Jesus Christus und Donald Trump – obwohl so unterschiedlich, werden beide mit dem Begriff des Märtyrers in Verbindung gebracht. Foto: KI/Midjourney//Montage: Sebastian Ruckaberle, Jonathan Rebmann
Der himmlische Kredit lässt sich heute zu höchst profanen Zwecken nutzen. Über die schwindelerregenden Positionswechsel einer Leidensfigur zwischen himmlischen und dunklen Sphären.
Wer würde schon als Märtyrer enden wollen? Die, die es einmal taten, hatten keine Wahl. Bevor sie ihren Überzeugungen abgeschworen hätten, ließen sie sich lieber mit Pfeilen spicken, auf dem Grill rösten oder den Kopf abschlagen. In der Nachfolge Christi scheuten sie nicht davor zurück, den Passionsweg durch den Fleischwolf vorneuzeitlicher Marterfantasien zu beschreiten. Und egal in welchem Zustand, außer einfach nur tot, die Gequälten daraus hervorgingen, war ihnen das ewige Leben gewiss. Dabei muss es gar nicht erst das Christentum sein, das dem Leidensbereiten garantiert, im Jenseits für seine Standhaftigkeit belohnt zu werden. Schon Sokrates zog den Schierlingsbecher den Fake News der Sophisten vor, um als Märtyrer der Wahrheit in den Ideenhimmel einzugehen.
Man würde diese bewundernswürdig opferbereiten Tugendbeispiele in früheren Phasen des Zivilisationsprozesses verorten. In Zeiten, in denen noch religiös oder philosophisch beglaubigte Instanzen den Sinn dieser Spielart des Menschenopfers verbürgten, waren Märtyrer Lichtgestalten. In christlichen Bildwelten gut erkennbar an dem leuchtenden Heiligenschein über dem Haupt, auch wenn dasselbe nur noch abgeschlagen unter dem Arm mit sich geführt werden konnte.
Die Emotionalisierung der Politik
Heute begegnet man Märtyrerposen dagegen eher in irritierenden und dunklen Kontexten, die die Wahrheit auf ihre eigene Weise herausfordern. Denn der himmlische Kredit lässt sich zu höchst profanen Zwecken nutzen. Die Bereitschaft, für Überzeugungen die letzte Konsequenz zu ziehen, macht den Märtyrer vielfältig einsetzbar.
Ein Gegenstand ikonischer Verehrung ist das immer noch auf unzähligen T-Shirts und Aufklebern präsente Konterfei des kubanischen Revolutionshelden Che Guevara, der für seine marxistische Mission in den Tod ging. Kratzt man allerdings ein wenig am Märtyrerbild, kann es sein, dass dahinter ein für seine Ziele über Leichen gehender Mörder hervorkommt.
Der Rückgriff auf vormoderne Affektpotenziale kommt der Emotionalisierung der Politik entgegen. Wer weiß, ob der Schutzheilige alternativer Wahrheiten zum amerikanischen Präsidenten gewählt worden wäre, hätte sein bei einem Attentatsversuch gestreiftes Ohrläppchen ihm nicht mit großer Geste die Kanonisierung zum Blutzeugen seiner Make-America-great-again-Bewegung ermöglicht.
Donald Trump nach dem Attentat auf einer Wahlkampfveranstaltung Foto: AP/Gene J. Puskar
Der Islamismus hat den Märtyrer als Selbstmordattentäter scharf gestellt. Aber überhaupt machen sich die Sprengkraft, die in ihm steckt, heute vor allem Formationen zunutze, bei denen man zweifeln darf, ob sie auf der Seite der guten Mächte stehen, von denen sich der vom Hitler-Regime ermordete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer in seinem berühmten geistlichen Lied geborgen sah.
Eine Partei, deren Wortführer Hitler für einen Kommunisten halten und seine Menschheitsverbrechen für einen „Vogelschiss der Geschichte“, zählt den im Widerstand genau dagegen vor 80 Jahren Hingerichteten mittlerweile zu ihren „Helden der Nation“. Im April 2019 wurde in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg für ihn eine Gedenktafel angebracht – von Richard Grenell, einem der Scharfmacher der Trump-Truppe. In nach rechts außen tendierenden Kreisen diesseits und jenseits des Atlantiks gilt Dietrich Bonhoeffer als Galionsfigur im Kampf gegen das in ihren Augen ultimativ Böse: die offene, liberale Gesellschaft und den sie schützenden Rechtsstaat. Als in sein Gegenteil umgestülptes Widerstandssymbol stirbt der Ermordete einen zweiten Tod und erleidet ein posthumes Martyrium des Gedenkens.
