Zwischennutzung in Stuttgart Zwischen Rotlicht und Beton

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Im Leonhardsviertel findet sich der kleinste Raum für Off-Kultur in Stuttgart. Sieben Kreative zeigen, dass man auch auf 20 Quadratmetern etwas bewegen kann.

  Foto: Stollberg
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Stuttgart - Beton kann herrlich hässlich sein. Das Leonhardsviertel ist an manchen Stellen richtig schön ätzend. In Zeiten, in denen das Auto als Statussymbol weniger wichtig und Wohnraum in der Innenstadt knapp ist, wirkt ein Parkhaus an zentraler Stelle wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Diese drei Beobachtungen sind doch wundervolle Voraussetzungen, mitten im Leonhardsviertel im pittoresken Züblin-Parkhaus in strahlendem Beton einen Projektraum für künstlerischen Schabernack zu installieren, dachten sich sieben Stuttgarter im Sommer und eröffneten eine kleine, aber feine Spielstätte für urbane Zwischennutzung.

Das „Ebene 0“ getaufte Projekt entstand dabei eher zufällig, erzählt Daniel Zopf, der mit Franziska Bettac und Julia Zürn den Vorstand des Vereins stellt. „Beim Weg in die Innenstadt ist uns der kleine Raum mit dem tollen Außenbereich aufgefallen. Eigentlich war in diesem Moment klar, was hier passieren könnte. Die Situation, die zwischen Rotlichtbezirk, Passanten und Anwohnern besteht, fanden wir spannend“, sagt Zopf. Man muss schon ein kreativer Kopf sein, um den Außenbereich des Züblin-Parkhauses toll zu finden. Toll ist indes tatsächlich, was Zopf und seine Kollegen aus dem ehemaligen Kiosk gemacht haben. Der Veranstaltungsraum selbst ist 20 Quadrat­meter klein und beherbergt eine Bar. Die Ausstellungen, Filmvorführungen und Diskussionen, die das Septett organisiert, beschränken sich aber nicht nur auf Stuttgarts derzeit kleinste Off-Location. Die Macher nutzen auch den Bereich rund um ihre eigentliche Ausstellungsfläche.

„Zuletzt waren Streetart-Künstler beim Sprayen vor dem Raum zu sehen. Zeitweise dürfen wir auch Flächen im Parkhaus nutzen. Vor ein paar Wochen gab es einen Filmabend auf vier Stellplätzen hinter unserem Raum“, erzählt Daniel Zopf. Die Ebene 0 ist ein schöner Beleg dafür, dass es auch in dieser Stadt Freiräume gibt, die man nutzen kann. Wenn dann auch noch die zuständigen Ämter in einem seltenen Fall von Verständnis mitspielen, weht ein Hauch von Urbanität durch die ansonsten recht gleichförmig anmutende Innenstadt.

„Manche Damen im Viertel grüßen uns“

Besonders der Außenbereich des Projekts hat dem Leonhardsviertel nicht geschadet. In Sichtweite zum Gustav-Siegle-Haus und zum Straßenstrich tummelten sich plötzlich vorzeigbare junge Menschen, um sich über Parkhauskunst, Stadtentwicklung und die nächste Party auszutauschen. Der Hipster-Treff wurde von den Rotlichtschaffenden dabei freundlich beäugt. „Manche Damen im Viertel grüßen uns und zeigen sich neugierig“, sagt Daniel Zopf erfreut, der neben der Ebene 0 noch das Label Neckarliebe betreibt.

Der Projektraum in Züblin-Parkhaus ist eine temporäre Geschichte, die vorerst nur noch bis zum 27. Oktober läuft. Der Verein, der die Ebene 0 betreibt, würde seinen Betonspielplatz gerne auch im kommenden Jahr betreiben. „Die Entscheidung bezüglich der Genehmigung für die Konzession liegt letztendlich bei der Stadt“, sagt Zopf. Bis zum vorläufigen Ende hat der Ex-Kiosk jede Woche von Donnerstag bis Samstag immer ab 18 Uhr geöffnet. Nachdem die urbane Bude am vergangenen Wochenende vom Farout Collective bespielt wurde, eröffnen heute Iassen Markov und Julian Friedauen alias Divine Design ihre Ausstellung mit dem kaum sperrigen Titel „Apocalypse most likely a tiny bit later than now. In accordance with presumptive details it occurs one year after“. Das Projekt befasst sich mit dem Jahr 2013. „Es werden Kalenderblätter für ein Jahr entstehen, in dem zumindest nach dem Mayakalender die Welt bereits untergegangen ist“, verrät Jan Diez von der Ebene 0. Es ist also höchste Eisenbahn: Bevor die Welt untergeht, sollte man dringend noch ein wenig Stuttgarter Beton-und-Rotlicht-Luft schnuppern.




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