Für die Ruhrpott-Kicker des VfL Bochum wurde einst der Begriff „unabsteigbar“ geprägt. Spätestens seit diesem Jahr, wird in der Basketball-Szene gemunkelt, hat auch der Korbjäger-Sport seine „Unkaputtbaren“ – sie tragen den Namen MTV Stuttgart. Und dem Vernehmen nach ist es für die Beteiligten am Kräherwald immer noch gefühlt so, als wären Ostern und Weihnachten auf denselben Tag gefallen, und das heuer bereits zum zweiten Mal.
„Darüber, dass es für uns noch so gekommen ist, sind wir gottfroh“, sagt der sportliche Leiter Enrico Laue. „Ein Abstieg“, räumt er ein, „hätte uns in unserer Entwicklung arg ausgebremst.“ Das Projekt, überwiegend mit jungen Talenten etwas aufzubauen, wäre zu einem unerwarteten Schlenkerkurs gezwungen gewesen. So kann es auf dem geplanten Weg weitergehen. Auch blieb dank des doch noch geschafften Klassenverbleibs ein personeller Aderlass erspart. Der Trainer Cyril Da Silva geht in seine bereits vierte Saison. Und von den Leistungsträgerinnen hat lediglich Aleksandra Rikanovic aufgehört. Freilich: Die 34-Jährige, die sich fortan mehr aufs Familienleben konzentrieren will, statt vier- bis fünfmal pro Woche in der Halle zu stehen, war die Topscorerin und dank ihrer Routine wichtigste Spielerin.
Verstärkung aus den USA
Allerdings befinden sich unter den demgegenüber elf Kaderzugängen auch einige Neue, die Laue erwartungsfroh die Hände reiben lassen. Zwei Namen ragen heraus. So hat sich der Vorjahresneunte zum einen auf dem US-Markt bedient. Gestatten: Jada Powell (23), Centerspielerin. Die 1,85-Meter-Athletin aus Iowa soll auf ihrer ersten Auslandsstation ein bisheriges Aufgebotsmanko beheben. „Eine physisch starke, unter dem Korb dominante Akteurin hat uns gefehlt“, sagt Laue. Wie ihre Landsfrau Chanell Williams ist auch Powell faktisch Profibasketballerin. Jedoch sind beide parallel in Nebenjobs bei der hiesig stationierten Army engagiert.
Zum anderen ist da Joanna Scheu. Die Aufbauspielerin kehrt an ihre alte Wirkungsstätte zurück, nachdem sie zuletzt eine Saison lang bei den Eisvögeln Freiburg Erstliga-Erfahrung gesammelt hat. MTV-Glück, nächster Teil, dass sich für Scheu eine Veränderung in ihrem Studium ergab. Jenes führte die vormalige U-19-Nationalspielerin wieder in die Landeshauptstadt heim. „Mit ihr bekommen wir mehr Speed und erhöhen sich unsere Möglichkeiten im Ballhandling“, sagt Laue. Und mit ihr wird das überwiegende Jugend-forsch-Unternehmen noch forciert.
Schlipf mit Zweitverein aus der ersten Liga
Beispiel hierfür auch Anastasia Schlipf, die von dieser Saison an mit Doppellizenz spielt. Ihr Zweitverein ist der dreifache deutsche Meister Keltern. Sie pendelt zwischen beiden Clubs – mit, wie Laue unterstreicht, Einsatzpriorität aber für den MTV. Beispiel ebenso Amelie Kehrenberg. Die vormalige Recklinghausener Junioren-Bundesligaspielerin ist die Tochter der deutschen Rekordnationalspielerin Martina Kehrenberg und avancierte in der Saisonvorbereitung auf Anhieb zu einer der Gewinnerinnen.
Insgesamt sieht Laue die Seinen besser aufgestellt als vor Jahresfrist. Auch, „weil wir diesmal schon eingespielter sind“, wie er sagt. So ist die Hoffnung groß, dass es auch vom sportlichen Verlauf her anders wird. Das Ziel ist klar. Es lautet: Play-off-Teilnahme, gleichbedeutend mit dem vorzeitigen Klassenverbleib – mithin keine erneute Zittersaison. Hierfür benötigen die Stuttgarterinnen in der Zwölfer-Staffel einen Platz unter den ersten acht. „Alles darüber hinaus wäre Bonus“, sagt Laue vor dem Auftakt am Samstag (19.30 Uhr) beim Aufsteiger TSV München-Ost. Nicht zu verwechseln mit dem Stadtnachbarn München Basket, der ja zum indirekten MTV-Retter geworden ist.
Darüber hinaus wollen Laue und die Seinen ihr Glück nun nicht weiter strapazieren. Sie möchten die Dinge wieder aus eigenen Kräften regeln – im Wissen, dass die „Unabsteigbar“-Nummer sonst womöglich nicht unbegrenzt funktioniert. Siehe Bochum. Die Fußballer werden sich erinnern: Die VfL-Mannen, die hat es dann irgendwann doch ganz trist und ohne Fallschirm erwischt.
Eckdaten
Zugänge
Joanna Scheu (Eisvögel USC Freiburg), Jada Powell (University of West Georgia/USA), Amelie Kehrenberg (Grayson College/USA, zuvor Nachwuchs-Bundesliga bei Citybasket Recklinghausen), Muna Ngome Kangue (TSG Schwäbisch Hall), Jana Baraka, Nicolina Antic (beide BSG Basket Ludwigsburg), Soraya Zouaoui, Selin Bandirma (beide Juniorinnen BSG Basket Ludwigsburg), Feryel Grosko, Tanem Alkan, Obosoeya Odigie (alle von den eigenen U-16-Juniorinnen).
Abgänge
Aleksandra Rikanovic (Basketballpause), Lola Stamenkovic, Chloe Emanga (beide BasCats USC Heidelberg), Saskia Krüger (ASC Theresianum Mainz), Mar Marata (Spanien), Kelly de Moura Semedo (Schweiz).
Kader
Point Guard:Tanem Alkan, Louisa Groth, Joanna Scheu, Chanell Williams, Soraya Zouaoui; Shooting Guard: Nicolina Antic, Ines Babic, Feryel Grosko, Salma Ismail Al-Hawain, Amelie Kehrenberg, Franka Müller, Siumara Pereira, Anastasia Schlipf, Jana Schreiner; Small Forward: Selin Bandirma, Lilith Maitra, Obosoeya Odigie; Power Forward: Jana Baraka, Diana Krstanovic; Center: Muna Ngome Kangue, Jada Powell.
Trainer
Cyril Da Silva (seit Juni 2021).
Spielstätte
Sporthalle West, Bebelstraße 24, 70193 Stuttgart.
Saisonziel
Play-off-Teilnahme, sprich mindestens Tabellenplatz acht (Platzierung in der vergangenen Saison: 9. – anschließend dritter und letzter Platz in der Abstiegsrunde).
Meistertipp
TSV Wasserburg, BasCats USC Heidelberg.