Zwiefalten Vom Tollhaus zum Therapiezentrum

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Baden-Württembergs ältestes Krankenhaus für Psychiatrie wird 200 Jahre alt: Viel hat sich verändert, von den Behandlungsmethoden bis zu den Zimmern. Im zweiten Weltkrieg wurden viele Menschen in einer nahe gelegenen Gaskammer ermordet.

Wie sich die Zeiten ändern: Noch im Jahr 1971 mussten die Insassen der Psychiatrischen Klinik Zwiefalten in großen Gemeinschaftssälen schlafen. Foto: Grohe
Wie sich die Zeiten ändern: Noch im Jahr 1971 mussten die Insassen der Psychiatrischen Klinik Zwiefalten in großen Gemeinschaftssälen schlafen. Foto: Grohe

Zwiefalten - Zwiefalten besteht seit 200 Jahren. Nicht der Ort im Kreis Reutlingen oder das Kloster, sondern die im ganzen Land bekannte psychiatrische Klinik, die älteste in Baden-Württemberg. Das Jubiläum bietet den Anlass, nach vorne zu blicken. Was tut sich in den kommenden zehn Jahren? Professor Gerhard Längle, der frühere Ärztliche Direktor von Zwiefalten und heutige Regionalkoordinator des Zentrums für Psychiatrie Südwürttemberg (ZfP) sagt große Veränderungen voraus – vor allem im Bereich der ambulanten Behandlung: „Billiger wird’s aber nicht, auch wenn die Zahl der Betten zurückgehen wird“.

Hometreatment (Behandlung zu Hause) heißt ein Stichwort der Zukunft. Darunter versteht Längle eine Akutbehandlung von psychisch kranken Patienten durch Psychiater oder Psychologen, die nicht mehr an das Klinikbett gebunden ist, sondern im gewohnten Lebensumfeld durchgeführt werden kann. Bereits heute verhandelt das ZfP mit den Krankenkassen über eine Finanzierung. „Wir hoffen auf ein Modellprojekt“, erklärt Gerhard Längle.

Auch sonst geht das ZfP moderne Wege. Ein Beispiel ist das Projekt Soteria, der Begriff ist dem Griechischen entlehnt und bedeutet so viel wie Rettung, Sicherheit und Geborgenheit. Experten reden hier von der Milieutherapie. Sie spielt sich ab in einer alten, schönen Villa inmitten eines Gartens außerhalb des Klinikgeländes. Hier leben bis zu acht meist junge Menschen, die sich in einer akuten psychotischen Krise befinden, die den Ausbruch einer Psychose befürchten und die nach einer psychotischen Krise noch einer professionellen stationären Umgebung bedürfen. Die vielschichtige Therapie wird im Alltag dieser Patienten eher am Rande wahrgenommen. Für Professor Längle ist das aus den USA stammende Soteria-Konzept „etwas ganz Besonderes“ und einmalig im Land.

Eher Einzelzelle statt Einzelzimmer

Einmalig – das war auch die „Königlich-Württembergische Staatsirrenanstalt“, die am 25. Juni 1812 in Zwiefalten gegründet wurde. Hier wurden seelisch kranke Menschen wirklich behandelt, und nicht – wie bis dahin üblich – in Arbeits-, Zucht und Tollhäusern verwahrt. Mit der Umsiedlung von 46 geisteskranken Insassen – 20 Männer und 16 Frauen – des Ludwigsburger Tollhauses nach Zwiefalten wurde der Grundstein für die Krankenhauspsychiatrie im gesamten Land Württemberg gelegt, wie aus einer Festschrift zum 200-Jahr-Jubiläum hervorgeht. Für die Betreuung der Kranken waren sogenannte Tollknechte und Tollmägde, ein „Irrenmeister“ sowie ein Arzt zuständig. Der war allerdings bereits pensioniert und nur noch nebenamtlich tätig, was der Versorgung nicht förderlich war. Der Standard war die Unterbringung der Kranken in Einzelzimmern, wobei der Begriff Einzelzelle angesichts der sehr kargen und zugigen Unterkünfte besser passt. Gemeinschaftsräume gab es nicht. Soweit es der Zustand der Kranken erlaubte, wurden die Männer mit Holzsägen oder Holzspalten beauftragt, die Frauen erhielten Spinnräder oder Strickzeug.

Bereits 1839 heißt es dann in einem Bericht, dass sich die Heilanstalt zum Ziel setzen müsse, die „möglichst vollkommene Wiederherstellung der ihr anvertrauten Kranken zu erreichen“. Dazu sollte offenbar auch die Arbeit beitragen, der zwei Drittel aller Kranken täglich nachgehen müssen. Es gab aber nicht nur die Heil-, sondern auch die davon zunächst nicht abgetrennte Pflegeanstalt. Dort sollten die „Blödsinnigen“ vor noch tieferem Versinken bewahrt werden und die „Verrückten und Tollen“ von der Ausübung ihrer „wahnsinnigen und verbrecherischen Absichten“ abgehalten werden. Auch galt es – immerhin – die „Sinnesgetäuschten“ vor Spott, Verhöhnung und Misshandlung“ zu bewahren.

Nach 1834 wird Zwiefalten zur reinen Pflegeanstalt, erst Ende des 19. Jahrhunderts wird die Aufgabe der Heilung wieder aufgenommen. Doch auch da gehören Isolierung und der Einsatz von Zwangsjacken noch zum Klinikalltag. Beruhigungsmittel werden nur selten eingesetzt, eine sinnvolle Beschäftigung dagegen angestrebt. Therapeutische Behandlungen und der Einsatz von psychiatrisch ausgebildeten Ärzten setzten sich erst um 1900 durch.

Mehr als 1000 Menschen wurden ins Grafeneck transportiert

Zur 100-Jahr-Feier heißt es 1912: „Aus dem ehemaligen Verwahrhaus für gemeingefährliche Irre ist ein wohlausgestattetes Krankenhaus geworden. Statt der Verwahrung in düsteren Zellen nun menschenfreundliche Behandlung in luftigen und freundlichen Räumen, geleitet nach allen Regeln der ärztlichen Kunst.“ Doch dann kam der Erste Weltkrieg. Krankheiten und mangelnde Pflege ließen die Sterberate um ein Mehrfaches ansteigen, geht aus dem aktuellen Text hervor.

Im Zweiten Weltkrieg wurden von April bis Dezember 1940 mehr als 1000 psychisch Kranke – Männer, Frauen und Kinder – mit 22 Transporten von Zwiefalten ins nahe gelegene Grafeneck transportiert und dort in Gaskammern ermordet. Im Grafeneck-Prozess 1949 mussten sich lediglich acht Angeklagte dafür verantworten. Die Strafen fielen milde aus. So wurde eine Ärztin wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Beihilfe zum Mord zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt.

Im Lauf der Jahrzehnte werden immer neue Behandlungsmethoden angewendet: Arbeits- und Beschäftigungstherapie, Bewegungstherapie, Einzeltherapie, Gruppentherapie, Maltherapie, Musiktherapie, Reittherapie, Sporttherapie. Nach 2003 – treibende Kraft ist Professor Längle – wird in Zwiefalten gemeinsam mit den psychiatrischen Kliniken in Bad Schussenried und Weissenau die ambulante Versorgung in der Region konsequent verfolgt.