Zwischen Potenzproblemen und Machtkämpfen Wie körperliche Liebe auch in langjährigen Partnerschaften gelingen kann

Die Ärztin Dr. Roswitha Engel-Széchényi betreibt in Stuttgart eine gynäkologische und psycho- und sexualtherapeutische Privatpraxis. Foto: StZN/privat

In Partnerschaften bleibt die körperliche Nähe oft irgendwann auf der Strecke. Wie geht man damit um, und was kann helfen, die gemeinsame Körperlichkeit wiederzubeleben? Das erklärt die Stuttgarter Sexualmedizinerin Roswitha Engel-Széchényi im Interview.

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Regelmäßig Sex zu haben, das gilt als gesund und Bestandteil einer gut funktionierenden Liebesbeziehung. Doch nicht immer gelingt eine für beide erfüllende Sexualität auf Dauer. Im Gegenteil: Die Stuttgarter Gynäkologin und Psycho- und Sexualtherapeutin Roswitha Engel-Széchényi erklärt, in langjährigen Partnerschaften funktioniere Sex oft nicht so, dass er beide Partner zufriedenstelle – oder er finde überhaupt nicht mehr statt. Was können Paare tun, wenn sie das stört?

 

Frau Engel-Széchényi, wenn Paare keinen Sex haben, heißt es oft, dass etwas nicht stimmt mit der Beziehung. Aber es gibt doch Lebensphasen, in denen Sex einfach nicht so wichtig ist, oder?

Klar, viele Paare haben überhaupt keinen Sex. Etwa im ersten Jahr, wenn ein Kind geboren ist. Da ist die Frau froh, wenn mal niemand an ihr dranhängt. Wie der Mann das verkraftet, hängt davon ab, wie sicher gebunden er ist. Viele Paare haben leider schon in der Schwangerschaft keinen Sex mehr.

Wobei Frauen doch in der Schwangerschaft oft Lust auf Sex haben.

Richtig, im zweiten Trimester meist. Und für Paare, die das dann ausleben können, ist das auch eine echte Sex-Hochzeit. Aber leider haben viele Männer und auch Frauen Ängste, dem Kind zu schaden, dass es der Frau weh tun könnte oder es irgendwie unangemessen ist. Auch in Phasen der Krankheit rückt das Thema Sex in den Hintergrund, dann wünschen wir uns eher kleine Berührungen. Oder wenn man die Verwandtschaft pflegt, sich beruflich stark verausgabt – unser Leben ist voll von solchen Dingen. Wenn man dann nicht aktiv versucht, körperlich nah beieinander zu bleiben, reiht sich eine solche Phase an die andere. Und das führt dazu, dass auch Paare ohne schwere Beziehungsstörung manchmal monate- oder jahrelang keinen Sex haben.

Manche finden das wohl normal.

Ich erfahre auch als Frauenärztin aus vielen Gesprächen, dass in jeder Beziehung, die über einen längeren Zeitraum hinweg einen gemeinsamen Alltag lebt, Sexualität in irgendeiner Weise, ich will jetzt nicht sagen: gestört ist – aber auf jeden Fall nicht so funktioniert, wie sich das zumindest einer von beiden vorstellt. Sex wird in jeder Partnerschaft irgendwann Verhandlungssache.

Wie gehen Paare Ihrer Erfahrung nach damit um?

Ganz viele arrangieren sich in Beziehungen lange Zeit ohne Sex. Viele überlegen sich Bewältigungsstrategien. Man hat Außenbeziehungen, offene oder verborgene. Wenn man in der Beziehung keine Sexualität auslebt, heißt das noch lange nicht, dass man es nicht mit anderen tut oder allein. Viele sublimieren auch, indem sie beruflich Vollgas geben, sich ehrenamtlich engagieren oder anfangen, Marathon zu laufen. Das kennen wir alle in irgendeiner Form. Meist spricht man leider nicht darüber. Und das macht es schwierig, ohne therapeutische Hilfe wieder zu einer gemeinsamen Sexualität zu finden.

Warum spricht man so wenig darüber?

Sexualität ist sehr komplex und immer noch schambehaftet. Nicht nur in Beziehungen haben die Leute oft überhaupt keinen Sex, auch bei Singles kann das über lange Strecken vorkommen. Sie haben dann kein wildes Sexleben ohne Verpflichtungen, wie man sich das so vorstellt. Eher erleben sie überhaupt nichts diesbezüglich, obwohl sie unter gewissen Voraussetzungen mit bestimmten Menschen schon gerne Sex hätten. Aber das lässt sich eben nicht so leicht herbeiführen, das ist ja eigentlich auch klar, und trotzdem schämt man sich dann vielleicht dafür.

Scham spielt also eine große Rolle.

