Julian Sartorius zieht mit Rückepferd Ikar Fichtenstämme aus dem Wald Foto: /privat
Im Wald der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde wird auch mit Pferden gearbeitet. Für die Tiere ist das nicht nur Muskel-, sondern auch Kopfarbeit.
red
26.11.2024 - 16:53 Uhr
Ikar ist im Wald in seinem Element: Jeder Tritt sitzt, wenn das tiefschwarze Arbeitspferd mit seiner langen Mähne und den kräftigen Beinen einen schweren Fichtenstamm zwischen am Boden liegenden Ästen und kleineren Stämmen an den Rand der Gasse zieht, die Daniel Fritz zuvor gekennzeichnet hat. Der Förster ist als Leiter des Reviers Plochingen auch für den rund 100 Hektar großen Kirchenwald zuständig, den die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Esslingen zwischen Plochingen und Aichwald besitzt.
Erstmals waren dort jetzt sogenannte Rückepferde im Einsatz, um einen Teil des gefällten Holzes abzutransportieren. Julian Sartorius, der in Lichtenwald einen Garten- und Landschaftsbaubetrieb leitet, hat sich zudem auf die Arbeit mit Pferden im Wald spezialisiert. Neben Ikar und Nick, die an diesem Tag im Einsatz sind, hat er noch zwei weitere Rückepferde, die er alle selbst ausgebildet hat.
Ikar schleppt Stämme aus dem Wald zwischen Plochingen und Aichwald
Sartorius setzt auf Percherons, eine robuste Rasse aus Frankreich. „Die Pferde sind genügsam, kräftig und nervenstark“, erklärt er. 880 Kilogramm wiegt der fünf Jahre alte Ikar. Gelenkt wird er mit einer Leine und entsprechenden Befehlen von Sartorius, der hinter ihm hergeht. Dabei bedient er sich der alten Fuhrmannsprache: Bei „hüh“ läuft Ikar los, bei „hot“ wendet er sich nach rechts, bei „ha“ hält er an. Während man jungen Pferden jeden Schritt vorsagen müsse, fänden erfahrene Pferde selbst den Weg durch das Gelände. Das bedeute viel Kopfarbeit für das Tier, erklärt Sartorius.
Förster Daniel Fritz (links) lässt sich von Julian Sartorius und Ikar gerne bei der Arbeit im Wald helfen. Foto: privat
Ikars Aufgabe ist es, gefällte Stämme in die Reichweite der Forstmaschine von Julian Sartorius zu transportieren. Zuvor hat Daniel Fritz Bäume fällen lassen, die den nach dem Orkan Lothar 1999 gepflanzten Eichen quasi die Luft zum Atmen nehmen. „Besonders schön gewachsene, vitale Bäume bleiben stehen, um sie herum wird ausgelichtet“, erklärt der Förster. Vor allem die Kronen brauchen Licht.
Zusätzlich zu den Maschinen mit Pferden zu arbeiten, hält Fritz für eine gute Kombination in der Holzgewinnung. „Denn auf besonders verdichtungsempfindlichen Waldböden spielen sie im Vergleich zu Forstmaschinen ihren Vorteil der sehr bodenpfleglichen Holzernte voll aus“, so Fritz. Wird der Waldboden nämlich zu stark verdichtet, zerstört dies wertvollen Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Es dauere oft Jahrzehnte, bis sich der Boden erhole, erläutert der Förster. Ein schonender Umgang mit der Natur aber ist für ihn ein wichtiger Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung.
Im Kirchenwald der Kirchengemeinde Esslingen gibt es Rückegassen
Etwa alle 40 Meter sind im Wald sogenannte Rückegassen angelegt. Oft sind sie für Unkundige nur an den Farbmarkierungen, die Fritz an den Bäumen angebracht hat, zu erkennen. Was die Maschine mit ihrem Kranarm, der eine Reichweite von etwa acht Metern hat, packen kann, holt sie von dort aus dem Gelände. Weiter innen kommen dann Seilwinden oder eben Pferde zum Einsatz. Julian Sartorius hängt mit einer Kette einen oder auch mehrere Stämme an das Geschirr an, das Ikar trägt. Bis zu 300 Kilo können die Pferde auf einmal ziehen. Einen um den anderen Stamm zieht das Arbeitspferd aus dem Wald. Später wird Sartorius sie auf seine Forstmaschine laden und zum Abtransport am nächsten Hauptweg stapeln – getrennt nach ihrer Bestimmung zu Bau- oder Brennholz.
Ikar ist im Kirchenwald vier Stunden lang im Einsatz
Das Herausziehen der Stämme durch Pferde schone auch den Bestand der übrigen Bäume, erklärt der Förster. Weil die Tiere sich gezielt ihren Weg zwischen den stehengebliebenen Stämmen suchen und weniger Platz brauchen, kommt es kaum zu Schäden an diesen Bäumen. Abschürfungen oder andere Verletzungen der Rinde bildeten die Eintrittspforte für Pilze und andere Schädlinge und dies wolle man ja bei den Bäumen vermeiden, die noch über Jahrzehnte weiterwachsen sollen, so Daniel Fritz. Vier Stunden am Tag ist Ikar im Einsatz, dann löst Nick ihn ab. Sartorius achtet sehr darauf, seine Pferde nicht zu überlasten. Denn neben dem Umweltschutz geht es ihm ums Tierwohl. Das „Vorrücken“ ist Schwerstarbeit für die Tiere, auch wenn die Baumstämme oft nur einige Meter gezogen werden müssen.
Die Leidenschaft für Arbeitspferde hat Julian Sartorius schon als Kind gepackt. Eisern habe er auf sein erstes Pferd gespart, das er sich mit zehn Jahren angeschafft habe, erzählt er. Mit dem Einsatz von Pferden bei der Waldarbeit will er eine Tradition bewahren.