Die „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm sind eines der meistgelesenen Bücher. Einige Gewährsleute verraten, warum.

Stuttgart - Märchen sind nicht einfach da, sie werden gemacht. Dafür stehen die Brüder Grimm, auch wenn sie alles dafür taten, ihr Werk anderen in die Schuhe zu schieben: dem Volksmund, hessischen Gastwirtstöchtern, einfachen Leuten in Spinnstuben und anderen traulichen Orten, die wenige Jahre später schon von der beginnenden industriellen Revolution in die Tiefen der Vergangenheit befördert wurden. Doch was die beiden Söhne eines früh verstorbenen und verarmten Amtmannes 1812 unter dem Titel „Kinder- und Hausmärchen“ vorlegten, entstand in großen Teilen in ihren Studierzimmern in Kassel und war zunächst weit davon entfernt, zum neben der Lutherbibel meistgelesenen Buch der Deutschen zu werden.

Die beiden Bände – der zweite folgte 1815 – floppten zunächst. Und erst als der jüngere, fabulierfreudigere Wilhelm von seinem wissenschaftlicher veranlagten Bruder Jacob den Erzählfaden aufnahm, wurden die Märchen zu dem, woran alle Gefallen finden: entrückte Geschichten in archaisierendem Tonfall, aus „Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat“. 1825 legte Wilhelm eine kindertaugliche Auswahl vor, illustriert von dem dritten Bruder Ludwig Emil. Weniger Gewalt, weniger sexuelle Anspielungen – damit war der Bann gebrochen. Nun verkauft sich auch die zweibändige Ausgabe. Siebenmal wird sie zu Lebzeiten der Brüder aufgelegt, ungezählte Male nach ihrem Tod.

Ein Projekt der Romantik

Die Suche nach dem Ursprung war ein Projekt der Romantik. Angeregt vom Dichter Clemens Brentano und dessen Liedersammlung „Aus des Knaben Wunderhorn“, hatten sich die Brüder mit literaturhistorischer Akribie auf Quellensuche begeben. Den Zusatz „deutsch“ haben sie im Titel, anders als bei ihren „Deutschen Sagen“, der „Deutschen Mythologie“ oder dem berühmten „deutschen Wörterbuch“, vermieden. Und an dem „echt hessischen“ von dem in den Vorworten die Rede ist, darf zumindest gezweifelt werden. Denn die beiden wichtigsten Gewährfrauen der Sammler waren hugenottischer Abkunft und paraphrasierten großenteils ins Hessische, was der französische Barockdichter Charles Perrault gut hundert Jahre zuvor bereits am Hofe Ludwigs IV. erzählt hatte. Ein Umstand nicht ohne Pikanterie in national bewegten Zeiten, der den Grimms erst nach und nach bewusst wurde und zur Verbannung einiger Märchen aus ihrem Korpus führte, etwa des „Gestiefelten Katers“ oder „Blaubarts“.

So erweist sich, was von seiner romantischen Wald-, Wiesen- und Mittelalter-Topik her zum Inbegriff des Deutschen zählt, als vielstimmig unterwandert. Und zur Grenzüberschreitung der Gattung gehört nicht nur die zwischen schnöder Wirklichkeit und Feenwelt, sondern auch die in höchst reale Reiche. Die „Kinder- und Hausmärchen“, die seit 2005 zum Unesco-Weltkulturerbe zählen, wurden zu einem Exportschlager, dazu reicht ein Blick auf die Teilnehmerliste des bislang größten Grimm-Kongresses, mit dem die Universität Kassel das Jubiläum begeht: Wissenschaftler aus Ägypten, Japan oder Neuseeland haben sich angemeldet, um über ein Thema zu diskutieren, dem auch die StZ nach Weihnachten eine Serie widmet: die Frage, wie dieser Longseller der Geschichte unsere Wahrnehmung prägt.

Hans-Jörg Uther, Forscher

Für die anhaltende Popularität dieser Buchmärchen gibt es mehrere Gründe: Sie zeigen Konflikte des menschlichen Lebens modellhaft auf, auch wenn sie häufig in einer fiktiven Welt angesiedelt sind. Es existiert ein überschaubares Korpus von kurzen Erzählungen ohne Zwischentöne. Die Figuren sind leicht als Vertreter bestimmter Werte und Vorstellungen zu erkennen. Die Identifikation mit den positiv gezeichneten Handlungsträgern ist ungemein erleichtert. Die damit verbundene Freiheit trägt zur zeitüberdauernden Wirkung der Märchen bei.

