Zweiter Weltkrieg Wie Flugblätter Soldaten zermürben
Flugblätter sollen den Feind demoralisieren. Nur wie lässt sich ein Soldat davon überzeugen, die Waffen zu strecken?
Flugblätter sollen den Feind demoralisieren. Nur wie lässt sich ein Soldat davon überzeugen, die Waffen zu strecken?
Berlin - Sie werden per Flugzeug abgeworfen oder mit Granatwerfern verschossen, und obgleich nur aus Papier können sie selbst den härtesten Gegner in die Knie zwingen. Allein im Zweiten Weltkrieg flattern Milliarden Flugblätter über den gegnerischen Linien hernieder und sie alle transportieren die gleiche Botschaft wie eine verschossene Kugel: „Hör auf zu kämpfen!“
Und das nicht minder plötzlich. Denn das Blatt „soll explosiv wirken, einschlagen, überzeugen, bekehren – in einem Moment, in dem bereits alles radikal und labil und voller Sprengmittel ist“, wie es in dem Buch „Feindflugblätter des Zweiten Weltkriegs“ von Moritz Rauchhaus und Tobias Roth heißt. Angesichts der Unerträglichkeit des Krieges ist die Motivation der Truppe entscheidend. Und genau darauf zielt das Flugblatt ab: mit Drohungen, Demonstrationen der eigenen Stärke – und dem Säen von Zweifeln.
Auf die verheerende Wirkung der psychologischen Kriegsführung in Papierform hatten schon frühere Generationen gesetzt. „Solche Blätter fliegen wie ausgestreute Funken, von welchen gehofft wird, sie werden hie und da ein pulvergefülltes Herz finden und zünden, damit es weiter zünde“, berichtet etwa der Schriftsteller und Franzosenhasser Ernst Moritz Arndt über die Napoleonischen Kriege.
Damit das Flugblatt seine destruktive Wirkung entfalten kann, muss es genau auf den Gegner zugeschnitten sein, seine Sprache sprechen und vor allem: Es muss vertraut wirken. Anleihen aus der Popkultur sind daher nicht selten.
So greifen die Deutschen 1944 auf das Cover des „Life“-Magazins zurück, gewürzt mit einer Prise Erotik, damit die alliierten Soldaten garantiert zugreifen. Sex sells, auch im Schützengraben. Die Vorderseite des Flugblatts zeigt das „Life“-Cover, darauf eine junge unbekleidete Frau, die wahlweise einen britischen oder amerikanischen Stahlhelm trägt und eine Ausgabe des Magazins in Händen hält.
Auf der Rückseite verwandelt sich die Erotik in Horror: Auch dort ist ein Helm zu sehen, allerdings auf einem Totenschädel. Aus „Life“ wird „Death“, aus Leben Tod. Hüben wie drüben werden leicht geschürzte Frauen in den Dienst des Vaterlands gestellt, denn die Blätter mit Pin-up-Girls haben eine längere Lebensdauer und eine größere Zirkulation.
Die mächtigste Waffe der Demotivierung ist neben der Frage nach dem Warum der Gedanke an die Lieben daheim. In mehrfacher Hinsicht, droht der Krieg doch nicht nur den Soldaten zu töten und damit ein Wiedersehen unmöglich zu machen, auch die Familie selbst könnte in Gefahr sein – und ohne Schutz durch den Mann.
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„Liebe und Angst, Sehnsucht und Sorge, Fremde und Einsamkeit, Schutz- und Machtlosigkeit verbinden sich in diesem einen Thema“, schreiben Rauchhaus und Roth. Hinzu kommt, dass die feindlichen Flugblätter den Sinn des Kampfes in Zweifel ziehen, all die Mühen und Qualen am Ende umsonst gewesen sein könnten.
Die „Flyer in Uniform“ sind aber auch in anderer Weise toxisch. Denn der Besitz feindlicher Propaganda steht unter Strafe. Auch so erreicht der Absender sein Ziel, denn der Feind ist dadurch einen Mann weniger.
Feindflugblätter sollen aber nicht nur verunsichern und demotivieren, sie geben auch Anleitungen, wie man sich dem Krieg entziehen kann, gaukeln einen einfachen Ausweg vor. Etwa das Flugblatt mit der Aufschrift „Ei ssörrender“, damit die Deutschen den Satz „Ich ergebe mich“ auch richtig aussprechen.
Ein weiterer Weg zurück in die Heimat führt nicht in die Gefangenschaft, sondern ins Lazarett. Eine Möglichkeit, die ein als Streichholzbriefchen getarntes Flugblatt mit der Aufschrift „Besser ein paar Tage krank als ein Leben lang tot“ anspricht. Abgeworfen im Januar 1945 über den alliierten Linien in Italien.
Dort wird den Soldaten erklärt, wie sie eine Entzündung am Fuß hervorrufen („Tauche ein erbsengroßes Stück Watte in Terpentin und stecke es über Nacht zwischen deinen dritten und vierten Zeh . . .“) und Magenbeschwerden („Nimm täglich 12 bis 15 Rizinusbohnen . . .“) oder ein Herzleiden simulieren können („Rauche 20 bis 30 Zigaretten am Tag. Solltest Du normalerweise schon so viel rauchen, verdopple diese Anzahl.“). Was sich im Falle des Erfolgs zweifach auszahlt, schließlich bindet ein kranker Soldat mehr Ressourcen als ein toter.
Wie wirksam Flugblätter im Zweiten Weltkrieg waren, lässt sich nur schwer sagen. Es gibt Berichte von Soldaten, die in Gefangenschaft gingen, während sie auf feindlichen Flugblättern abgedruckte Lieder sangen. Oft genug dienten sie weit banaleren Bedürfnissen – etwa als Toilettenpapier.
Wie stark das Papier im Vergleich zum Karabiner sein kann, zeigte sich 1944 auf der französischen Insel Cézembre. Dort hatten sich deutsche Soldaten verschanzt, und was Kugeln und Bomben nicht vermochten, schaffte ein von Stefan Heym getextetes Flugblatt, in dem er die Soldaten mit Schießscheiben verglich.
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Auch der Schriftsteller Heinz Knobloch erklärte rückblickend: „Was die von Stefan Heym verfassten Flugblätter angeht damals in der Normandie: Sie haben vielen deutschen Soldaten das Leben gerettet. Einer davon war ich.“
Literatur
Moritz Rauchhaus und Tobias Roth (Hrsg.): Feindflugblätter des Zweiten Weltkriegs. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, 288 Seiten, 28 Euro.