Harry Connick Jr. (l.) spielt die Hauptrolle in dem Film „Find me Falling“. Foto: /Pavlos Vrionides
Der in Aidlingen aufgewachsene Bildregisseur Stephan Metzner lebt seit 20 Jahren auf Zypern. Mit der romantischen Komödie „Find me Falling“ hat er dort einen Film gedreht, der auf Netflix die Streaming-Charts stürmt.
Edmund Langer
30.07.2024 - 18:18 Uhr
Das fliegende Kameraauge rast über das glitzernd-blaue Mittelmeer auf eine steile Felsküste zu. Dort fixiert es ein kleines Häuschen und gleitet scheinbar nahtlos durch ein Fenster ins Innere, wo der neue Bewohner (Harry Connick Jr.) verschlafen seinen Tag beginnt. Noch weiß er nicht, welche Überraschungen ihn hier schon bald erwarten.
Mit diesem sogenannten „Opening Shot“ beginnt der Film „Find me Falling“, der seit seiner Veröffentlichung auf Netflix am 19. Juli die Streaming-Charts stürmt. „Opening Shot“ heißt auf Deutsch Eröffnungssequenz. Solche Begriffe fallen Stephan Metzner aber auf die Schnelle oft nicht ein. Schließlich verständigt er sich in seiner Wahlheimat Zypern hauptsächlich auf Englisch oder Griechisch. Mit Unterbrechungen lebt der in Aidlingen aufgewachsene Bildregisseur jetzt schon seit 20 Jahren auf der Mittelmeerinsel.
Der Film wird in der ersten Woche mehr als 14 Millionen gestreamt
„Find me Falling“ ist sein bisher wohl erfolgreichstes Projekt: Laut dem Streamingdienst Netflix, der sich die Rechte sicherte, wurde der Film allein in der ersten Woche nach Veröffentlichung schon mehr als 14 Millionen Mal angeschaut und stand in 63 Ländern auf Platz 1 der Streamingcharts.
Stephan Metzner (Mitte) mit Regisseurin Stelana Kliris am Set. Foto: _/Pavlos Vrionides/Netflix
Die von Stelana Kliris inszenierte romantische Komödie handelt von einem gealterten Rockstar – gespielt vom amerikanischen Musik- und Filmstar Harry Connick Jr. („Independence Day“, „Copy Kill“, „Will & Grace“), der sich nach einem gefloppten Album auf der Insel Zypern verkriecht. Dort hatte ihn vor Jahren die Liebe zu seinem größten Hit inspiriert. Sein neues Zuhause steht am Rande einer Klippe, die bei Lebensmüden besonders beliebt ist. Davon ahnt er zunächst aber nichts – und auch nicht, dass seine Vergangenheit ihn schon bald einholen wird.
Heimlicher Hauptdarsteller dieses mit feinem Humor, berührender Musik und ästhetischen Bildern erzählten Films ist die Insel Zypern. Genau wie die Hauptfigur des Films ist auch Stephan Metzner dort der Liebe wegen gelandet. Die Lebensgeschichte des 50-Jährigen ist wendungsreicher als so mancher Hollywoodfilm. Von Aidlingen und Sindelfingen, wo er zur Schule ging, führte ihn sein Weg in den Süden der USA, wo er an der University of New Orleans Film studiert hat – damals noch mit Schwerpunkt auf Ton- und Lichttechnik. Dort verliebte er sich in Koula, eine in England aufgewachsene Psychologiestudentin mit zypriotischen Wurzeln. Als nach dem Studium Koulas Aufenthaltsgenehmigung für die USA auslief, zog das Paar im Jahr 2004 nach Zypern, wo es von ein paar Jahren in Amsterdam abgesehen, seitdem gemeinsam in der Hauptstadt Nicosia lebt. „Anfangs habe ich hier vor allem als „Gaffer“ gearbeitet, also als Beleuchtungstechniker“, erklärt er einen weiteren englischen Fachbegriff aus der Filmbranche. Danach habe er sich vom Zweiten über den Ersten Kameraassistenten und den für die Bewegung der Kamera zuständigen „Operator“ bis hin zum „Cinematographer“ hochgearbeitet – also jenen Posten, der beim Vor- und Abspann von deutschsprachigen Produktionen schlichtweg mit „Kamera“ benannt wird. „Bildregisseur würde man auf Deutsch sagen“, erklärt Metzner, schließlich umfasst seine Verantwortung das komplette Spektrum der Kameraarbeit.
