Stuttgart, Nürtingen, Esslingen, Böblingen, Plochingen, Schorndorf, Schönaich – verschiedene Orte in verschiedenen Landkreisen in der Region sind in den letzten Tagen zu Schauplätzen einer Gruppengewalt außer Rand und Band geworden. Mit Messerstichen, mit Schlagstockhieben, mit gezielten Pistolenschüssen. Bei zehn Zusammenstößen binnen zwei Wochen hat es mindestens elf zum Teil schwer verletzte Opfer gegeben. Was sind die Hintergründe?
Jeder Dritte hat mindestens gelegentlich ein Messer dabei
Experten schlagen schon seit Jahren Alarm. Denn auch im Dunkelfeld zeichnet sich Bedenkliches ab. Kriminologe Dirk Baier von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften spricht davon, dass jeder dritte männliche Jugendliche in seiner Freizeit zumindest gelegentlich ein Messer mit sich führt. Jeder achte habe sein Messer sogar häufiger dabei. Das alles sind Erkenntnisse aus Schülerbefragungen, die Baier zusammen mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen zuletzt 2017 ausgewertet hat. In den nächsten Wochen sollen die neuesten Zahlen aus der Befragung 2019 folgen.
Die Gründe? Es ist nicht so, dass die Jugendlichen, die an dem Zwischenfall am 7. Februar in der Königstraße beteiligt waren, eisern schweigen würden. „Die einen sagen, sie haben was gesehen, die anderen, sie haben nur was gehört, von einem Kumpel, von dem sie nur den Vornamen kennen – und insgesamt bleibt alles ziemlich unklar“, sagt Polizeisprecherin Ackermann. Die Polizei weiß nur: Eine arabischstämmige Gruppe und eine afrikanischstämmige Gruppe war da aneinander geraten.
Ganz unterschiedliche Kaliber
Ein typisches Problem aus Flüchtlingskreisen etwa? Keineswegs, stellt Dirk Baier fest. Das Problem existiere schon viele Jahre vorher und habe vor allem mit einem zu tun: mit falsch verstandenen Männlichkeitsbildern von Jugendlichen. Messer seien nur ein Teil davon. „Es braucht eine breitere Gewaltprävention, die sich den verschiedenen Einflussfaktoren des Gewaltverhaltens widmet“, sagt der Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention. Dazu gehöre auch Alkohol- und Drogenkonsum sowie negative Erziehungserfahrungen.
Dabei sind es unterschiedliche Kaliber, die ihre Messer zücken. In Nürtingen, nur eine Nacht nach dem Stuttgarter Vorfall, sind es zumeist polizeibekannte junge Männer aus gewaltbereiten türkisch-kurdischen Kreisen. Ein 18-Jähriger landet als Beschuldigter in Haft. Ein 19-Jähriger muss von Notfallmedizinern gerettet werden. Die Polizei bildet eine 16-köpfige Ermittlungskommission, muss sie später aufstocken. Diese jungen Herren sagen gar nichts, weder Täter noch Opfer.
Auch das gibt es: Eifersucht
In Esslingen dagegen, zwei weitere Nächte später, belässt man es mit Fäusten und Tritten, als sich zwei vierköpfige Gruppen im Dick-Areal verprügeln. Der 16-jährige Hauptverdächtige ist deutscher Staatsangehöriger, und es geht um ein Mädchen. Der Ex gegen den aktuellen Freund.
Der seltsame Überfall nachts auf dem Parkplatz eines Einkaufsmarkts an der Otto-Lilienthal-Straße in Böblingen, zwei Tage nach Esslingen, wirkt wie die Abrechnung einer Drogenbande. Eine 22-jährige Frau, fährt mit ihrem Freund und zwei Begleitern mit einem Mercedes vor, wo ein Audi mit fünf jungen Männern wartet. Die greifen mit Schlagstöcken und Baseballschlägern an. Die Beteiligten deutscher, türkischer und kosovarischer Herkunft haben aber nichts mit Drogen im Sinne. „Die 22-jährige Frau hatte Streit mit ihrem Freund“, sagt Polizeisprecherin Yvonne Schächtele, „das hat ihre Freundin mitbekommen, die daraufhin mit ihren Bekannten eine Klärung auf dem Parkplatz organisierte.“
Eine noch offene Rechnung in Plochingen
Dass wenige Stunden später zwei Gruppen unterschiedlichster Nationalität im Alter von 19 bis 21 Jahren in der Talstraße in Böblingen aneinander gerieten, habe mit dem nächtlichen Fall nicht zu tun gehabt, sagt die Polizeisprecherin. Ein noch Unbekannter hat mit einem Messer auf einen 19-Jährigen losgehen wollen – war aber von den eigenen Leuten zurückgehalten worden.
Mit Schuss- und Stichverletzungen und zwei Schwerverletzten endet am nächsten Tag eine Auseinandersetzung in Plochingen (Kreis Esslingen) – und die Stadt hält den Atem an. Die Polizei sperrt die Straßen ab, mit Helm und Schutzwesten. Spezialeinsatzkommando und Polizeihubschrauber sind im Einsatz. Die Beteiligten im Alter von 20 bis 29 Jahren sind keine Unbekannten. Es gibt personelle Überschneidungen mit dem Fall in Nürtingen. „Deshalb ermittelt die selbe Ermittlungskommission“, sagt der zuständige Polizeisprecher Michael Schaal. Ganz offensichtlich ist Plochingen ein Nachspiel von Nürtingen.
Die Zahlen bessern sich
Dabei hätte das baden-württembergische Innenministerium positive Nachrichten vermelden können. Nachdem die Zahl der Straftaten, bei denen unter 21-Jährige mit einem Messer beteiligt waren, im Jahr 2018 einen traurigen Höchstwert erreicht hatte, sieht es für 2019 wieder besser aus. 1466 junge Tatverdächtige waren es zuletzt im Südwesten. „Nun zeichnet sich ein Rückgang ab“, sagt Ministeriumssprecher Renato Gigliotti.
Nein, von einer Messer-Epidemie will der Zürcher Kriminologe Dirk Baier nicht sprechen. „Die Politik sollte Statistiken vorsichtig und in nicht dramatisierender Weise interpretieren“, sagt er. Und doch sei klare Kante gefordert, so Baier: „Hierzu gehört ein klares gesetzliches Verbot des Messertragens für Jugendliche und eine stärkere Kontrolle des Handels mit Messern, insbesondere im Internet.“
Die dunklen Wolken ziehen weiter
Denn der Februar 2020 bleibt unter dunklen Wolken. Eine Massenschlägerei in Schönaich (Kreis Böblingen) am Wochenende. In Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) werden Passanten provoziert, geschlagen und beraubt, rivalisierende Gruppen müssen von der Polizei vertrieben werden. „Da gibt es Intensivtäter, um die sich andere scharen“, sagt Polizeisprecher Rudolf Biehlmaier. In einem der Schorndorfer Ausschreitungen sei ein 14-jähriges Mädchen mit einem Messer bedroht worden. Der Tatverdächtige ist erst zwölf.