Seine erste polnische Hochzeit vor 20 Jahren verbrachte Bartek von den Orsons zur Hälfte über der Toilette. Diesmal ist der Stuttgarter Rapper besser vorbereitet und berichtet live von der 48-Stunden-Party aus dem Festsaal.
Mit der Frühlingszeit bricht auch die Zeit der Hochzeiten an. Dass es Unterschiede gibt zwischen der Feier hier in Deutschland, und einer, die zwei Tage lang dauert wie in Polen, durfte ich am eigenen Leib erfahren. Ein Selbstversuch.
Es ist 20 Jahre her, dass ich auf einer polnischen Hochzeit war. Damals hatte ich nicht auf dem Schirm gehabt, dass diese Feier traditionellerweise am nächsten Tag fortgesetzt wird, mit all den Tänzen, all den Schnäpsen und Spielen, mit dem einzigen Unterschied zum Vortag, dass man an Hochzeitstag Nummer zwei locker gekleidet und nicht mehr so förmlich erscheinen darf. Unwissend hatte ich an Tag eins bereits all mein Pulver verschossen und wurde verkatert von meinen Eltern mitgeschleppt in den Festsaal, wo ich es ganze 60 Minuten aushielt, bevor man mich ins Hotel fahren musste, wo ich mich den restlichen Tag übergeben konnte.
Wie man in Deutschland feiert
Dieses Jahr, einige Hochzeiten und Erfahrungsschätze später, bin ich anders vorbereitet. Teile meine Kräfte besser ein. Wobei die meisten Hochzeiten hier in Deutschland einem nicht ganz so viel Kraft abverlangen. Denn hier feiert man meinem Eindruck nach zurückgenommener, trifft sich etwas steif im Standesamt, gegebenenfalls Kirche, fährt dann (jede:r für sich selbst) in einen Gemeinde- oder Festsaal, wo es nach einem Sektempfang ein Buffet gibt und die Gesellschaft lange umhersteht bis nach manchmal vier Stunden vereinzelt Menschen anfangen zu tanzen. Selten ist ein Alleinunterhalter zu finden, manchmal eine kleine Band, meistens legt ein DJ auf und versucht für Klein und Groß etwas in die Playlist zu ziehen. Dazwischen einige Spiele und Reden, die von den Trauzeug:innen und Freund:innen vorbereitet wurden und die hier und da etwas trocken und technisch ein wenig mangelhaft vom Laptop auf eine Leinwand projiziert werden, die spiegelt. Wenn es schlecht läuft, ist der Bräutigam schon beim Kuchen anschneiden so steil, dass er lallt und die Augen ins Leere schauen. Dann ist gegen zwei Uhr nachts das offizielle Ende der Veranstaltung und entfernte Onkel und Tanten, die nichts getrunken haben, fahren noch drei Orte weiter nach Hause.
Wie man in Polen feiert
In Polen schlagen die Uhren 14 Uhr und der Treffpunkt ist natürlich eine Kirche. Hundert Gäste sind geladen und jede:r ist gut gelaunt und katholisch. Nach vollzogener Zeremonie steht ein großer Reisebus bereit, der uns in einen Festsaal am Rande einer dörflichen Gegend bringt. Dort kann man so laut sein, wie man möchte.
Eine schöne rustikale Halle wartet auf einen mit langen Tischen, einer Bar mit motiviertem Personal, großem Parkett zum Tanzen und einer Bühne, auf der das für polnische Hochzeiten unerlässliche große Keyboard steht, umrahmt von Mikrofonen und Laptops. Eine dreiköpfige Band wird hier die nächsten zwei Tage den Saal beim Feiern anleiten.
Ich habe mir vorgenommen, am ersten Tag ausschließlich bei Bier zu bleiben und mir die harten Bandagen für den lockeren zweiten Tag aufzusparen.
Nachdem wir Kuchen und Kaffee hinter uns gebracht haben, frage ich den Barmann nach einem Bier. Von Bier wisse er nichts, es gibt nur Cocktails, Shots und Drinks. Also gut, Skinny Bitch.
Nicht tanzen ist keine Option
Ohne auch nur ein kleines Zögern, stehen alle Gäste mit dem ersten Einsatz der Band auf und fangen an zu tanzen, gelöste Stimmung, alle können Standardtänze, wow! Die Band führt mitreißend durch den Abend in die Nacht.
Diese Stimmung wird ab jetzt nicht mehr einreißen, das Brautpaar ist perfekter Laune und wird auch am nächsten Tag wie aus dem Ei gepellt bis zuletzt tanzen, spielen, animieren und Freude ausstrahlen. Vorbildlich, mein entfernter Cousin und seine Braut! Da können sich deutsche Hochzeiten mehrere Scheiben abschneiden, finde ich. Auch vom Menü des Abends, denn:
Was ich gar nicht auf dem Schirm hatte, war die Opulenz der Mahlzeiten, die bei polnischen Hochzeiten aufgefahren werden. Da hagelt es Wurstplatten, Rohkost-Salate und Dinge in Aspik. Kaum hat man etwas probiert, wird eine Suppe aufgetischt, gefolgt von Schnitzeln mit Petersilienkartoffeln, dicken Soßen und Sauerkraut, Hähnchen in Pilzrahm, Gemüseauflauf, Roulade mit schlesischen Klößen. Geschichtetes dampft neben Überbackenem.
The Völlerei never ends
Und wer dachte „das wird dann ja für heute und morgen reichen“ und kurz zwischendrin tanzen geht, vielleicht auch bei einem Mitmach-Spiel teilnimmt, staunt nicht schlecht, wenn bei der Rückkehr frisches Besteck inklusive neuem Teller an seinem Platz findet für einen weiteren Gang. Ein Buffet hätte es sicher auch getan, finde ich. Mir tat es Leid um die Reste: Denn niemand kann so viel essen.
Später am Abend habe ich eine „Zeitung“ am Halleneingang gefunden: vom Brautpaar erstellt, voller Infos über die Beiden, ihre Flitterwochen, wo sie sich kennengelernt haben... sehr süß! Und da stand dann auch der Essensplan abgedruckt:
Abendessen 1, Abendessen 2, Abendessen … Moment mal, bis zwei Uhr nachts sollte also gefühlt alle 40 Minuten etwas Neues auf den Tisch kommen?! Unglaublich.
Zur Verdauung mussten es dann doch Schnäpse sein, generell wird auf polnischen Hochzeiten eine Flasche Wodka pro Gast gerechnet, es gab also genug auf den Tischen.
Der zweite Tag war dann auch mit Bier ausgestattet und man konnte locker rausfeiern. Wundervoll!
Wenn ich zwischen deutschen und polnischen Hochzeiten entscheiden müsste, würde ich die Lockerheit und Gelöstheit der polnischen trinkfesten Hochzeitsgesellschaft vorziehen, jedoch gepaart mit dem ausreichenden Buffet der deutschen Hochzeiten. Zwei Tage zu feiern finde ich auch gut, eine Übernachtung mit anschließendem Katertag schweißt die Gemeinschaft zusammen. Irgendwann werde ich noch auf eine polnisch-deutsche Hochzeit gehen.
Na zdrowie und viel Spaß auf den Hochzeiten, die ihr dieses Jahr noch besuchen werdet.
Euer Bartek