Ja. Auch wenn der Mann Potenzprobleme hat, geht er meist nicht gern zum Arzt. Dann fragt eher die Frau den Arzt: Was kann mein Mann tun? Männer ziehen sich zurück, halten ihr Problem unter Verschluss. Manchmal ist das der Frau sogar recht, das erschreckt mich immer. Sie sagt dann: Ach, das war mit dem schon seit Jahren nicht mehr schön für mich, ich habe nur noch mitgemacht, damit mein Mann zufrieden ist. Sie ist froh, wenn es irgendwann ganz vorbei ist mit dem Ehesex.

Verlieren manche vielleicht einfach generell die Lust auf Sex?

Wenn einer keine Lust hat auf Sex mit dem Partner, bedeutet das meist noch lange nicht, dass derjenige grundsätzlich keine Lust darauf hat. Oft eben nicht auf Sex mit dem eigenen Partner.

Den hat man sich allerdings selbst früher einmal ausgesucht, warum gefällt der jetzt nicht mehr?

Da spielen so viele Dinge mit rein, auch scheinbar Oberflächliches. Wenn ich mich einst in eine sportliche Frau verliebt habe, und die hat 20 Kilo zugenommen, gefällt mir das vielleicht nicht mehr, und ich kann dann auch keine Lust empfinden. Und wenn ich mir einen zugewandten Ehemann ausgesucht habe und zehn Jahre später versinkt er in der Arbeit und beachtet mich nicht, dann fühle ich mich nicht gesehen und geliebt und empfinde auch keine Lust mehr auf ihn.

Das klingt hart. Wir verändern uns doch alle. Können Paare nicht gemeinsam mit Veränderungen umgehen?

Meiner Erfahrung nach fällt das vielen Paaren schwer. Gelingen kann es denjenigen, die eine gute Beziehungsebene haben. Das sind Paare, die auch verstehen, dass die Sexualität sich verändert und verändern muss, wenn man einander nah bleiben will.

Das fällt vielen schwer?

Manche denken, es müsste wieder so eine Lust aufkommen wie in der Verliebtheit am Anfang, als wäre das die einzige Art von Lust, dieses unbedingte, unabdingbare Verlangen. Doch das ist leider überhaupt nicht zu wiederholen, so bedauerlich das ist. Man wird es mit dem altgedienten Partner nicht noch einmal erleben können. Dafür kann man im besten Fall sexuell aber viele andere schöne Dinge miteinander haben. Wenn allerdings einer partout keine Lust mehr hat auf Sex mit dem Partner und sich das gar nicht mehr vorstellen kann, während der andere es durchaus will – dann ist das wirklich ein Problem.

Wenn beide nun im Grunde wollen, aber gar nicht wissen, wie sie es angehen sollen, kann ein Therapeut da helfen?

Es ist eine der schwierigsten therapeutischen Aufgaben, Paare zu einer gemeinsamen Körperlichkeit zu führen. Wir müssen erst einmal herausfinden, was da alles reinspielt. Oft stimmt es auch nicht ganz auf der Beziehungsebene. Und manchmal sind sexuell betrachtet in der Vergangenheit kleinere und größere Verletzungen vorgefallen. Die Sexualität ist ein wichtiger Teil des Beziehungslebens. Manchmal blockiert einer total und spielt das auf anderen Ebenen aus.

Wie denn?

Es kann sein, dass die Frau sagt: Wenn du mir nicht entgegenkommst im Haushalt und mit den Kindern, dann verwehre ich mich. Umgekehrt sagt er: Wenn du dich verwehrst, helfe ich dir nicht beim Haushalt. Das ist eine klassische Kaskade. Es geht um Machtkämpfe. Manchmal weiß einer aber auch einfach nicht, wie er dem Partner oder der Partnerin sagen soll, was er will. Oder er hat es gesagt, aber der oder die andere kann es nicht umsetzen. Und dann verliert er seine Lust oder richtet sie auf jemand anderen.

Ist es ungesund, gar keinen Sex mehr zu haben?

Das nicht, aber umgekehrt sind Sexualität und Körperlichkeit sehr gesundheitsfördernd. Wenn Sex in einer Partnerschaft funktioniert, fühlt man sich aufgehoben, angenommen und sicher gebunden. Es stärkt unsere Resilienz, im besten Fall sogar unser Immunsystem. Der Körper schüttet Botenstoffe wie Oxytocin und Serotonin aus, und wir fühlen uns einfach wohlig und gut. Wenn wir im Bett miteinander liebevoll und zärtlich sind, manchmal sogar witzig, dann stärken wir damit unsere vielleicht wichtigste zwischenmenschliche Bindung.

Zur Person

Expertin
 Dr. med. Roswitha Engel-Széchényi betreibt eine gynäkologische Privatpraxis in Stuttgart. Sie ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, ärztliche Psychotherapeutin (tiefenpsychologisch), Sexualmedizinerin und Sexualtherapeutin.

Weiterbildung
 Engel-Széchényi leitet die AG Sexualmedizin und bildet deutschlandweit Frauenärzte im Bereich der Sexualmedizin und -therapie aus. Sie ist Prüferin für das Fach Sexualmedizin an der Landesärztekammer und bildet zudem Hausärzte in gynäkologisch-sexualmedizinischen Fragestellungen weiter.

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