Die Brüder Grimm haben Generationen von Sammlern und Herausgebern in hohem Maße beeinflusst. Zunächst in Deutschland und in ganz Europa, später auch in Übersee, kamen vergleichbare Sammlungen zustande. Außerdem legten die Brüder Grimm den Grundstein für die Erforschung von Märchen, indem sie die von ihnen zusammengetragenen Texte mit detaillierten Erläuterungen versahen. Eine gelegentliche Fixierung auf verwertbare mythische Zusammenhänge, wie sie die Brüder Grimm in ihren Kommentaren gelegentlich herzustellen versuchten, ist jedoch wissenschaftlich nicht haltbar und als zeitbedingt anzusehen.

Eugen Drewermann, Theologe

Märchen sind die einzige Literaturgattung, die uns glauben machen möchte, dass nur die Liebe Menschen glücklich macht. In den Romanen der Weltliteratur scheinen die Liebenden wie zum Tod verurteilt an den zu engen Wänden der Welt; wer den Märchen folgt, begreift nicht nur die Macht des Unbewussten und die Poesie traumnaher Bilder, er wird zugleich die Spuren sehen, die Menschen aus Entfremdung und Gefühlszerstörung zu sich selbst zurückgeleiten können.

Als Kinder lockten uns die Märchen ins Leben, als Erwachsene lehren sie uns, den Verlockungen des Lebens der allzu großen Leute nicht länger Glauben zu schenken, sondern der einfachen Wahrheit zu vertrauen: Gott schützt die Liebenden.

(Der Kirchenkritiker Eugen Drewermann, der sich als Priester zum Psychotherapeuten ausbilden ließ, lehrte in Paderborn Theologie. 1992 wurde er wegen seiner Positionzu Zölibat und Abtreibung vom Priesteramt suspendiert. In tiefenpsychologischen Interpretationen hat er immer wieder auf die Aktualität von Märchen hingewiesen.)

Claudia Ott, Orientalistin

Hundertundeine Nacht“ ist eine eben erst in einer mittelalterlichen arabischen Handschrift neu entdeckte Sammlung aus dem maurischen Spanien. Diese kleine Schwester der berühmten „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht“ wartet mit einer überschaubaren Zahl kompakter, spannender, teils auch erotischer Geschichten auf, von denen einige frappierend an deutsche Märchen, auch solche der Gebrüder Grimm, erinnern.

Schon gleich im Prolog stimmt uns das „Spieglein-Spieglein-an-der-Wand-Motiv“ auf kommende Abenteuer ein: „Nun pflegte der König nach einem Spiegel zu fragen, und dieser wurde vor ihn gestellt. Der König betrachtete darin sein Gesicht und fragte dann: ,Kennt ihr irgendjemanden auf der Welt, der schöner ist als ich?‘“ Und in der 28. Nacht träumt der Kalifensohn Suleiman Ibn Abdalmalik vor sich hin: „Ob wohl Gott ein Mädchen erschaffen hat von strahlender Schönheit, mit einem Leib so weiß wie dieser Marmor, mit Haaren so schwarz wie die zwei Raben und Wangen so rot wie deren Blut?“ In diesem Sinn gratuliert Schahrasad den Gebrüdern Grimm zum geglückten Revival einiger uralter indisch-persisch-arabischer Märchenmotive – oder vielmehr zum Auffangen und Weiterwerfen der globalen, goldenen Märchenkugel.

Denis Scheck, Kritiker

Die Grimm’schen Märchen sind Lug und Trug. Ihre angebliche Tradition ist reine Erfindung. Ihre Originalität Plagiat. Ihre Authentizität freche Anmaßung. Ihr berühmter Märchenton auch nur ein Produkt literarischen Sounddesigns, ausgeheckt von zwei Stubenhockern, im Ohr den Tritt von Siebenmeilenstiefeln. Ihr Trick besteht in der Präsentation des ganz Neuen im Gewand des Uralten: Smartphones in Bakelitoptik. Ihrer ersten Auflage – 900 Stück wurden gedruckt –, war denn auch kein Erfolg beschieden. Erst als Wilhelm die Texte so stark entschärft und korrumpiert hatte, dass fast nichts übrig blieb, und nebenbei auch noch so etwas wie die bürgerliche Kindheit erfand, stellte sich ein Markt ein. Kein Buch passt besser zur Bundesrepublik Deutschland mit ihren erfundenen Traditionen, ihren unter dem Deckmantel des Umdenkens gelebten Kontinuitäten und ihrer frech angemaßten Souveränität. Wer in sie hineingeboren worden ist, lebt auf Leichenbergen: der in den Lagern Ermordeten, der an den Fronten Gefallenen, der im Bombenhagel in den Städte Verbrannten. Doch wer Grimms Märchen kennt, weiß: hinter den sieben Bergen ist es nicht anders. Im Tümpel lebt ein Eisenhans; der goldene Ball im Brunnen hatte einen Vorbesitzer; trau keinem Schwan. Ich liebe beide, die Märchen und das Land. Ihre Lügen kenne ich genau und nehme sie für bare Münze.