Zwischenlager für Atommüll Allein Neckarwestheim gilt als vorbildlich

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Eine Studie wirft Fragen nach der langfristigen Sicherheit der 16 deutschen Zwischenlager auf. Da sich die Eröffnung eines Atomendlagers noch hinzieht, könnte eine Nachrüstung erforderlich werden.

Die Suche nach einem Endlager für den Atommüll zieht sich. Foto: dpa
Die Suche nach einem Endlager für den Atommüll zieht sich. Foto: dpa

Stuttgart - Ein vom Nationalen Begleitgremium für die Endlagersuche beauftragtes Gutachten des Öko-Instituts Darmstadt befasst sich mit der langfristigen Sicherheit der 16 atomaren Zwischenlager in Deutschland, von denen drei in Baden-Württemberg liegen: Neckarwestheim, Philippsburg sowie Obrigheim, obgleich Letzteres – ein Nasslager – gerade geräumt worden ist. Die Genehmigungen – erteilt jeweils für 40 Jahre – enden zwischen den Jahren 2034 und 2046. Dass bis dahin ein Endlager gebaut und eröffnet worden ist und die Zwischenlager geleert werden könnten, daran glaubt mittlerweile keiner mehr. „Die entstehende Lücke kann einige Jahrzehnte groß sein“, heißt es im Gutachten. Das Öko-Institut, das sich im Gutachten auf frühere Studien und Ergebnisse des Stresstestes für Zwischenlager durch die Entsorgungskommission (ESK) bezieht, weist auf offene Fragen hin, die das längere Zwischenlagern mit sich bringen wird: etwa, ob man ein zentrales Lager eröffnen sollte, ob man die alten Standorte lieber beibehalten oder ob wenige regionale Lager nicht besser wären.

Aktuell gelten die Zwischenlager alle als sicher

Zur aktuellen Sicherheitslage zitiert die Studie die ESK, wonach „die in Deutschland betriebenen Zwischenlager für hoch radioaktive Abfälle keine Sicherheitsdefizite aufweisen, was ihre Widerstandsfähigkeit gegen naturbedingte und zivilisatorische Einwirkungen von außen angeht“. Aber gilt das für alle Zukunft? Die Studie legt nahe, dass dies ständig überprüft werden müsse – denn auch die Bedrohungslagen ändern sich. Terroristen wechseln ihre Taktik, der Klimawandel fördert die Hochwassergefahren, Flugzeuge werden schwerer. Der Absturz eines Flugzeuges ist beispielsweise ein wichtiger Aspekt in der Debatte. So gibt es Zwischenlager des Typs WTI mit einer Wandstärke von 0,85 Metern und einer Deckenstärke von 0,55 Meter – wie in Philippsburg –, andere des Typs STEAG sind mit einer Wandstärke von 1,20 Metern und 1,30 Meter Deckenstärke ausgelegt. All das ist heute rechtens, und die Dicke der Wände allein ist nicht entscheidend.

Forscher der TU Braunschweig haben errechnet, wie die Lagerhallen als „vollwertige mechanische Barriere“ ausgelegt werden könnten. „Gegenüber den heute geltenden Flugzeugabstürzen“ – so heißt es in der Studie – wären Wandstärken von 150 und 180 Zentimetern erforderlich. Das hat kein einziges Zwischenlager. Wollte man diesen Schutz zur Bedingung einer weiteren Genehmigung machen, müssten alle neu gebaut werden. Eine Ausnahme wäre das Zischenlager Neckarwestheim, sagt das Öko-Institut, da dessen Tunnelbauweise an einem Steinbruch schon heute „einen besonderen Schutz vor Flugzeugabstürzen“ habe.

Ungeklärt ist die Lage, wenn die Atomkraftwerke schließen

Ungeklärt ist auch, wie die „Autarkie“ der Zwischenlager, für die bald der Bund zuständig sein wird, auf lange Sicht gewährleistet werden soll. 2022 wird das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet, das heißt, es fehlt den Zwischenlagern der „große Bruder“, von dem sie Dienstleistungen und technische Unterstützung erhalten haben. Wichtig ist das bei Instandsetzungen, wenn etwa die Primärdeckeldichtung eines Behälters repariert werden muss. Dann konnte bisher ein abgeschirmter Raum (Heiße Zelle) des AKW genutzt werden – und in Zukunft? Noch ungeklärt sei, wie hoch der Bedarf solcher „Heißen Zellen“ sein werde, heißt es. Ein anderer wunder Punkt ist die Frage, wie das Langzeitverhalten der eingelagerten Brennelemente aus Leichtwasserreaktoren eigentlich aussieht. „Forschungsprogramme werden sich in den nächsten Jahren auch mit der Öffnung von Lagerbehältern und der Untersuchung des Zustands befassen müssen“, heißt es im Gutachten.

Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) sagte auf Anfrage, die Studie lege nahe, dass die Sicherheitsstandards „ständig zu hinterfragen“ seien – „besonders mit Blick auf die Jahre nach 2040“. Er ergänzte: „Es gibt kein aktuelles Sicherheitsdefizit in unseren Zwischenlagern.“ Die andiskutierte Zusammenlegung von Lagern komme schon aus Kapazitätsgründen nicht infrage: „Insbesondere Neckarwestheim kommt nach der Aufnahme von Brennelementen aus Obrigheim nicht mehr in Betracht.“ Der Neckarwestheimer Bürgermeister Jochen Winkler sagte: „Für uns als Standortkommune liegt vieles im Nebel, wir erwarten, dass rasch eine Roadmap vorgelegt wird, wie es weitergeht.“ Es sei klar, dass nicht alle Castoren vor 2046 die Anlage verlassen, sagte Winkler. Es müsse einen Plan geben, wie mit undichten Behältern umgegangen werde. Neckarwestheim plädiere dafür, dass bei der Festlegung eines Endlagerstandorts ein zentrales Eingangslager errichtet werde, in dem schon vor Fertigstellung des Endlagers Castoren eingebracht werden können.

Das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit bezeichnete die Studie als eine „Zusammenfassung von Sicherheitsfragen“, die nichts Neues enthalte und deren aufgeworfene Fragen von den Behörden beraten werden. Amtspräsident Wolfgang König sieht eine Neuordnung von Lagern eher kritisch: Die dezentrale Lagerung sei eingeführt worden, „um Transporte mit den hochgefährlichen Abfällen“ zu vermeiden. König: „Bei einer Zentralisierung müssten also die Castoren ins neue Zwischenlager und von dort wieder zum Endlager transportiert werden.“ Es handle sich immerhin um bis zu 1900 Castoren.