Zwei Weinkenner im Streitgespräch Vom König der Rotweine und filigranen Weißen

Von StZ 

Zwei Weinkolumnisten aus Baden und Württemberg haben über Wein diskutiert – und versuchen sich in Toleranz gegenüber Gewächsen aus dem anderen Landesteil.

Trauben an der Rebe: wenn sie erst einmal gekeltert sind, bieten sie reichlich Stoff für Genuss – und für Diskussionen. Foto: dpa
Trauben an der Rebe: wenn sie erst einmal gekeltert sind, bieten sie reichlich Stoff für Genuss – und für Diskussionen. Foto: dpa

Stuttgart/Freiburg - Die Württemberger haben den besseren Roten, die Badener den besseren Weißen – nur ein Klischee oder die reine Wahrheit? Zwei Weinzähne, die Kolumnisten Holger Gayer (Württemberg) und Gerold Zink (Baden), haben über persönliche Vorlieben und edle Gewächse gefachsimpelt.

Holger Gayer Eigentlich konnte nichts mehr schiefgehen in jenem Sommer 1997. Jan Ullrich hatte die Tour gewonnen, als erster Deutscher überhaupt. Auf dem Weg nach Andorra-Arcalis hatte er die Konkurrenz mitsamt seinem Kapitän Bjarne Riis abgehängt. Ich stand am Berg und staunte. Es war meine erste Tour als Sportredakteur der Stuttgarter Zeitung, aber selbst als Frischling ahnte ich rasch, dass wir bald wieder Badener werden mussten. Zwölf Jahre nach Boris Becker, neun Jahre nach Steffi Graf war der Nächste von ihnen im Olymp angekommen. Eigentlich war er ja ein Zugezogener, aus Rostock, aber mit Gaby liiert, einer Winzertochter aus Merdingen. Alle jubelten, sogar die Schwaben.

Nach Ullrichs Triumphzug über die Champs Élysées fuhr ich nach Merdingen, setzte mich in einen Gasthof und ließ mir vom Wirt, der gleichzeitig Vorsitzender des Jan-Ullrich-Fanclubs war, erzählen, was für ein Prachtkerl der Jan doch sei, und wie süß die Gaby. Dazu kredenzte er einen Weißherbst. Danach wusste ich, dass es etwas anderes gewesen sein musste, das dem radelnden Rostocker aus Merdingen seine Kraft verliehen hatte.

Gerold Zink Werter Kollege, ich versichere Ihnen, hätte der Jan täglich mindestens ein Viertele badischen Weißherbstes getrunken, statt auf diese anderen Mittelchen zu vertrauen, er wäre auf Jahre unschlagbar gewesen. Aber ich nehme Ihnen den Seitenhieb auf die badische Weinkultur nicht krumm, können Schwaben doch alles außer Hochdeutsch – und guten Wein genießen. Ich gestehe sogar: ich mag die Schwaben. Und das seit meiner Kindheit, als ich bei Patenonkel Walter, Tante Anna und ihrer liebreizenden Tochter Annette Urlaube in Stuttgart verbringen durfte. Ich lernte das herrliche Schwimmbad auf dem Killesberg, die Tiere der Wilhelma und manch löblichen Mitmenschen kennen. Aber sehen Sie mir nach: Beim Trollinger, diesem rotweinähnlichen Getränk der württembergischen Winzer, stößt auch die größte badische Liebe an Grenzen.

Holger Gayer Ja, dann: herzlich willkommen im Weinland Württemberg, lieber Kollege. Bei Ihrer sympathischen Art will ich Ihnen gerne nachsehen, dass Sie das Trollinger-Klischee gleich in Ihren ersten Absatz verpackt haben, zumal ich gestehen muss, dass ich meine Feldforschung im Badener Land nach dem Geschmackserlebnis von Merdingen zunächst auf das Unumgängliche beschränkt hatte. Mal ein Sekt von Geldermann aus Breisach (ordentliches Getränk), mal beim Ausstand einer Kollegin eine Oberbergener Bassgeige (Ruländer Auslese, die so famos klebte, dass ich zum Glück den Mund nicht öffnen konnte, als ich das von einer Ostfriesin voller Stolz gewählte Tröpfchen loben sollte). Auch gibt es Menschen, die mich hin und wieder für Gutedel begeistern möchten. Doch auch da, ich gestehe es, bekam ich selten etwas, das nach mehr geschmeckt hätte.

Gerold Zink Die Badener sind ja nicht nur nett, sondern auch geduldig – sonst wäre die Zwangsehe mit den Württembergern schon lange geschieden. Deshalb habe ich es auf mich genommen, zu Ihnen in die weinbauliche Diaspora zu reisen, um dort die von den Württembergern selbst prämierten besten 30 Trollinger zu verkosten. Danach lag ich zwar nicht im Koma, aber Zunge und Gaumen waren auf Tage hinaus betäubt. Auch meine Augen versagten mir fast den Dienst: Sie hatten Menschen erblickt, die diese rosa Brause aus einem Henkelglas tranken, welches einer Schnabeltasse glich.

Holger Gayer Sie verfügen über eine beachtliche Beobachtungsgabe, lieber Kollege. Was aber wäre, wenn wir die Augen schlössen? Vor Jahren habe ich im Kreise von Freunden eine Blindprobe veranstaltet; Spätburgunder aus dem Jahrhundertsommer 2003 – französischer, badischer, württembergischer. Ich hatte Große Gewächse von Bernhard Huber in Malterdingen und Dr. Heger in Ihringen gekauft und diese in einer Zwölferprobe gegen Granaten aus Burgund und Württemberg gestellt. Als Piraten schmuggelte ich einen vergleichsweise günstigen Lemberger aus der Josua-Serie der Lauffener Weingärtner ein. Er gewann so klar wie einst Jan Ullrich.