Sein Berufswunsch geht weit zurück. „Damals gab es diese Kindersendung, bei der immer mit so einem gelben Bildrand angezeigt wurde, wenn ein Kind die Kamera bedient hat“, erinnert er sich, wie er als kleiner Junge „1,2 oder 3“ mit Michael Schanze angeschaut und danach „Mama, das will ich auch mal machen“, gesagt habe. Heute ist der 50-Jährige in seiner Wahlheimat ein sehr beschäftigtes Mitglied einer stetig wachsenden zypriotischen Filmindustrie – gefördert durch Regierungsmittel und steuerliche Anreize für ausländische Produktionsfirmen. Da Zypern außerdem Mitglied in der EU ist, nutzen alle möglichen Kunden die landschaftlich reizvolle Insel mit Schönwetter-Garantie, um dort Reality-Formate, Werbeclips, Serienfolgen oder Spielfilme zu drehen. Für all diese Formate hat Stephan Metzner bereits Aufträge übernommen und sein Netzwerk dabei immer weiter ausgebaut.
Dreharbeiten standen noch im Zeichen der Pandemie
Über frühere Zusammenarbeiten entstand der Kontakt zur Regisseurin Stelana Kliris. „Wir kennen uns schon seit 2005 und verstehen uns wirklich gut“, erklärt Metzner, wie es dazu kam, dass sie ihn für ihr anfangs noch „The Islander“ genanntes Filmprojekt anfragte. Vor mittlerweile gut zwei Jahren begannen die Dreharbeiten – damals noch inmitten der Coronapandemie, weswegen am Set noch Maskenpflicht herrschte.
Dies war aber nicht die einzige Herausforderung bei diesem Dreh. Hinter der eingangs erwähnten Eröffnungssequenz steckt zum Beispiel ein enormer logistischer Aufwand. „Das war morgens kurz nach Sonnenaufgang und wir hatten die ganze Nacht gedreht“, erinnert sich Metzner. Ein Crewmitglied habe eine Drohne übers Meer gesteuert und ein anderes sei dann aus dem Gebüsch gesprungen, um sie aus der Luft abzugreifen und damit bis ans Fenster zu laufen. „Stelana und ich lagen im Zimmer hinter dem Vorhang und sind bei jedem Take eingeschlafen“, erzählt er. Beim sechsten Take habe die Aufnahme dann endlich geklappt.
Der mit kleinem Budget gedrehte Film fand schließlich mit dem Streamingriesen Netflix einen gewichtigen und finanzstarken Interessenten. Auf seinem Bankkonto mache sich das allerdings nicht bemerkbar, sagt Metzner, eine Gewinnbeteiligung bekomme er nicht. „Aber es macht sich bei den Aufträgen bemerkbar“, berichtet er. Er werde demnächst mit einer großen Produktionsfirma eine Miniserie auf Zypern drehen.
Um den finanziellen Gewinn gehe es dem Kameramann aber ohnehin nicht. „Ich kann manchmal immer noch nicht glauben, dass die mir Geld geben, für etwas, dass ich so sehr liebe“, sagt er – macht aber auch deutlich, dass die Arbeitstage mit stundenlangen Drehs in teils mehr als 40 Grad Hitze sicher nicht jedermanns Sache sind.
Über den Film entstand eine Freundschaft zu Harry Connic Jr.
Mittlerweile liegen die Dreharbeiten zu „Find me Falling“ für Metzner lange zurück. Mit Harry Connick Jr. sei er aber immer noch in Kontakt. „Wir waren damals gleich am Anfang bei den ersten Testaufnahmen ins Gespräch gekommen“, erzählt Metzner, wobei ihm der Akzent des Schauspielers aufgefallen sei. „Er kommt nämlich aus New Orleans und ist nur zwei Blocks entfernt von da, wo ich damals gewohnt habe, aufgewachsen.“
Infos zum Film und wie man ihn sehen kann
Abo Die romantische Komödie „Find me Falling“ ist bisher nur über den Streamingdienst Netflix zu sehen. Ein Abo kostet hier zwischen monatlich 4,99 Euro (Basisabo mit Werbung) und 19,99 Euro (Premium).
Trivia Die Songs zum Film hat Harry Connick Jr. selbst geschrieben. Die Tattoos an seinem Oberkörper sind nur für den Film aufgeschminkt worden und nicht echt. Die vermeintliche Selbstmörderklippe ist in Wahrheit ein geschütztes Naturschutzgebiet, das Haus ist deshalb nur eine auf Sandsäcke gestellte Filmkulisse.