Angst vor dem Märtyrer-Effekt
In Frankreich wurde dieser Tage die Chefin des rechtspopulistischen Rassemblement National, Marine Le Pen, wegen der Veruntreuung und Zweckentfremdung von Geldern der von ihr sonst bekämpften EU verurteilt – nach Gesetzen, deren Verschärfung und bedingungslose Anwendung ihre Partei immer gefordert hatte. Doch die bekennende Putin-Sympathisantin sieht sich in einer Reihe mit dem Putin-Opfer Alexej Nawalny. Was wiederum ihre Anhänger so anheizt, dass die verantwortliche Richterin mittlerweile unter Personenschutz gestellt werden musste, um nicht ein Opfer flammender Empörung zu werden. Auch in Deutschland geht die Angst vor dem Märtyrer-Effekt um, bei der Frage, ob man gegen eine in Teilen rechtsextremistische Partei, die die Verfassungsordnung bedroht, die vom Grundgesetz vorgesehene Möglichkeit nutzen sollte, ihr Einhalt zu gebieten.
Die Opfer der europäischen Hexenverfolgungen können als Märtyrerinnen einer irrationalen Unrechtsjustiz gelten, die nicht über Rechtsprinzipien, sondern sozialpsychologische Massenmobilisierungen und politische Interessenslagen einer patriarchalen Ordnung zu erklären ist. Die Qualen, unter denen die Verfolgten und Denunzierten aus der Gemeinschaft ausgestoßen wurden, glichen denen, die ihren frühchristlichen Vorläufern zur Heiligsprechung gereichten. Und es erstaunt nicht, dass im Spiel der irdischen Mächte ein und dieselbe Delinquentin wie im Falle Jeanne d’Arcs erst als Hexe verbrannt, dann als Heilige verehrt werden konnte. Die Hexe ist eine Station in dem flackernden, fluktuierenden Nomadisieren einer Leidensfigur zwischen himmlischen und dunklen Sphären. Und es könnte einem schwindlig werden über die Zirkulation ihres Bedeutungswandels.
Hexenjagden überall
1953 veröffentlichte Arthur Miller sein Stück „Hexenjagd“. Es geht auf einen realen Fall zurück. In dem Städtchen Salem hatten gegen Ende des 17. Jahrhunderts die puritanischen Vorläufer heutiger Evangelikaler ein theokratisches Zwangsregime errichtet. Die fanatische Verfolgung von allem, was den Normen widersprach, kostete bis zu 300 Menschen das Leben. Millers Drama entstand in Reaktion auf die Kommunistenverfolgung der McCarthy-Ära Anfang der 1950er Jahre in den USA. Mit dem ständigen Verdacht, auch in den eigenen Reihen gebe es verdeckte Kommunisten, wurde gegen sämtliche Oppositionelle mit unverhältnismäßig harten Mitteln vorgegangen.
Es ist eine Zeit, an die sich die US-Historikerin Anne Applebaum in diesen Tagen unter Trump wieder erinnert fühlt. Doch der verurteilte Straftäter auf Amerikas Thron, dessen Handlanger gerade dabei sind, alle Institutionen von missliebigen Subjekten zu säubern, sieht sich als Opfer einer Hexenjagd. Und er ist nicht allein. Überall Hexenjagden, gegen Le Pen, gegen AfD-Abgeordnete, die chinesische Spione beschäftigt haben und unter Verdacht stehen, für Putin gleiche Dienste geleistet zu haben. Während die Hamas die eigene Bevölkerung offen dazu aufruft, Märtyrer im Kampf gegen Israel zu werden, um den jüdischen Staat weiter zu isolieren, beklagen der israelische Premier Benjamin Netanjahu und die Seinen, Opfer von Hexenjagden zu sein, seitens einer Justiz, die deshalb dringend unter politische Kuratel gestellt gehöre.
Anders als die bewunderten Beispiele tugendhafter Standhaftigkeit sind die Trittbrettfahrer auf der Via Dolorosa des politischen Trauerspiels unserer Tage Figuren des Schreckens, ja des Terrors – einmal ganz abgesehen von ihrer unversehrten körperlichen Verfassung. Während Sokrates aus Respekt vor den Gesetzen darauf verzichtete, sich der Vollstreckung seines Todesurteils durch Flucht zu entziehen, zerstören die vermeintlichen Märtyrer und Hexenverfolgten von heute das Fundament auf dem, alles ruht: Wahrheit, Recht, Gerechtigkeit.
Von dem, was der Figur einmal ihren Nimbus verliehen hat, ist bei ihnen nicht mehr viel übrig. Dabei ließen sich aus der Nachfolge Christi ganz andere Lehren ziehen, als die Opfer zu verhöhnen und die Täter zu erhöhen.
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