Zwischen Hoffnung und Sorge Iraner im Raum Leonberg: „Ich bin als Bahai Nummer eins Ziel der Regierung“

, aktualisiert am 23.03.2026 - 11:17 Uhr
Herr M. möchte nicht erkannt werden. Tagelang hat er versucht, seinen Sohn zu erreichen (Symbolbild). Foto: IMAGO/MiS

Ein Iraner in der Region erlebt den Krieg in seinem Heimatland mitten im Herzen. Täglich bangt er um seine Familie im Heimatland. Dennoch ist der Angriff für ihn eine Erleichterung.

Volontäre: Jelena Maier-Kasparek (jem)

Herr M. ist zerrissen von Freude und Angst, er hat „gemischte Gefühle ohne Ende“. Denn während er in der sicheren Umgebung seiner Wohnung im Raum Leonberg sitzt, harrt seine Familie im Iran aus. Trotzdem: Als er am Tag des israelischen Schlags gegen sein Heimatland aufgewacht sei, habe er sich unglaublich gefreut. „Ich habe so geschrien und gedacht: ‚Endlich wird uns geholfen’“, erzählt er. Dieses Gefühl könne man nicht verstehen, wenn man seine Situation und die von Millionen Iranern nicht kenne.

 

Herr M. ist etwa 50 Jahre alt. Vor rund zwei Jahren zog er aus beruflichen Gründen von Teheran in den Raum Leonberg. Beim Gespräch sitzt er ruhig in seiner Wohnung, mit kariertem Hemd und offenem Blick. Man sieht ihm nicht an, welche Sorgen er hat und was er durchmachen musste. Aber es hat Spuren hinterlassen: Er möchte anonym bleiben, nicht einmal von hinten fotografiert werden. Weil er selbst in seiner eigenen Wohnung befürchtet, man könne ihn erkennen – und ihm oder seiner Familie Schaden zufügen.

Denn Herr M. ist Bahai und damit „Nummer eins Ziel der Regierung“, wie er sagt. Die Bahai sind die größte religiöse Minderheit im Iran und systematischer Verfolgung ausgesetzt. Dazu zählen eingeschränkte Religionsfreiheit, kein Zugang zu Bildung und massive berufliche Nachteile.

Iraner im Raum Leonberg: Ein Leben zwischen zwei Welten

„Ich traue der Regierung alles zu.“

Herr M., Iraner aus dem Raum Leonberg

Unter diesen Repressionen leiden Herr M. und seine Familie schon ihr ganzes Leben. Seine Frau durfte keine Schule besuchen, er selbst studierte an einer Art Untergrund-Universität für Bahai und ging später für seinen Master ins Ausland.

Als die Behörden von der religiösen Zugehörigkeit seines Vaters erfuhren, wurde dieser vor die Wahl gestellt: allen Lohn, den er während seiner 25-jährigen Berufstätigkeit angeblich „illegal“ verdient habe, zurückzahlen, oder ins Gefängnis gehen. Weil er die Summe nicht aufbringen konnte, verbrachte er mehr als ein halbes Jahr hinter Gittern.

Das Leben im Iran war für die Familie schon immer schwierig

Solche Geschichten seien im Iran allgegenwärtig, sagt M.. Lehrer der Bahai-Universität würden regelmäßig zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Auch sein 18-jähriger Sohn dürfe offiziell keine Universität besuchen. „Ich habe immer gedacht, bis meine Kinder groß sind, wird das anders sein – aber ich habe mich geirrt.“

Proteste im Iran vor wenigen Tagen. Foto: Uncredited/UGC/AP/dpa

All das zeigt für M. die „kranke Mentalität“ der Machthaber. Und es ist der Grund, warum er mit seiner Familie in Deutschland leben will. Doch die iranische Botschaft ist geschlossen, die Zusammenführung derzeit nicht möglich. Seine Frau ist wegen des Krieges mit dem Sohn und der zwölfjährigen Tochter in einen anderen Landesteil gegangen. Kurz nach ihrer Flucht aus Teheran schlug dort nahe ihrer Wohnung eine Bombe ein. „Natürlich habe ich riesige Angst um meine Familie“, sagt M. und schluckt.

Krieg im Iran: Die Familie ist in Gefahr

Schon als Anfang des Jahres Menschenmassen gegen die autoritäre Führung auf die Straße gingen, war er besorgt. Denn sein Sohn beteiligte sich an den Protesten, bei denen die Regierung Tausende tötete und das Internet abgeschaltet wurde. „Da wusste ich drei Tage lang nicht, ob mein Sohn noch lebt“.

Ein freies Leben im Raum Leonberg und Hoffnung für Iran

Auch jetzt, nach dem Angriff auf den Iran, ist die Verbindung unsicher. Nur selten kommen Telefonate zustande, lediglich Anrufe aus dem Iran nach Deutschland gehen manchmal durch. Aus Angst, abgehört zu werden, halten M. und seine Familie bei ihren Gesprächen viel zurück, sie reden nicht schlecht über das Regime. Zu groß ist das Misstrauen. „Ich habe mein ganzes Leben lang Spionage erlebt“, sagt er. „Ich traue der Regierung alles zu.“ Umso froher ist er, in Deutschland seinen Glauben frei leben zu können. Er hat sich mit anderen Bahai vernetzt und Freundschaften geschlossen. „Es fühlt sich an, als ob ich in einer großen Familie angekommen bin“, sagt er. „Das ist ein wirklich schönes Gefühl.“

Diskriminierung habe er hier bislang nicht erlebt. Für die Zukunft seines Heimatlandes wünscht er sich genau das: Freiheit, Selbstbestimmung, gleiche Rechte für alle. „Die Leute sollen die Kontrolle über ihr Land selbst in der Hand haben“.

Einen Krieg wolle er nicht, betont M.. Doch nach Jahrzehnten der Unterdrückung sehe er für sein Land keinen anderen Ausweg mehr. Deshalb sei seine erste Reaktion auf den Angriff auch Freude gewesen. „Ich habe noch nie so viele Hoffnungen gehabt“, sagt er.

Sein Traum ist klar: ein Iran, in dem Menschen die gleichen Rechte genießen wie hier in Deutschland. Doch er glaubt, dass dieser Weg lang sein wird – selbst dann, wenn sich die politische Lage zum Positiven wendet.

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