Mehr als 100 000 russische Soldaten sind vor der ukrainischen Grenze aufmarschiert – mehr als zu Hochzeiten des Kalten Kriegs. Wie wird darüber in der Ukraine berichtet? Wie in den USA? Wie im russischen Fernsehen? Sie wollten alle Sichtweisen mitbekommen, sagt Alexander Shytiuk, deshalb schauen sie nicht nur ukrainische Nachrichten, sondern auch BBC, CNN, Russia Today.
„Für uns geht der Krieg weiter“
Wie sehr fürchten sie den Krieg? Alexander Shytiuk findet die Frage falsch gestellt. Der Krieg habe 2014 begonnen, als Russland die Halbinsel Krim annektiert hat. „Für uns geht der Krieg weiter.“ Ihre Heimatstadt sehen sie als hochgefährdet an: Odessa sei als Hafenstadt von geopolitischer Bedeutung und könnte für Putin der Schlüssel sein, die Krim mit fehlendem Trinkwasser zu versorgen. Sollte es zum Einmarsch kommen, werde Odessa eines der ersten Ziele sein, sind sie sich sicher. Oleksandr Shytiuk hat noch eine Wohnung in Odessa, für die vergleichsweise geringe Miete kommt der 30-jährige Sohn auf. Alles ist immer noch so, wie es war, als der Vater im März 2020 nach Stuttgart flog. Für zwei Wochen wollte der damalige Bibliothekar zu Besuch kommen. Aus zwei Wochen sind bald zwei Jahre geworden.
Der Vater war an Lymphdrüsenkrebs erkrankt
„Es ist eine sehr lange Reise gewesen“, sagt Alexander Shytiuk und meint damit das, was die beiden seit März 2020 durchstanden haben. Wir haben über das Schicksal von Vater und Sohn berichtet: Oleksandr Shytiuk war während des ersten Lockdowns in Stuttgart gestrandet, als die Grenzen geschlossen wurden. Als sie wieder öffneten, war er schwer erkrankt und nicht transportfähig. Erst im Spätsommer 2020 und als ihm bereits unnötigerweise die Galle herausoperiert worden war, wurde der Grund für den schlechten Zustand des Patienten diagnostiziert: ein aggressiver Lymphdrüsenkrebs.
Lesen Sie aus unserem Angebot: In Stuttgart gestrandet, dann kam der Krebs
Die sechs Zyklen Chemotherapie und daran anschließend die Bestrahlung hat der 56-Jährige inzwischen abgeschlossen, finanziert über Spenden unter anderem unserer Leserinnen und Leser, denn Oleksandr Shytiuk ist hier nicht krankenversichert. Sohn Alexander hatte eine Online-Spendenkampagne eingerichtet und sich hilfesuchend an die Zeitung gewandt. Sie seien „unendlich froh und dankbar über jede einzelne Spende und Hilfe“, betonen sie immer wieder, nennen namentlich zudem den Oberarzt aus dem Diakonie-Klinikum, die Hausärztin in Filderstadt, die sich sehr für den Vater einsetzten.
Dieser muss weiterhin engmaschig überwacht werden mittels Ultraschall und CT. Er hat Schmerzen in den Knien, Probleme mit der Verdauung, war im vergangenen Herbst an den Augen operiert worden, weil er drohte zu erblinden. „Er kann nicht zurück in die Ukraine.“ Das steht für Alexander Shytiuk außer Frage. Dort wäre er „komplett alleine“, hätte niemanden, der ihn pflegen könnte. Und die politische Situation, die jeden Moment eskalieren kann, komme noch hinzu.
Ruhepause während der Olympiade?
„Pulverfass Ukraine“, heißt es in den Nachrichten. Wann explodiert es? Nicht in den nächsten Tagen, meinen die Shytiuks. Die Olympischen Winterspiele in Peking würden „eine kurze Ruhezeit“ geben. Aber dann? „Putin ist nicht der Typ für den Rückwärtsgang“, sagt Alexander Shytiuk. Und sein Vater prophezeit: „Wenn die Ukraine fällt, wird Europa mit fallen.“ Denn Putin werde bei der Ukraine nicht haltmachen, sind sich beide sicher. Es sei im Interesse Europas, „sich da zu engagieren“, auch mit Waffenlieferungen, wie sie Deutschland bislang ablehnt. Das sei „ein Schuss ins eigene Knie“, wie der Sohn meint. Eine russische Invasion, so der Vater, würde zudem eine riesige Fluchtbewegung auslösen – direkt vor der Haustür der EU.
Wie ist der Status von Oleksandr Shytiuk? Er hat vor eineinhalb Jahren eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen beantragt. Bis darüber befunden ist, ist er geduldet – ohne Leistungsbezug. Jeden Tag öffnen sie mit bangem Gefühl den Briefkasten. Sollte eine Ablehnung kommen, müssten sie schnell reagieren. Nur zwei Wochen hätten sie Zeit, Einspruch einzulegen, sorgt sich der Sohn, denn einen Anwalt hätten sie leider bisher nicht an ihrer Seite. Diejenigen, bei denen er angefragt habe, hätten mangels Kapazität oder wegen des Herkunftslands Ukraine abgelehnt.
Sie teilen sich ein Bett und einen Schrank
Die beiden leben bescheiden, sind vor einem Jahr aus einer Einzimmerwohnung im Stuttgarter Westen in eine ruhiger gelegene Einzimmerwohnung in Filderstadt umgezogen, teilen sich ein Bett und einen Schrank. Alexander Shytiuk, der als Online-Marketingmanager bei einem Stuttgarter Forschungsinstitut arbeitet, hat eine Verpflichtungserklärung unterschrieben, dass er für alle Kosten des Vaters aufkommt und für ihn bürgt. Das steht für ihn nicht infrage. Aber es wäre eine „riesige Entlastung“, wenn ihm keine Abschiebung mehr drohe, „wenn ich weiß, er darf bleiben“.