKV gestrichen werden. „Keine Hebammen auf der Wochenbettstation ist wie ein OP-Saal ohne Chirurgen“, betont Böhmer. Für die stationäre Betreuung vor und nach der Geburt würden Pflegekräfte eingesetzt werden, die nicht über ausreichend fachliche Kompetenz verfügen und auf anderen Stationen fehlen würden. Schon jetzt sei die Betreuung auf Station laut der Expertin zunehmend hebammenferner. „Die ersten drei Tage nach der Geburt sind entscheidend. Da werden die Grundsteine für das Stillen und die Bindungsentwicklung gelegt“, schildert die Expertin. „Ich will nicht sagen, dass Pflegekräfte das nicht können, aber der hebammenspezifische Blick fehlt“, so Plappert.

Hebammenmangel spitzt sich zu

Die Lage in den Kreißsälen ist schon jetzt prekär. Seit 1991 wurden 531 Kreißsäle geschlossen und im Schnitt betreut jede Hebamme im Kreißsaal drei Schwangere, wie der Hebammenverband auf seiner Webseite mitteilt. Während Krankenhäuser ökonomisiert werden und Gewinn bringen sollen, „ist auch die schlechte Bezahlung der Hebammen ein Grund für den Mangel“, führt Plappert aus. „Wir tragen die Verantwortung für zwei Menschen, da steht die Bezahlung einfach in keinem Verhältnis zu unserer Arbeit“, merkt Böhmer an.

„Wie unverzichtbar eine Hebamme ist, merkt man erst, wenn man keine findet“, bedauert sie. Auch außerhalb der Kliniken sorge der finanzielle Druck für einen Mangel an freiberufliche Hebammen. „Heutzutage ist es so, dass man schon mit dem positiven Schwangerschaftstest auf die Suche nach einer Hebamme gehen muss“, schildert Plappert.

Das Problem der Hebammen

Im Falle des Eintritts der Reform sei es laut Böhmer auch für schwangere Frauen untragbar. Eine junge Mutter startet deshalb eine Petition, die das Gesetz aufhalten soll. Schon nach wenigen Tagen zählt die Aktion schon 1,2 Millionen Unterschriften. Während die Petition in den sozialen Medien kräftig geteilt wird, ist der mediale Präsenz gering. „Ich denke das liegt an der kleinen Berufsgruppe und der kleinen Lebensphase, in der Hebammen eine Rolle spielen“, erklärt Plappert. Das sei das Problem der Hebammen – sie würden nur einen kurzen Bereich im Leben abdecken, danach seien sie wieder unwichtig.

“Allein der Gedanke, Hebammen zu streichen, ist fatal“

Erst Dienstagabend revidierte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) das Gesetz und sieht vor die Hebammen doch im Pflegebudget aufzunehmen. Im ersten Moment erleichternd und trotzdem ernüchternd, findet Nike Böhmer. „Zu Coronazeiten haben die Leute auch geklatscht, das hat niemandem was gebracht. Allein der Gedanke daran, die Hebammen von der Station zu streichen ist fatal“, beklagt die junge Hebamme. Warum erst auf durch eine virale Petition auf die dramatische Situation der Hebammen aufmerksam gemacht wird? „Weil Karl Lauterbach keine Frau im gebärfähigen Alter ist“, lacht Böhmer und ergänzt, sie würde sich einfach nur wünschen, gesehen zu werden und dass Geld nicht im Vordergrund steht.

Die Frage der Bezahlung von Physiotherapeuten und Logopäden ist weiterhin ungeklärt. Plappert sieht die Hebammen-Thematik als Teil eines großen Problems: „Es wird an der falschen Stelle gespart. Alle sozialen Berufe, Grundschullehrer:innen, Sozialarbeiter:innen, Pfleger:innen und Physiotherapeut:innen haben einen riesigen Mangel.“ Für die Zukunft wünscht sich die Expertin Politiker:innen, die auch langfristig an das Wohl der Gesellschaft und nicht nur an Zahlen und Geld denken.

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Stärken, Behüten, Ermutigen

Warum gehen Hebammen nicht auf die Straße und demonstrieren? Weil immer jemand da sein muss. Weil sie jeden Tag die Sorgen, die Freude, den Schmerz und die Kinder der Frauen auffangen müssen. „Es geht nicht nur um Geburtshilfe. Der Start des Lebens ist die empfindlichste Stelle, die wir behüten und beschützen müssen. Genau da sind die Hebammen so wichtig, denn sie stärken, behüten und ermutigen und stellen die Gesundheit und das Wohlergehen von Mutter, Kind und der ganzen Familie sicher“, so Plappert. Jetzt liege es an der Politik, die Hebammen zu beschützen.

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