Zwischenbilanz Katholikentag Stuttgart An den Laien liegt es nicht
Rekorde wird der Stuttgarter Katholikentag nicht brechen. Es braucht Reformen – und zwar jetzt, meint unser Autor Mirko Weber.
Rekorde wird der Stuttgarter Katholikentag nicht brechen. Es braucht Reformen – und zwar jetzt, meint unser Autor Mirko Weber.
Zahlen sind relativ. Als 1848 der erste deutsche Katholikentag im immer schon Revolutionen aufgeschlossenen Mainz stattfand, zählten die frühen Anhänger der Idee ein paar hundert Menschen. Es waren Laien, die von den damaligen Päpsten gleich bekämpft wurden. Etwas anderes als der Klerus hatte in ihrem System, so fanden sie, keine Meinungsberechtigung; eine Anschauung, die sich leider lange halten sollte. Mittlerweile sind Katholikentage etabliert, aber selbst fragwürdig geworden, wie alles, was auf massive öffentliche Zuschüsse angewiesen ist. Lohnt der Aufwand?
Der Grad der Anteilnahme am Katholikentag in der alten (und neuen) Bundesrepublik ist schon höher gewesen als in Stuttgart: 120 000 Menschen kamen 1968 nach Essen, als zum ersten Mal die Amtskirche massiv angegriffen wurde. München reichte 1984 sogar fast an die Grenze von 200 000 Beteiligten heran. Die katholische Kirche hatte ein Jahrzehnt der relativen Öffnung hinter sich – die Bischofskonferenz war zu Zugeständnissen bereit gewesen. Von den Verbrechen im Apparat waren viele Gläubige zwar schon lange belastet, sahen aber noch keine Möglichkeiten, sich als Opfer zu outen. Das System baute auf Verschweigen. Davon kann kaum noch die Rede sein.
Die Laien in der katholischen Kirche von heute gehen in Stuttgart bis zum Abschluss des Katholikentags einen schweren Gang: Trotz aller im Detail aufopferungsvollen Bemühungen wie am multikulturell stimmungsvoll einleitenden Abend der Begegnung, sind – neben anhaltender Verdrossenheit über die katholische Kirche im Kern – viele Gläubige zurzeit einfach unsicher, ob ein Ausflug mit vielen Kontakten während der anhaltenden Pandemie sinnvoll sein kann. Andere Publikumskreise sind da weniger bedenkenträgerisch: Als zuletzt 30 000 Anhänger der Frankfurter Eintracht in sehr viele Flugzeuge stiegen, um Fußballtänzen ums goldene Kalb in Barcelona und Sevilla beizuwohnen, wurden Bedenken lässig bei Seite geschoben. Fußball, auf seine Art der Inszenierung von quasi-religiösen Zügen nicht ganz frei, geht global irgendwie immer.
Wie viel organisierte katholische Religion aber geht noch in Deutschland? Die Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Annette Kurschus, weist darauf hin, dass Zahlen allein keine Relevanz haben, wenn der Glauben diskutiert wird. Entscheidend seien die Inhalte. In dieser Hinsicht braucht sich der Stuttgarter Katholikentag nicht zu verstecken. Ernsthaft und engagiert haben die Teilnehmer der eher zu vielen Veranstaltungen Werte im teils radikalen Wandel besprochen. Sich existenziell in Frage zu stellen – und genau dieser Wille ist in Stuttgart auch in kleinerem Kreis spürbar – darf sich freilich nicht auf die Laien beschränken, von denen wohl vor allem die jungen Menschen bald ihre Aktivitäten aufgeben werden, sollten etliche Reformen des „Synodalen Wegs“ nicht zügig umgesetzt werden.
Es war der evangelische Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der genau dazu in Stuttgart die Katholiken ermutigte. Es war, bezeichnenderweise, ebenfalls Steinmeier, der als Einziger auf der Bühne bei der Eröffnung des Katholikentags davon sprach, dass er ein Gebet für wichtig halte. Beten wiederum ist dann, jenseits seiner Anwendung im manchmal heilsam Rituellen, gar nicht so oft auf dem Katholikentag vorgekommen, wie man vielleicht vermuten sollte. Auch darüber ließe sich nachdenken. Der nächste Katholikentag findet 2024 im thüringischen Erfurt statt. Ohne einschneidende Taten bis dorthin droht der katholischen Kirche der Ruin. An den Laien läge das nicht.