Stromtrafos tragen in der Regel nicht unbedingt zur Verschönerung ihrer Umgebung bei. Noch schlimmer machen es an die Wände gesprühte Schmierereien. Man kann sich also vorstellen, dass Kinochef Andreas Zienteck wenig begeistert war, als ihm zuletzt sein Vermieter Michael Bauer so einen Betonklotz genau vor seinen Eingang stellte. Passend zum Thema Film gab’s jedoch ein Happy End – dank einer sprühenden Idee.
Aber zunächst zur Ausgangslage: „Da muss man zurück in die 50er Jahre gehen“, sagt Michael Bauer. Aus dieser Zeit stamme nämlich die Stromversorgung für das historische Gebäudeensemble, das seit mehr als 120 Jahren seiner Familie gehört. Zum Besitz zählen Hendlburg, Zwinger, Seegärtle und das Filmzentrum Bären. Entsprechend groß ist der Energiebedarf. „Das Areal hat aber nur einen Stromanschluss“, sagt der Böblinger.
Früher habe das noch ausgereicht. „Aber bei dem Energiehunger, den unsere Pächter haben, wurde es allmählich eng“, verweist Bauer zum Beispiel auf das Kino, das er selbst jahrelang betrieben hatte. „Früher gab es da vier Säle. Heute sind es acht – mit modernster Projektionstechnik, Klimaanlage, Licht und IT“, zählt er auf. „Das frisst alles brutal viel Strom“. Wobei der Energiebedarf im ehemaligen Wienerwaldrestaurant gegenüber genauso groß sei.
Irgendwann habe ihm sein Stromversorger zu verstehen gegeben, dass an der Poststraße 36 die Kapazitätsgrenze erreicht sei. Also gab Bauer zusammen mit der Grundstücksgesellschaft auf eigene Initiative den Bau eines Spannungswandlers in Auftrag. „Das ist ein Riesenheckmeck“, erzählt er von dem bürokratischen Kraftakt. „Das Thema ist wirklich hoch komplex“, berichtet der 69-Jährige. „Ich könne jetzt ein Buch darüber schreiben“, sagt er.
Ein Buch schreiben könnte Bauer wohl tatsächlich – allerdings eher über sein eigenes Leben: Von Flugbegleiter und Diplom-Hotelier über Kinochef und Kneipenwirt bis hin zu Businesscoach und Deutschlands erstem Hotel- und Raststättentester ist alles dabei. Nun kann er auch noch „Energieversorger“ zu seiner Vita hinzufügen – den Strom von der PV-Anlage auf dem großflächigen Kinodach könne zum Beispiel Segärtle-Wirt Uwe Hutfilz in seinem Restaurant „verkochen“, sagt Bauer.
Der Weg zum eigenen Umspanner war allerdings lang. Mehr als zwei Jahre habe es gedauert. Mittlerweile steht der Trafo an der Ecke Poststraße / Tübinger Straße. Kinogeschäftsführer Andreas Zienteck war darüber zunächst „not amused“, wie er selbst sagt. „Natürlich ist das ein notwendiges Übel, aber direkt vor dem Haupteingang so ein Hindernis zu haben, ist nicht sehr einladend“, sagt er.
Mit Michael Bauer verbindet Zienteck mehr als nur ein Mietverhältnis, schließlich arbeitete er schon mit 16 Jahren als Platzanweiser im Bärenkino. Entsprechend bemüht waren beide, eine gute Lösung zu finden. Zumal, wie Zienteck aus eigener Erfahrung weiß, rund um den See gerne mal Vandalen ihr Unwesen treiben und dort alles von der Hausfassade bis zur Freilichtkinoleinwand beschmieren. Ein Trafo wäre da ein leichtes Ziel, weswegen Bauer und Zienteck beschlossen, in die Vorwärtsverteidigung zu gehen.
Hier kam Maximilian Frank ins Spiel – Jugendreferent in Weil der Stadt und professioneller Graffiti-Sprayer. In Bauers Auftrag übersprühte er mit dem Inhalt von rund 70 Dosen den unansehnlichen Klotz mit diversen Filmmotiven von „Star Wars“ über „Die Eiskönigin“ bis hin zu James Bond und Marilyn Monroe. Aus dem „notwendigen Übel“ wird so ein echter Hingucker, der künftig sogar bei Nacht angestrahlt werden soll, um die Kinokunst erst so richtig in Szene zu setzen.